+
Andrea Nahles konnte der SPD kein Leben einhauchen. 

Rücktritt von Andrea Nahles

Andrea Nahles - ein spätes Opfer der Schröderschen Politik

  • schließen

Weiblich, laut, radikal: Andrea Nahles wollte als SPD-Chefin den Erneuerungsprozess ihrer Partei. Zu früh, zu viel? Der Leitartikel.

Ein Bekenntnis vorab: Ich habe ein sentimentales Verhältnis zur Sozialdemokratie. Nicht etwa weil die SPD meine Lieblingspartei wäre oder ich sie häufig gewählt hätte, ganz und gar nicht. Es liegt an der Familie.

Keine Wahl, bei der meine Eltern nicht ihr Kreuz bei der SPD gemacht hätten, sie begeisterten sich für Willy Brandt und Helmut Schmidt. Als aufstiegsorientierte Spätaussiedler war das Sozialprofil der SPD für sie ausschlaggebend, auch im Blick auf die Zukunft ihrer Kinder. Diese Prägung im Elternhaus lässt sich nicht einfach abschütteln, sie hat ihren festen Platz in meinem Gefühlshaushalt.

Rücktritt von Andrea Nahles - Siechtum der SPD auf dem Höhepunkt

Und jetzt, kaum ist das Entsetzen nach der Europawahl abgeklungen, die nächste Katastrophe. Wie bei einer chronischen Krankheit hat das Siechtum der SPD und meine Verbundenheit einen weiteren Negativschub bekommen. Untergangsszenarien kursieren nach der Rücktrittsmeldung von Andrea Nahles.

Diese Frau war nie der Darling ihrer Partei. Respekt hat sie sich als Arbeitsministerin erworben. Ihre Karriere war bestimmt vom Trotzigen: Ich werde es ihnen zeigen! Bereits als Juso-Chefin hatte sie das Machtinstrumentarium gelernt, ohne das es in der Volkspartei kein Fortkommen gab. Schon deshalb erschien sie vielen Genossinnen und Genossen zu kerlig – zu massiv und dominant, zu laut, zu heiser und dröhnend. Von Journalisten wurde diese Abneigung geteilt, aus den Medien schlug ihr kaum verhohlene Aversion entgegen.

Andrea Nahles stellte die Machtfrage

Mit dem SPD-Establishment hat sie es sich verdorben, als sie Franz Müntefering als Parteichef vertrieb. Eine junge Frau stellte die Machtfrage, ein alter Haudegen wurde zum Opfer. Als wäre eine Kampfkandidatur im politischen Betrieb etwas Unsittliches – man erinnere sich nur daran, wie handstreichartig Oskar Lafontaine den Parteivorsitzenden Rudolf Scharping aus dem Amt jagte – bekam sie dafür die Ächtung der Parteifreunde zu spüren.

So tickt die SPD und nennt es Solidarität. Seit Sonntag hat das traditionell linke Lieblingswort mal wieder Konjunktur. Plötzlich finden erstaunlich viele Sozialdemokraten, dass der Umgang mit Andrea Nahles schäbig sei, dass eine verdiente Genossin dies nicht verdient habe, dass man nicht Solidarität nach außen predigen könne, um sie nach innen mit Füßen zu treten.

Das könnte Sie auch interessieren: Die SPD muss die Groko verlassen

Schöne Worte, doch leider verlogen. Im Umgang miteinander haben sich die Genossinnen und Genossen noch nie etwas geschenkt, es stimmt etwas nicht bei ihnen mit der Kritikkultur und dem menschlichen Miteinander. Ein übles Beispiel von einst ist Herbert Wehners Verhalten gegenüber Willy Brandt; aus jüngerer Zeit wäre Martin Schulz anzuführen – und nun Andrea Nahles.

Gerhard Schröder erpresste die Akzeptanz von Harz IV

Sie bekommt schmerzhaft zu spüren, wie sehr sich ihre Partei in den letzten Jahren verändert hat, wie disruptiv die Mitglieder und Mandatsträger inzwischen reagieren.

Bis hin zur Ära Schröder wurde die nach außen getragene Solidarität im Inneren brachial erzwungen. Durch den Kadavergehorsam, der im Tugendkatalog der Sozialdemokraten immer weit oben stand. Durch charismatische Führungsfiguren, die parteiinterne Kritik drohend im Keime erstickten, Gemeinsamkeit trotz Gemurre mit Zuckerbrot und Peitsche erzwangen.

Es war Gerhard Schröder, der die Sozialdemokraten einmal zu häufig auf Linie trimmte, seitdem ist die Partei nicht mehr sie selbst. Die Akzeptanz von Hartz IV, die er als SPD-Kanzler erpresste, hat das programmatische Selbstverständnis der Sozialdemokratie gefleddert und ihr die Seele geraubt. Kaum etwas war trauriger anzusehen als eine SPD, die versuchte, sich von diesem Schlag zu erholen, zu distanzieren, Verbesserungen bei dem Regelwerk einzuführen.

Andrea Nahles konnte der SPD keine Seele einhauchen

Letztlich ist Andrea Nahles ein spätes Opfer der Schröderschen Politik. Als Parteichefin wollte sie das Hartz-IV-Trauma heilen. „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen“, sagte sie zum Amtsantritt. Doch da war die Partei schon tiefgreifend beschädigt.

Weder programmatisch hat sie der SPD eine neue Seele einhauchen können – was keineswegs nur an der großen Koalition lag – noch hat sie parteiinternes Teamplay gefördert, womit sie sich deutlich von ihren männlichen Vorgängern unterscheiden wollte. Wie Martin Schulz umgab auch sie sich am Ende mit einer kleinen Gruppe Vertrauter. Der Wind auf den Fluren des Willy-Brandt-Hauses muss ziemlich kalt sein.

Dabei hat auch Andrea Nahles alle machiavellistischen Tricks ausprobiert, um ihre Machtposition zu stärken. Zuletzt beim gescheiterten Versuch, sich vorzeitig als Fraktionsvorsitzende bestätigen zu lassen. Doch mit Autorität lassen sich die Sozialdemokraten nicht mehr einnorden, schon gar nicht von einer weiblichen Vorsitzenden.

Sie wolle, sagte Andrea Nahles vor der Bundestagswahl, endlich Schluss machen mit den Männerbünden in der SPD, mit den Machos und Alphatieren. Sie ist nicht nur thematisch gescheitert, sondern auch an diesen Strukturen. Tragisch. Und tief enttäuschend für alle, die eine Beziehung zur SPD haben – ob sentimental oder nicht. 

Das könnte Sie auch interessieren

Die Ereignisse um Andrea Nahles und die SPD im Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare