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Eine Generation nach dem Berliner Mauerfall blühen allerorten die Klischees über diese alte Zeit.

Kolumne

30 Jahre Mauerfall: Wie es wirklich war im sogenannten Sozialismus - das scheint ziemlich unvermittelbar

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Ein nostalgischer Blick zurück mit disneyhaften Zügen hilft nicht. Nach 30 Jahren wäre es Zeit, die größeren Linien herauszuarbeiten - von 1945 bis heute.

Es ist schon ein merkwürdiger Ort, dieses „sowjetische Restaurant“. In Irkutsk, im Süden Sibiriens, haben sie es in einem Neubaukeller eingerichtet, viele Stufen unter Straßenniveau. Wer runtersteigt in die Katakombe, soll alles vorfinden wie anno dazumal. Wenn auch zu eher gutbürgerlichen statt sozialistischen Preisen.

Alte Sessel mit rotem Stern, Lenin-Büste im Bücherregal, die verstaubte Literatur daneben einschlägig gestrig. An den Wänden viel Unpolitisches wie eine alte Brillensammlung, die großen Leuchter im Zuckerbäckerstil, die Speisekarte traditionell: Borschtsch-Suppe, Beef Stroganoff. So also stellen sich Russen heute die alte Sowjetunion vor.

Eine Generation nach dem Berliner Mauerfall blühen die Klischees über die alte Zeit

Es ist nur ein Beispiel dafür, wie sich weltweit nach 30 Jahren Geschichtserinnerung verfestigt, bis ins disneyhaft Groteske. Die Handelnden von damals sind alte Leute geworden. Die Jüngeren von heute erinnern kaum das Leben vor der Zeitenwende von 1989/90. Eine Generation nach dem Berliner Mauerfall blühen allerorten die Klischees über diese alte Zeit. „DDR-Restaurants“ gibt’s ja auch schon wieder. Kategorie: Es war einmal.

Das bedeutet, auch für die 30-Jahre-Feiern am Wochenende in Berlin: Die Zeitzeugen dominieren das Pflichtprogramm, der Transfer ihrer Erfahrungen erweist sich als schwierig, die Jungen können damit nicht mehr viel anfangen. Wie es wirklich war im sogenannten Sozialismus: Das scheint ziemlich unvermittelbar. Die reflexhafte Art, wie vor und nach der Thüringen-Wahl zur Lage im deutschen Osten diskutiert wurde, passt zu dieser Oberflächlichkeit.

Nach 30 Jahren wäre es Zeit, die größeren Linien herauszuarbeiten. Doch selbst in Berlin fehlt bis heute ein Ort der seriösen Darstellung der gesamten deutschen Geschichte von 1945 bis heute. Während rund ums Brandenburger Tor Ramsch aller Art verkauft wird, der für absolute Geschichtsgleichgültigkeit steht.

Der Es-war-einmal-Erlebnisfaktor besteht nur darin, aus dem Alltag verschwundene Gegenstände wiederzuentdecken, die man aus Omas Wohnzimmer kennt. Ganz wie im Westen, wo Utensilien der 50er/60er Jahre oder Erinnerungen an Elvis Presley ausgestellt wurden. Geschmäcker ersetzen Gedanken, wer möchte nicht noch mal 20 sein.

30 Jahre Mauerfall: Gedanken eines '92ers. Ein Kommentar.

Wer in Scapa Flow auf den schottischen Orkney-Inseln war, wo sich vor hundert Jahren die kaiserliche Hochseeflotte selbst versenkt hatte, kennt die Postkarten und Schiffsmodelle mit Reichskriegsflagge, die in den Läden angeboten werden. Das ist der Punkt, an dem Oberflächlichkeit in gefährliche, oft leider gewollte Naivität umschlägt.

Zum Verklären durch die Gestrigen eignen sich Sowjetunion, 50er Jahre, Mauerfall und kaiserliche Militaria 

Zum Verklären durch die Gestrigen aller Länder eignen sich Sowjetunion, 50er Jahre, Mauerfall und kaiserliche Militaria in durchaus unterschiedlicher Weise. Aber es ist schon deprimierend, wie für viele dann nur der gegenwärtige Blick zählt. Das Urteil, ob diese Geschichte einem selbst genutzt hat oder nicht. Oder ob sie egal geworden ist.

Im Sowjetkeller von Irkutsk ist es viel langweiliger als auf Straßenhöhe. Dort oben in der Szenekneipe, wo Che Guevara und nicht Lenin an der Wand hängt, ist wenigstens Leben. Ikone Che war auch einmal. Hatte mit Sibirien eher wenig zu tun, sieht aber ewig jung aus. Und wirkt, zumal in Putin-Land, unangreifbar rebellisch. Gegennostalgie sozusagen. Wenn schon heutzutage die Dynamik fehlt, von der die Alten gern erzählen, 30 Jahre nach der großen Umwälzung.

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