Kolumne

Abgefahren

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Früher gab es Bus, Fahrrad und ganz selten mal ein Taxi. Heute gibt es die Carsharing-App und den E-Scooter, und manchmal fährt die S-Bahn.

Ich habe mal nachgezählt. Auf meinem Smartphone befinden sich derzeit neun Apps, mit denen ich meine Fortbewegung organisiere. Damit meine ich die kleinen Programme, mit denen ich beispielsweise ein Fahrrad mieten, eine U-Bahn-Verbindung raussuchen oder ein Taxi bestellen kann. Manchmal bin ich ganz erschrocken, wenn mein Mobilitätsorganisationsgerät klingelt und jemand mit mir reden will.

Als Studentin habe ich früher entweder mein Fahrrad oder die BVG genommen und mir alle paar Jubeljahre mal eine Taxifahrt gegönnt, mehr Auswahl hatte ich nicht. Jetzt gibt es unter den Verkehrsmittelmöglichkeiten in Berlin mehr Diversität als in den Vorstandsetagen aller DAX-Unternehmen zusammen.

Wenn ich meine Freundinnen in Kreuzberg treffen möchte, kann ich mir nun außerdem ein Fahrrad, einen Elektroroller oder ein Elektrorad mieten, oder ich kann mir ein Sammeltaxi bestellen. Rein theoretisch könnte ich mir auch ein Auto eines Carsharing-Anbieters leihen, aber der Berliner Stadtverkehr ist auch ohne mein Zutun schon gefährlich genug.

Besonders großer Fan bin ich daher seit Neuestem von den Shuttle Services oder Sammeltaxis, wie es ein bisschen realitätsnäher auf Deutsch heißt. Es ist fast so bequem wie Taxi fahren, aber viel billiger und auch lustiger, wenn man am Wochenende nachts auf dem Nachhauseweg noch ein paar Leute von unterschiedlichen Partys abholt. Ihr größter Vorteil ist aber meiner Meinung nach die recht entspannte Fahrweise, mit denen sie mein Radfahrerinnenherz im langsamen, regelkonformen Flug erobert haben. Das haben sie Taxis auch voraus.

Ab diesem Sommer werden nun auch noch E-Scooter auf deutschen Straßen zugelassen. E-Scooter klingt erstmal cool, ein bisschen wie Autoscooter, aber es sind leider nur elektrische Tretroller für Erwachsene. Die Zielgruppe sind also Leute, denen jetzt auch schon alles egal ist. Ich hätte nicht gedacht, dass es je ein Fortbewegungsmittel geben könne, das Segways und Liegefahrräder im Vergleich so würdevoll aussehen lässt.

Ich mag diese große Auswahl, auch wenn mittlerweile viel Zeit dafür draufgeht, die verschiedenen Angebote, Fahrtzeiten und Tarife herauszufinden und zu vergleichen. Ich bin schon mit weniger Planung durch Südostasien gereist, als ich jetzt manchmal für einen Ausflug nach Charlottenburg benötige.

Trotz aller Überforderung bin ich froh, dass es so viele Alternativen zum eigenen PKW gibt. Berlin wird immer voller. Aber noch immer zahlt man nur 20,40 Euro für zwei Jahre Anwohnerparkausweis und bekommt dafür so viele Quadratmeter Innenstadtfläche zur Verfügung wie junge Leute heutzutage in „großzügigen Studentenappartements“.

Außerdem wurde der gesetzliche Stickstoffdioxid-Grenzwert seit seiner Einführung 2010 in Berlin jedes Jahr überschritten. So viel Kontinuität hat man sonst selten in dieser Stadt.

Der öffentliche Personennahverkehr sollte deshalb natürlich vorrangig gefördert werden. Aber ganz ohne Individualverkehr wird es nicht gehen, und dann sind E-Shuttles immer noch besser als die alten Dieseltaxis. Deshalb probieren Sie ruhig mal alle neuen Angebote aus, die Zeit dafür ist gerade optimal. Die Ringbahn rund um die Berliner Innenstadt ist wochenlang gesperrt, eine bessere Werbemaßnahme kann sich kein Konkurrent wünschen.

Katja Berlin ist Autorin.

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