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Der ADAC: Eine wichtige deutsche Institutionen mit falschen Schwerpunkten.

Kommentar

ADAC: Alter Deutscher Automobilclub

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Mit seinem Bild zum neuen Präsidium erntet der ADAC viel Spott in den sozialen Netzwerken. Das wirkliche Problem ist ein anderes: Die Unfähigkeit zur Innovation. 

Der Allgemeine Deutsche Automobilclub hat ein neues Präsidium: Wieder sind es allein alte Männer, die Lösungen für eines der wichtigsten Themen der deutschen Wirtschaft und ihrer Kunden finden sollen. So lustig sich die Aufregung in den sozialen Netzwerken liest, so bitterernst ist die Geschichte, die dieses Bild erzählt. Wichtige deutsche Institutionen setzen die falschen Schwerpunkte und betonieren diese immer weiter.

Die Wahrheit hinter diesem Bild ist eine wirkliche Katastrophe, da der Verein mehr als 20 Millionen Mitglieder vertritt. Mit dieser Macht könnte der Allgemeine Deutsche Automobilclub Ideen für einen neuen Individualverkehr finden, die Digitalisierung vorantreiben, die Gesellschaft auf eine neue Art des ökologischen Transports vorbereiten. Und natürlich hat der Verein auch eine Verpflichtung, die Interessen all seiner Mitglieder zu vertreten.

Starke Signale – nur leider frauenfeindlich und rückwärtsgewandt

Da der ADAC massiv bei Pannen neue Mitglieder anwirbt, stoßen zumindest die Gelben Engel vor Ort auf die Realität: Ups, da sind ja auch Frauen in den Autos. Der ADAC verwendet sehr viel Geld und Energie darauf, damit seine Organisation aus Pannenopfern Mitglieder macht und meldet stolz Rekordzahlen. Diese Energie endet beim Mitgliedsausweis, es ist kein Programm zu erkennen, die Frauen auch in der Führung zu repräsentieren.

Stattdessen trifft sich ein Altherrenclub an der Rennstrecke des Nürburgrings – ein starkes Symbol, aber genau das Falsche. Es sagt: Wir lieben es, wenn sehr viel Geld in die Maximierung von Geschwindigkeit, in knallharten Motoren-Wettbewerb und höchste Fahrergehälter investiert wird. Der Gestank und Lärm vorbeirasender Formel-1-Boliden und die leichtbekleideten Grid-Girls werden bei dieser Ortswahl in den inneren Bildern kostenlos dazugeliefert. Geschaffen wird ein Ambiente eines automobilen Ancien Régime, mit dem es nicht möglich sein wird, über Alternativen zu sprechen, egal ob Tempolimit oder nachhaltiger Urlaub.

Ohne Gleichberechtigung keine Innovation

„Du bist anderer Meinung, ich freue mich“, ist einer der wichtigsten Sätze jedes Innovationsteams. Je größer das Reservoir an Ideen ist, aus denen eine Gruppe schöpfen kann, desto vielfältiger sind die Lösungsstrategien. Wenn aber die demographischen Voraussetzungen, die Biographien und aktuellen Lebenssituationen, die gespeicherten Erfahrungen und damit die Sehnsüchte standardisiert werden, dann kommt ein trauriges Bild dabei heraus: Gestanztes Lächeln von links nach rechts, Männer in immergleichen Anzügen, deren einziger Farbtupfer etwas andere Krawattenfarben sind.

Das ist das Gegenteil von dem, was eine Gesellschaft und eine Wirtschaft im Umbruch benötigt. Der ADAC steht hier symbolisch für unser Land. Der 106 Jahre alte Club unternimmt derzeit große Anstrengungen, um sich zu modernisieren und die Botschaften in die Organisation zu tragen. So sprach der renommierte Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky auf der Hauptversammlung. Sein Credo für eine gelungene digitale Wende: „Wir können alles messen. Alles, was wir messen können, können wir prognostizieren. Alles, was wir prognostizieren können, können wir verbessern.“ Genau richtig. Die Optimierung hat nur einen Haken: Der Empfänger der Messdaten und Prognosen muss auch in der Lage sein, die Signale zu verarbeiten, die sie erhält.

Wir beschleunigen uns zu Tode in die falsche Richtung

Frühere Führung hat die Stärke der Gruppe so definiert: Wenn auch der schwächste sich wohl fühlt, geht es allen gut. Der Anführer braucht Experten, die ihn bitte nicht in Frage stellen, und kümmert sich um die Schwächsten. Andere Meinungen werden weggemobbt, bis ein friedliches homogenes Gebilde die Gemeinschaft schlagkräftig leitet. Dieses Modell ist angenehm, führt aber nicht aus der Krise. So beschleunigen wir unser Tempo zu Tode und wiederholen die immer gleichen Fehler von gestern auch heute. Was wir brauchen, sind vielfältige, sehr starke Gegengewichte. Eine Kultur des sachlichen Streitens, des Respekts vor anderen Meinungen, die Fähigkeit zum Kompromiss. So unkuschelig es sich manchmal anfühlen mag: Die stärkste Gegenmeinung, die eine Gruppe aushält, bestimmt, wie stark die Gemeinschaft ist.

Der Fehler in den Bildern alter weißer Männer vom ADAC-Präsidium bis zu Horst Seehofers Heimatministerium-Team liegt also nicht an deren individuellen Fähigkeit zuzuhören und Ideen zu haben. Das mag durchaus gegeben sein. Der Sündenfall liegt darin, keine Förderung von Vielfalt betrieben zu haben. Falsche Personalpolitik, falsche Rekrutierung, falsche Förderung von Führungsnachwuchs, falsches Harmoniebedürfnis, falsche Werte führen zu solchen Bildern aus einer alten Zeit.

Wenn wir das nicht ändern, werden wir ein Paradies für reiche chinesische Rentner, die sich an die alte Zeit erinnern wollen, als laute Rennstrecken und frauenfeindliche Männerfantasien noch in Mode waren. Ein Innovationsstandort werden wir nicht. Ich freue mich, wenn Sie eine andere Meinung dazu haben.

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