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Das böse böse Gendersternchen.

Kommentar

Die absurde Angst vor zu viel Rücksicht

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Gleichberechtigung fördern, auf rassistische Kostüme verzichten, Rücksicht nehmen? Alles hysterische Übertreibung! Ein Kommentar zu einer Haltung, die wohl nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können.

Eine Angst geht um in Deutschland. Es ist eine absurde Angst, die wohl nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können: Die Angst, sich zu korrekt zu verhalten. Konkret gemeint ist die Sorge des*r weißen Mitteleuropäer*in, es mit der Rücksicht zu übertreiben.

In den vergangene Tagen kochte sie wieder hoch. Erst an Fasching, wo die Problematik von ethnifizierenden Kostümen thematisiert wurde. Diese wird von einigen Menschen nämlich als weltfremd oder übertrieben wahrgenommen. „Man muss doch nicht auf alles Rücksicht nehmen“ sagen einige, und zeigen so ihre Unfähigkeit, über den Tellerrand ihres privilegierten Weltbildes zu schauen. Das ist unsensibel und beunruhigend, denn es ist nicht klar, ob diese Boshaftigkeit beabsichtigt ist, also aus der Haltung entsteht, dass aus der weißen Privilegiertheit heraus alles erlaubt ist, oder ob sie aus simpler Unkenntnis entsteht.

Kostüme sind nicht harmlos, egal warum man sich als Pocahontas oder „Afrikaner*in“ verkleidet. Derartige Kostüme reduzieren Menschen und verstärken rassistische Klischees in der Gesellschaft. Kostüme anderer Kulturen basieren auf Stereotypen, auf pauschalisierenden Vereinfachungen, und ignorieren damit völlig eine problematische Geschichte, die oft mit Enteignung, Kolonialisierung, Versklavung oder sogar Ausrottung einhergeht. In so einem Kontext ist naives Verkleiden einfach völlig daneben. Man stellt unterdrückte, rassistisch verfolgte und teilweise durch den Kolonialismus ausgerottete Kulturen aus Spaß zur Schau.

Dem*r angsterfüllten Deutschen ist das aber alles egal, denn, zu viel Rücksicht nehmen, puh, wo kommen wir denn da hin? Weil … ja, was ist eigentlich die negative Konsequenz daraus? Ach ja, genau: Keine.

Auch gendergerechte Sprache ist ein Reizthema

Auch der internationale Frauentag hat die absurde Angst vor zu viel Rücksicht erneut geschürt. Denn man spricht im Moment viel über Gleichberechtigung, gendergerechte Sprache, Frauenquoten, Parität im Bundestag. Es ist faszinierend, wie Menschen bei diesen Themen aus der Haut fahren können. „Gender-Gaga“ ist dabei eine gern benutzte Beschimpfung. Besonders die gendergerechte Sprache ist ein Reizthema. Es wird seit Jahren unermüdlich debattiert, ob Frauen nun ein Recht haben, in Texten und Ansprachen erwähnt zu werden, sei es durch tatsächliche Erwähnung wie „Kolleginnen und Kollegen“, oder, wem das zu lang ist, durch Schrägstrich, Binnen-I oder Gendersternchen.

Wirklich durchgesetzt hat sich nichts davon. Denn der Widerstand von Menschen, die Angst vor politischer Korrektheit, Einbindung und Rücksicht haben, ist zu groß. Dabei ist erwiesen: Wer maskulin Formuliertes liest, denkt automatisch an Männer. Das generische Maskulinum ist ein Mythos. Frauen werden in unserem gängigen Sprachgebrauch ausgeschlossen. Und das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Rolle von Frauen in der Gesellschaft.

„Übertriebene Rücksichtnahme“ ist eine Erfindung von privilegierten Menschen, die ihren Status Quo in Gefahr sehen. Die Haltung, dass Rücksicht und Sensibilität „gefährliche Hysterie“ sei, oder der Verzicht auf rassistische Kostüme und die Verwendung von gendergerechter Sprache eine „Übertreibung“ sei, verkehrt völlig die Tatsachen. Man kann nicht zu viel Rücksicht nehmen. Denn daraus resultiert niemals etwas Schlechtes.

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