Kolumne

Abstandsregeln für Meinungen

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Meinungen können das eigene Weltbild erschüttern. Deswegen hat lieber jeder selbst eine, um nicht von der anderer Leute behelligt zu werden. Die Kolumne.

Ich habe nichts gegen Meinungen. Manchmal schreibe ich selbst welche auf. Eine Zeit lang war ich sogar dafür zuständig, die Meinung anderer Kollegen zu bearbeiten. Das darf man nicht derart missverstehen, dass ich so lange an deren Texten herumgeschraubt habe, bis meine Meinung dabei herauskam. Eher habe ich versucht, die Gedanken zu schärfen, obwohl ich sie nicht immer geteilt habe.

Meinung wird oft überschätzt. Guter Journalismus basiert auf anderen Qualitäten. Gedanken, die es wert sind, verbreitet zu werden, haben es oft in sich. Sie stehen dann nicht einfach so in der Welt herum, sondern haben das Zeug, das eigene Weltbild zu erschüttern.

Vermutlich hat deswegen heute lieber jeder selbst eine Meinung, um nicht von der anderer Leute behelligt zu werden. Genau deswegen kursieren sie massenhaft. Meinung ist epidemisch. Die Einhaltung von Abstandsregeln kann auch hier hilfreich sein.

Das berühmte Zitat, das Voltaire zugeschrieben wird, versuche ich mir jedoch noch immer zu eigen zu machen. Wie er würde ich mich für das Demonstrationsrecht anderer einsetzen. Bei den akuten Hygiene-Demos habe ich jedoch den Witz nicht verstanden. Sind sie nun für oder gegen das Händewaschen? Und sollte man überhaupt lange darüber reden?

An den besorgten Bürgerinnen und Bürgern, die nun gegen die strengen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen – mit Sicherheitsabstand oder ohne – stört mich, dass sie genau zu wissen scheinen, um was es ihnen geht.

Ich hingegen bin noch immer ambivalent. Zur Meinungsbildung, da bin ich altmodisch, bedarf es einer soliden Wissensbasis. Ich habe zuletzt einiges über Viren und Pandemien gelesen. Eine Meinung, für die ich auf die Straße gehen würde, traue ich mir allerdings noch nicht zu.

Andere Leute halten es damit ganz anders. Einige von ihnen sind prominent. Sie glauben zu wissen, wo das Virus herkommt und wer es zu welchem Zweck erfunden hat. Der deutsche Rapper Sido wird seit ein paar Tagen heftig gescholten, weil er seinen unsortierten Gedanken freien Lauf gelassen hat.

Das ist beim Rap ein Gestaltungsprinzip. Es muss schnell sein, es muss Rhythmus haben und Dissonanzen. Als Sido kürzlich Überraschungsgast beim berühmten Stanglwirt in Kitzbühel war, mochte trotz einiger Bühnenanstrengungen keine Stimmung aufkommen.

Sido versuchte es daraufhin mit einer Publikumsbeschimpfung. Es habe doch einmal einen Österreicher gegeben, der den Deutschen gezeigt habe, was Ordnung sei.

Was die Meinungen von Prominenten angeht, ziehe ich die Haltung des Fußballtrainers Jürgen Klopp vor. Er sei doch bloß einer, der eine Basecap trage. Warum also frage man ihn dauernd nach seiner Meinung?

Der französische Soziologe Gabriel Tarde hat sich schon 1901 mit der Rolle von Meinungen befasst. „Alles stünde zum besten“, schreibt er, „wenn sich die Meinung darauf beschränkte, die Vernunft zu popularisieren, um sie nach und nach zur Tradition werden zu lassen. Die Vernunft von heute würde derart zur Meinung von morgen und zur Tradition von übermorgen. Doch statt als verbindendes Glied zwischen ihren Nachbarinnen zu dienen, schlägt sich die Meinung gern auf eine der beiden Seiten.“

Die Meinung macht einfach nicht das, was sie soll, und oft entsteht daraus großer Ärger. Aber es wäre auch langweiliger ohne sie.

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