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Chinesische Architektur

Zwischen Tür und Angel

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Im Vorgriff auf die Frankfurter Buchmesse mit seinem Chinaschwerpunkt stellt das Deutsche Architekturmuseum die Arbeiten von acht chinesischen Architekturbüros aus. Von Christian Thomas

Aus dem Nichts, betont Herr Tong, und unterstreicht es mit einem Griff ins Leere, entstünden seine Bauwerke. Und selbst das ist noch stark untertrieben, wenn man auf Fotos sieht, dass dieses Nichts zu hundert Prozent aus Unförmigem besteht, Demoliertem, Niedergerissenem - Scheußlichkeiten schlechthin.

Tong Ming wird als Einzelgänger vorgestellt, und so betrachtet der chinesische Architekt wohl auch seine Neu- und Umbauten als Besonderheiten im urbanen Wirrwarr, wie er jetzt auf einem Symposium in Frankfurt vor Augen führte. Es ist ein Gebäude aus Licht und Schatten, denn für das eine wie das andere sorgen Materialien und Volumen. Und im Grunde möchte man das Restaurant, für das sein Erbauer lächelnd eine Einladung nach Suzhou ausspricht, kennen lernen.

Im Vorgriff auf die Frankfurter Buchmesse mit seinem Chinaschwerpunkt und gleichzeitig mit dem Frankfurter Museumsfest (und seinem Chinaschwerpunkt) stellt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) die Arbeiten von acht chinesischen Architekturbüros aus, jeweils drei Bauaufgaben wurden ausgesucht. Deren Abbilder darf man als Fenster in die Ferne verstehen.

Was im DAM an Bauwerken gezeigt wird, findet sich über das Riesenreich verteilt, in Peking und Schanghai ebenso wie in der Mongolei, in der Undurchdringlichkeit der Millionenstädte oder in der tibetanischen Einsamkeit. Bei dem architektonischen Schaffen handelt es sich um so unterschiedliche Herausforderungen wie eine Schule oder ein Atelier, ein Geschäfts- oder Bürohaus, eine Hochschule oder ein Hotel. Und während sich einige gezeigte Bauwerke scharf abzeichnen im Siedlungsbrei, muss sich das Ordos Kunst Museum in den Weiten der Inneren Mongolei einfügen wie in einem "jungfräulichen Land", sagt Xu Tiantian, von der wir erfahren, dass DnA_Design und Architektur das von ihr und damit einzige allein von einer Frau in China geleitete Architekturbüro ist.

Die große Regel, wenn man sich, so gut das geht, mit den Bauwerken vertraut macht, ist ein Hang zum Monumentalen, und eine goldene, dass sich die Architekten der Tradition stellen. Das geschieht bereits mit den Materialien, ob Ziegel oder Bruchstein, Keramik oder Bambus, das geschieht offenbar aus ökologischer Vernunft und gesellschaftlicher Verantwortung, denn das Alte ist aus Ruiniertem gesichert worden, ob nun ein Erdbeben in ein Haus hineinfuhr oder der chinesische Marktradikalismus. Was dabei das Amateur Architektur Studio etwa mit einem kleinen Café oder mit dem gewaltigen Historischen Museum in Ningbo errichtet hat, dies im Spannungsverhältnis aus Altem und Neuem, hier Bambus, dort Beton, macht einen fabelhaften Eindruck.

Das große Geld, so drückt es ein Vertreter von Standardarchitektur aus, sei nicht sein Ding, und lächelt, denn das Bauen in China sei seit den Tagen, als der freie Markt aufgemacht wurde, etwas für die Moneymaker geworden. Schon deshalb führe man, um sich seine Unabhängigkeit zu bewahren, quälende Kämpfe an verschiedenen Fronten, wie auch die Kollegen deutlich machen, auf der Suche nach einem Bauherrn, mit dem sich über regionale Typologien, ortspezifische Anforderungen vernunftgeleitet sprechen lasse. Tatsächlich ist China ein Land, in dem die Großbüros mit 1500 Mitarbeiter dominieren, einen privatwirtschaftlich organisierten Bauboom steuern und den damit verbundenen Zeitdruck bestimmen, wie der auf Chinas Architekturentwicklung spezialisierte Publizist Eduard Kögel auf dem Podium beisteuerte. Wer von den Architekten da nicht nickte, der lächelte gequält. Praktisch zwischen Tür und Angel, so durfte man Kögel verstehen, arbeitet der chinesische Architekt heute.

Umso erstaunlicher die Ergebnisse, die im DAM anhand von Fotos begutachtet werden können. So die äußerst robust wirkenden Bauten von Amateur Architekten, was an der Wiederverwendung gebrauchter Materialien in spannungsgeladener Konfrontation mit gewaltigen Betonflächen liegt. Mit schrundigem Sichtbeton, dessen Flächen so bearbeitet wurden, dass sie wie in vertikalen Lagen geschichtet wirken, hat auch Jiakun Architects gearbeitet und mit seinem Museum für Skulpturen in Chengdu eine Anlage aus strengen Kuben geschaffen, deren Innenräume außerordentlich suggestiv wirken, von spiritueller Strenge und Makellosigkeit. Einen rostroten Trumm aus Stahl hat das Atelier Z+ auf dem Campus der Tongji Universität in Schanghai zum Hochschulgebäude erklärt, Studio Pei-Zhu zeigen ihre Vorliebe für vorgehängte Fassaden aus strengen, transluziden Rastern.

Wie stark sich die Handschrift auf den Ort einlässt, zeigt etwa das Büro MADA s.p.a.m., das mit seinem dreiteiligen Baukörper SO-Hill eine flotte Bullaugenfassade à la 60er-Jahre-Pop vorgehängt hat, das mit seinem Medienzentrum in Xi´an heftig das dekonstruktivistische Spektakel anpumpt, um wiederum im Hochland des Jadegebirges ein Weingut zu bauen, eine Oase auch für die Augenlust und den Tastsinn, denn so legen es die Fotos vom Zusammentreffen von organischen Materialien, eingespannt in ein Betonkorsett nahe.

Auch zeichnet sich hier eine Tendenz ab, und das geschieht so deutlich, wie dies in einer Auswahl möglich ist, auf die man sich als Museumsbesucher gerne einlässt; es ist ein Hang zum eingehegten Raum. Es sind die Beispiele für das Hofhaus, mit Innenhof und Wasserbecken, die einen ganz anderen Blick auf die eigenen vier Wände im kommunistischen China zulassen.

Doch bei allem Optimismus, der sich mit dieser Schau verbreiten mag, entlässt das DAM den Besucher nicht ohne den Hinweis, dass das ausgestellte "architektonische Schaffen nur einen sehr kleinen Teil der Bautätigkeit China - sozusagen eine Ausnahme."

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis zum 1. November. Ein Katalog ist bei Jovis erschienen.

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