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Der Winter 2013, ein "Fahrstuhl-Phänomen"?
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Der Winter 2013, ein "Fahrstuhl-Phänomen"?

Wetter

Ach, die Welt ist einfach nicht normal

Überall wird nach dem Frühling gesucht, der dem Winterwetter endlich ein Ende setzt. Doch wie ist das mit dem Wetter wirklich? Sind unsere Erwartungen nicht einfach nur zu hoch? Eine Kolumne.

Von Matthias Horx

Stimmt, es ist nass und kalt, und auch ich habe die Nase voll von Grau und Schnee. Aber hart ist auch das Reden darüber. Im WDR wollte man das Wetter bereits juristisch verklagen. Eine deutsche Tageszeitung schrieb: „Wir haben den Winter durchschaut. Je länger er sich an die Macht klammert, desto mehr stellt er unter Beweis: Er ist ein reaktionäres Relikt vergangener Tage!“ Das war immerhin ironisch gemeint. Aber überall wird bitterernst nach dem Plan gesucht, der tiefen Ursache dieses „Kältedesasters“, dieses „Monsterfrühlings“ oder „Katastrophenmonats“.

„Antropomorphing“ nennt sich eine menschliche Eigenschaft, in unbelebte Dinge menschliche Intentionen zu projizieren. In diesem Sinne will sich „die Natur an der Zivilisation rächen.“ Das klingt großartig und schmeichelt uns. Vielleicht handelt es sich aber auch um das, was die Kognitions-Psychologie „Komfortabilitäts-Eskalation“ nennt oder der Philosoph Odo Marquard das „Fahrstuhl-Phänomen“. Während wir in Sachen Komfort, Wohlstand, Sicherheit immer weiter nach oben fahren, scheint die Welt nach unten, ins Prekäre durchzusacken. Während wir die Raumtemperatur komfortgenau und energieeffektiv regeln, wird jede Abweichung zum Menetekel. Wo kommen wir da hin, wenn die Osterglocken nicht pünktlich blühen?

Wie ist das mit dem Wetter?

In einer Dienstleistungsgesellschaft fühlen wir uns schon dann schwer verletzt, wenn der Ober im Restaurant einmal schlecht drauf ist. Und machen einen „Trend“ daraus, der garantiert bei Plasberg und Co. dramatisiert wird. Züge sollen pünktlich fahren, sonst gibt’s ’nen Shitstorm gegen die Bahnbonzen! Die Banken sollen knackig Zinsen herausrücken, sonst schaffen wir unser Geld ins Ausland. Und natürlich muss das Geld total sicher sein, immer! Oder Europa. Das sollte doch eine einzige, harmonische Veranstaltung werden! Dass es lange dauert und mühsam ist, einen Kontinent mit vielen Kulturen und Ökonomien und Interessen zu harmonisieren – ungeheuerlich, da werden wir ganz zornig und gründen einen D-Mark-Verein!

In unserem Zukunftsbild geht es im Kern um die Bewertung von Störungen. Wie weit sind wir bereit, Störungen als Teil des Lebens und Werdens zu akzeptieren? Wie perfekt muss eine Ehe/ein Ehepartner sein, damit wir uns für die Beziehung einsetzen – auch in schwieriger Zeit? Wie reibungslos muss eine Marktwirtschaft/ein Bankensystem/eine Demokratie funktionieren, damit wir es als „normal“ empfinden und uns als Bürger engagieren?

Und wie ist das mit dem Wetter wirklich? Fragen wir die Kalifornier des Jahres 1862, als es 45 Tage regnete bis das ganze Land metertief unter Wasser stand. Oder die Bewohner Norddeutschlands des Jahres 1362, als eine gewaltige Flut die gesamte Küste zerschlug – so entstand das schöne Sylt. Oder die Zeitgenossen von 1816 (und vieler Jahre zuvor, während der kleinen Eiszeit), als es das ganze Jahr schneite. Global Warming? Ach, die Welt ist einfach nicht normal. Sie war es nie. Und genau deshalb sind wir hier – weil wir uns immer etwas einfallen ließen. Die Jahre nach 1816 brachten viele Innovationen, von Heizungssystemen über neue Dampfmaschinen bis zum Kunstdünger. Was, bitteschön, erfinden wir jetzt? Kuschel-Generatoren mit eingebauter Humordosis, her damit! Shitstorm-Dämpfer, Antijammer-Generatoren und Nörgelunterdrücker wären auch ganz praktisch.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher

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