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Überflüssig: Die IAA.

IAA 2019 in Frankfurt

Die IAA kann weg

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Die Passion für das Auto ist zu einem Wahn geworden - und dafür wurde die Verkehrswende nicht etwa verschlafen, sondern bewusst unterlassen. Die Kolumne. 

Eigentlich ist es ja schade, dass aufgrund einer Vielzahl von Gründen so einiges auf der Strecke blieb. Etwa Käpt’n Nuss. Die Älteren werden sich erinnern, das war eine Nuss-Nougat-Creme aus den frühen siebziger Jahren. Oder Knaddel-Daddel-Äppelwoi, ein Versuch aus der gleichen Zeit, das hessische Getränk bundesweit zu verbreiten.

Genauso verschwunden sind Bonanzaräder, Sago, Glöckchen an Jeanshosen, der Bericht aus Bonn, Bohnerwachs, Eierschneider, Reserveräder, Sparbücher, Dosenmilch, Bielefeld, Gamaschen, Katzenzungen, das Testbild im Fernsehen, Schnee, die FDP, Trockenshampoo, Nahtstrümpfe, Wurstsuppe, D-Züge, Stocknägel, Tankwarte, Krabbencocktails, Prilblumen, Telefonhäuschen, Sandmännchen, Badekappen, Schiffschaukelbremser, Habenzinsen und natürlich die gesamte DDR mit Unzähligem, das alles aufzuzählen man eine ganze Zeitungsseite benötigte. Stellvertretend seien hier nur die Kettwurst, der Trabant, das Westfernsehen und Margot Honecker genannt.

Die IAA - einst eine faszinierende Veranstaltung

Anderes gibt es zwar noch, aber voraussichtlich nicht mehr lange. Plastiktüten gehören dazu, ferner Landärzte, gesunde Wälder, Raucher, Tischmanieren – und hoffentlich Kreuzfahrten, Billigflüge, E-Scooter, SUVs, Crema Di Balsamico, Flip-Flops und die AfD.

Dann ist da noch etwas, dessen Verschwinden ich, ganz ehrlich, mit gemischten Gefühlen sehe: die IAA, die Internationale Automobil Ausstellung in Frankfurt. Früher nämlich war dies eine faszinierende Veranstaltung. Geniale Ingenieure und Designer versuchten, den Nachkriegsmenschen in den kapitalistischen Ländern den Wunsch nach Unabhängigkeit und Mobilität zu erfüllen. Sie ermöglichten ihnen, auf eigene Faust an die Adria und die Costa Brava zu fahren, zum Picknick in den Wald, zur Arbeit und zu Tante Käthe nach Calw.

Sie schufen dafür keine nüchternen Fahrzeuge, sondern Ikonen auf Rädern mit Namen wie VW Käfer, Fiat 500, Citroen DS, Ford Capri, Opel Rekord, Simca 1000, Peugeot 504, Saab 96, Buckel-Volvo, Alfa Giulia, Karmann Ghia, Mercedes Benz/8, Citroen 2 CV, Renault R4 und viele andere.

Die Passion für das Automobil wurde zum Wahn

Unter Umweltschutzgesichtspunkten gesehen, war das damals schon Schwachsinn, doch niemandem zu verübeln. Es war eine Zeit, in der man sein Auto an einem Bach draußen vor der Stadt wusch, seinen Müll unterwegs aus dem Fenster warf und samt drei Kindern auf der Rückbank kettenrauchend bis an den Gardasee fuhr.

Schneller, fetter, spritfressender: Fahrzeug auf der IAA.

Spätestens ab der Ölkrise Anfang der Siebziger aber hätte ein Umdenken stattfinden müssen. Stattdessen veränderte sich die Passion für das Automobil zu einem Wahn, der sich linear bis heute fortsetzt. Die Antriebstechnik beließ man im Prinzip auf dem Stand der zwanziger Jahre, die Autos als solche aber wurden immer größer, stärker, schneller und spritschluckender, Autobahnen immer breiter und Produzenten, Politiker und Aktionäre immer gieriger.

Der längst überfällig gewordene Umstieg vom Verbrennungsmotor zu alternativen Antrieben wurde nicht verschlafen, wie es oft heißt, sondern bewusst unterlassen. So geriet der anfängliche Schwachsinn zum vorsätzlichen Kapitalverbrechen – und die einst so prunkvolle IAA peu à peu zu einem Symbol für überbordende Gewinnsucht, verantwortungslose Umweltzerstörung und Großmannssucht in Tateinheit mit Lug und Trug. Sie kann also weg.

Umstritten ist die Automesse auch an anderer Stelle: Frankfurts OB durfte dieses Jahr nicht auf der IAA reden.

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