Im kommenden Jahrzehnt müssen wir endlich den richtigen Kampf führen. 

Nach dem Jahrzehnt der sozialen Ungleichheit

2020: Für soziale Gerechtigkeit statt Kapitalrendite

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Wer eine bessere Zukunft will, kommt um eine kritische Rückschau nicht herum. Die FR zieht Bilanz und zeigt, wofür es sich zu streiten lohnt. 

Die 2010er Jahre sind zu Ende. Sie werden als Jahrzehnt der neuen sozialen Ungleichheit in die Geschichte eingehen. Vorbereitet in Deutschland durch Gerhard Schröders Agenda-Politik, gerahmt von einer weltweiten Dominanz der Finanzmärkte, hat sich ein Prinzip durchgesetzt: Die Kapitalrendite ist dauerhaft höher als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen. Meint: Durch einfache Arbeit, durch Sparen kann kein Bürger je aufholen, was Kapitalanleger durch Zinseffekte erzielen. Oder: Es lohnt sich für Investoren mehr, auf die Wertsteigerung von Immobilien zu spekulieren, als von Mietern Geld einzunehmen.

Unser politisches System ist inzwischen mehr darauf ausgelegt, Banken und die Wirtschaft zu schützen als seine Bürger. Dadurch entstehen inakzeptable soziale Spannungen, zentrale Grundprinzipien der Demokratie und der Menschenrechte stehen infrage.

Ironischerweise hat der Kapitalismus damit auch seine eigene Leistungsidee zerstört. Wir haben in den 2010er Jahren gelernt, dass es trotz allen Fleißes und Lernens kaum eine Chance gibt, sich über Lohn und über Sparen nach oben zu arbeiten. Die Grundidee allen Zukunftsstrebens, dass es Kindern und Enkeln einmal besser gehen kann, glauben immer weniger Menschen. Die westlichen Demokratien reagieren mit drei paradoxen Strategien auf diese massive Veränderung: Polarisierung statt Pluralität, Beharren statt Wandel, Egoismus statt Zusammenarbeit.

Internet leistet der Polarisierung Vorschub

Zur Polarisierung leistet die wichtigste technische Neuerung des Jahrzehnts einen entscheidenden Beitrag: Das Internet ist in Zeiten des Smartphones allgegenwärtig. Doch die Freiheit, Fakten zu prüfen und überall am Diskurs teilzunehmen, haben wir eingetauscht gegen den Rückzug in Filterblasen, in denen wir unsere Meinungen feindselig verstärken.

Wir nutzen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nicht, um uns zusammenzutun, Wissen auszutauschen, gemeinsam gegen die Übermacht der Finanzmärkte vorzugehen. Wir bekriegen unsere virtuellen Egos stattdessen untereinander. Es wäre besser, wir würden die Kommunikationsmacht vereinen und einen komplexen Gegner greifbarer und damit angreifbar machen.

In den Sog der Polarisierung ist in diesem Jahrzehnt die Fähigkeit zur Differenzierung und der Respekt vor dem Wert der Pluralität gezogen worden. Unsere Bereitschaft, Alternativen als Chance für neue Lösungen zu akzeptieren, wird immer geringer. Mehr noch: In den 2010er Jahren ist das Bedürfnis ausgeprägter denn je, nicht nur Diskussionen zu gewinnen, sondern andere Meinungen auch endgültig auszulöschen.

Digitalisierung: Menschen reagieren mit Beharren

Impfschäden, Homöopathie und alternative Heilungsmethoden, Bildungsvielfalt, menschengemachter Klimawandel – in immer mehr Fällen hören wir nicht mehr zu, sondern versuchen den Gegner unserer Anschauungen unter Shitstürmen sprechunfähig zu machen. Wir halten Uneindeutigkeit nicht mehr aus, sondern versuchen willkürlich Klarheit zu schaffen und verwechseln diese dann mit Wahrheit.

Die weltweiten Finanzsysteme haben im zurückliegenden Jahrzehnt neue digitale Märkte hervorgebracht. Unabhängig davon, ob wir der Digitalisierung etwas entgegenhalten oder davon profitieren wollen: In jedem Fall müssen wir uns massiv ändern. Verstärkt wird der Druck, umzudenken, durch die Klimakrise.

Die Mehrheit der Menschen reagiert auf die offensichtliche Notwendigkeit zur Veränderung nicht mit Revolution oder Evolution, sondern mit Beharren auf dem Alten. Dabei spielen Parteien als Lösungsansatz kaum noch eine Rolle, wie die letzten Landtagswahlen gezeigt haben: Es ist egal, ob der Ministerpräsident von SPD, CDU oder Linken kommt, er wird „noch ein letztes Mal gewählt“, solange er als Projektionsfläche des Bedürfnisses nach Stabilität in einer Welt der Erosion dient. Oder aber, viel schlimmer noch, die paradoxe Sehnsucht nach Veränderung und stabiler Führung versammelt sich hinter Populisten wie Trump oder den deutschen Rechtsextremisten

Paradoxie des Jahrzehnts: Vereinsamung statt Kooperation

Das führt zur letzten und stärksten Paradoxie des Jahrzehnts. Das neoliberale Ich hat Fleiß und Dauer-Optimierung verinnerlicht, kann damit aber weder politisch noch sozioökonomisch etwas erreichen. Also zieht es sich auf den letzten Bereich zurück, den es kontrollieren kann: das Selbst. Noch nie haben so viele Menschen weltweit anderen dabei zugeschaut, wie sie vereinsamen, statt zu kooperieren.

Das kommende Jahrzehnt kann und muss diese Paradoxien überwinden, wenn es nicht unsere Lebensgrundlagen und Demokratie zerstören will. Wir müssen dazu endlich den richtigen Kampf führen: nicht untereinander, sondern gegen vereinfachende rechte Lösungen und gegen ein unbegrenztes Wachstum von Kapitalerlösen. Es ist Zeit den Götzen Wirtschaft als oberste Norm zu ersetzen. Aus der Vielzahl an Ideen, die es längst gibt, müssen wir eine klar formulierte Vision entwickeln: eine innovative, aber sozial gerechte Welt, in der jeder Entwicklungschancen hat und in der wir den Klimawandel überleben. 

Lesen Sie hier eine Zukunftsutopie zum Jahreswechsel

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