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„Wie wollen Sie denn kontrollieren, was in Italien mit dem Geld gemacht wird?“

Solidarität in der EU

Mit diesen Vorurteilen über Italien müssen wir endlich aufräumen

  • vonAlexandra Geese
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  • Raffaele Trano
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Italien hofft beim EU-Gipfel auf Solidarität. Dabei dürfen Vorurteile keine Rolle spielen.

  • Während dem EU-Gipfel wird deutlich, dass das Bild von Italien vor Vorurteilen strotzt
  • Um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit während der Wirtschaftskrise zu ermöglichen, muss mit diesen Vorurteilen aufgeräumt werden
  • Zu Vorurteilen zählen unter anderem Italiens fehlende Wettbewerbsfähigkeit und ein verschwenderisches Haushalten

Es ist an der Zeit, eine Lanze für die italienische Wirtschaft zu brechen. Wir müssen das verzerrte Bild korrigieren, das rund um den EU-Gipfel in dieser Woche immer wieder durch die Frage offenbar wurde: „Wie wollen Sie denn kontrollieren, was in Italien mit dem Geld gemacht wird?“

Dieses Bild strotzt vor Vorurteilen. Auf der anderen Seite kursieren in Italien Meinungen über Deutsche, die noch vor zehn Jahren undenkbar waren. Aufklärung tut not, besonders in der Krise. Um wieder vertrauensvoll zusammenzuarbeiten, sollten wir mit diesen Vorurteilen aufräumen:

Vorurteile über Italien: Verschwenderisch und nicht wettbewerbsfähig

Vorurteil 1: Italien haushaltet verschwenderisch. Italien erzielt seit 1992 – mit Ausnahme des Krisenjahres 2009 – durchweg primäre Haushaltsüberschüsse. Wenn wir die Zinslast ausnehmen, hat der Staat seitdem konstant mehr Steuern eingenommen, als er ausgegeben hat.

Vorurteil 2: Italien lebt über seine Verhältnisse. Das Gegenteil ist der Fall: Italien verzeichnete bis 2004 und erneut seit 2012 Exportüberschüsse. Und diese sind nicht nur auf den Tourismus zurückzuführen, denn das Land exportiert mehr Industriegüter, als es importiert. Die italienische Wirtschaft konsumiert also weniger, als sie produziert – sie lebt unter ihren Verhältnissen.

Vorurteil 3: Italien ist nicht wettbewerbsfähig auf den Weltmärkten. Italien ist nach Deutschland der zweitgrößte Hersteller von Industriegütern in Europa. „Made in Italy“ ist ein Qualitätsausweis. Entgegen landläufigen Meinungen sind die wichtigsten Exportgüter keine Lifestyleprodukte, sondern Produkte aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der pharmazeutischen Industrie. Bekleidung steht erst an zehnter Stelle. Gerade mit Deutschland sind die Lieferketten eng verknüpft. Wenn die Fabriken in der Lombardei oder im Veneto stillstehen, gerät auch Baden-Württemberg in Schwierigkeiten.

Entgegen der Vorurteile: Durchschnittshaushalt in Italien ist weniger vermögend als der deutsche

Vorurteil 4: Italien bemüht sich zu wenig um Reformen. Vor fünf Jahren schätzte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Reformbemühungen Italiens als deutlich stärker ein als die von Deutschland und Frankreich. Italien hat zuletzt ernsthafte Anstrengungen unternommen. Richtig ist aber auch, dass es noch Luft nach oben gibt. Die ausufernde Bürokratie schreckt Investoren ab und macht den vielen Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen das Leben schwer. Das Steuersystem ist auch für Expert*innen undurchsichtig und die Ziviljustiz langsam. Aber genau dieses Bewusstsein ist in der jüngeren Politiker*innengeneration vorhanden.

Vorurteil 5: Italiener sind reicher als Deutsche. Der italienische Durchschnittshaushalt ist weniger vermögend als der deutsche – obwohl die Eigentumsquote an Wohnraum deutlich höher ist. In Italien gilt Wohneigentum nicht als Zeichen von Wohlstand, sondern ist das Ergebnis von Verzicht und Familienzusammenhalt. Junge Erwachsene leben auch berufstätig noch viele Jahre im Kinderzimmer bei den Eltern, weil sie das Geld sparen, um später eine eigene Wohnung für ihre Familie kaufen zu können. Mietverhältnisse sind dagegen teuer, unsicher und meist keine Alternative. Die Privatvermögen, die in Italien weniger ungleich verteilt sind als in Deutschland, gelten als ein Trumpf für die Wirtschaft, gemeinsam mit der hohen Sparquote und der starken Bereitschaft zu Unternehmensgründung und Selbstständigkeit. Dieses Potenzial gilt es zu heben.

Keine Vorurteile mehr: Italien hat besonders in der Wirtschaftskrise unsere Solidarität verdient

Vorurteil 6: Das Geld wird der Mafia in den Rachen geworfen. Das Gegenteil ist wahr: Wo Liquidität fehlt, kauft die Organisierte Kriminalität Unternehmen auf. Diese stehen dann im Wettbewerb mit europäischen Unternehmen – auch und gerade in Deutschland, wo der Kampf gegen Geldwäsche deutlich zahnloser aufgestellt ist. Es liegt also im deutschen Interesse, dafür zu sorgen, dass der italienische Staat in Krisenzeiten handlungsfähig ist.

Im Angesicht der derzeitigen Mammutaufgabe, Europa in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit zusammenzuhalten, hilft es, wenn wir alle das Bild der Nachbarn geraderücken. Italien hat vom Euro nicht profitiert – im Gegensatz zu Deutschland. Entgegen der weit verbreiteten Einschätzung ist Italien Nettozahler, zahlt also deutlich mehr in den EU-Haushalt ein, als es bekommt. Als Gründungsmitglied und Stabilitätsanker der EU hat Italien unsere Solidarität verdient. Wir können nur gemeinsam erfolgreich sein und sollten alle Kräfte darauf konzentrieren, an einem ökologischen und sozial nachhaltigen Europa zu arbeiten.

Alexandra Geese sitzt für die Grünen im Europaparlament. Sie hat 22 Jahre in Italien gelebt. 

Raffaele Trano ist Vorsitzender des Finanzausschusses im italienischen Parlament. Er ist parteilos (früher „Fünf Sterne“).

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