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Vorsicht, Politiker lügen vor der Kamera: ARD-Talkshow "Hart aber fair" mit Katrin Göring-Eckardt, Michel Friedman und Christian Lindner (v. links).
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Vorsicht, Politiker lügen vor der Kamera: ARD-Talkshow "Hart aber fair" mit Katrin Göring-Eckardt, Michel Friedman und Christian Lindner (v. links).

Kolumne Landesmedienanstalten

Achtung, Sie verlassen die Wirklichkeit

  • Volker Heise
    VonVolker Heise
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Unsere Medienhüter wollen die Zuschauer vor bestimmten Formaten warnen. Warum nicht auch vor der Tagesschau? Vor den Nachrichten hilft der Hinweis, mit einem Format konfrontiert zu sein, das in 15 Minuten die ganze Welt unterbringen will.

Zuerst ein kleiner theoretischer Exkurs: Für heutige Ohren einigermaßen pathetisch hat der russische Regisseur Sergej Eisenstein einmal gesagt, es sei ihm vollkommen Wurst, mit welchen Mitteln ein Film arbeite – ob mit Schauspielern und inszenierten Bildern oder mit den Mitteln des Dokumentarfilms –, denn am Ende gehe es nie um die Wirklichkeit, sondern immer um die Wahrheit, und ein Film sei ein Film sei ein Film.

Dahinter steckt eine tiefe Einsicht: Wer einen Film macht, bedient sich einer Kamera, wählt Ausschnitte aus, montiert die Ausschnitte und schließlich kommt eine Erzählung dabei heraus, die mit anderen Erzählungen um die Deutungshoheit über die Wirklichkeit konkurriert. Dokumentarfilmer vergessen den Umstand gerne und erheben exklusiven Anspruch auf die Wirklichkeit, was natürlich Quatsch ist. Der Unterschied zum Spielfilm besteht nur aus dem Verfahren: Die einen sperren während der Dreharbeiten die Wirklichkeit aus, um zu ihrer Erzählung zu kommen, die anderen lassen sie herein.

Nun eine Meldung: Die Landesmedienanstalten fordern eine Kennzeichnungspflicht für „Scripted-Reality“-Formate. Dabei handelt es sich um fiktionale Serien, die so aussehen, als wären sie dokumentarische Serien. Sie heißen „Familien im Brennpunkt“, „Betrugsfälle“ oder „Anwälte im Einsatz“ und behandeln Themen, die den Leuten auf den Nägeln brennen: Kinder auf der schiefen Bahn, Ärger mit dem Gesetz, Streit mit dem Nachbarn. Die Schauspieler kommen aus dem Amateurfach, was den Reiz der Sache erhöht, denn das Drama findet nicht wie bei piekfeinen Fernsehfilmen in diskreten Vorortvillen mit Teegeklapper statt und wird auch nicht bemitleidenswert von oben nach unten erzählt, sondern kann im eigenen Wohnzimmer gedreht worden sein mit sich selbst als Hauptdarsteller.

Zuschauer sind klüger als ihre Beschützer

Wer wissen will, was in der Mitte der Gesellschaft los ist, findet reiches Anschauungsmaterial. Im Gegensatz zu den Doku-Soaps, die von den Scripted-Reality-Formaten abgelöst wurden, machen sie auch keine wirklichen Menschen zum Gespött der Leute, denn die Darsteller haben den Schutz der Rolle, was auf einen gewissen zivilisatorischen Fortschritt beim Privatfernsehen schließen lässt. Das Argument der Landesmedienanstalten für die Kennzeichnungspflicht lautet: Die Zuschauer könnten nicht zwischen Inszenierung und Wirklichkeit unterscheiden und wüssten nicht, in welchem Film sie sitzen. Mit Eisenstein könnte man ihm entgegnen: Das ist auch egal, denn sie sitzen so oder so in einem Film und ein Film ist eine Erzählung und damit basta.

Oder man geht die Sache radikal an und fordert, bei Talkshows davor zu warnen, dass Politiker vor der Kamera nicht die Wahrheit erzählen. Vor den Nachrichten hilft der Hinweis, mit einem Format konfrontiert zu sein, das in 15 Minuten die ganze Welt unterbringen will, was mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Auch vor Dokumentationen, die mit Wochenschaupropaganda aus dem Zweiten Weltkrieg arbeiten, sollte gewarnt werden. Am besten wäre es natürlich, wenn im Fernseher ein Einblendung erscheint, sobald er eingeschaltet wird: Achtung, Sie verlassen die Wirklichkeit. Bevor die Landesmedienanstalten aber zur Tat schreiten, sollten sie wissen, dass die Zuschauer schon immer klüger waren als ihre Beschützer.

Volker Heise ist Filmemacher.

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