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Pearl Harbor, 7. Dezember 1941.

Anfänge und Enden

Der Zweite Weltkrieg: Die totale Vernichtung

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Wann wurde aus dem europäischen Krieg ein Weltkrieg, der bis zu 80 Millionen Tote forderte? Ein Blick auf seine Anfänge und seine Enden.

Der Zweite Weltkrieg, so haben wir es gelernt, begann am 31. August 1939 mit dem fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz. Es sollte aussehen, als hätten Polen den deutschen Sender angegriffen. In Wahrheit hatten SS-Einheiten das Täuschungsmanöver durchgeführt, das den Vorwand lieferte für den Angriff auf Polen. Hitler erklärte in seiner Rundfunkrede vom 1. September: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten.“ In einer Ansprache vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht hatte Hitler schon am 22. August 1939 erläutert, was er vorhatte: „Die Auslösung des Konfliktes wird durch eine geeignete Propaganda erfolgen. Die Glaubwürdigkeit ist dabei gleichgültig, im Sieg liegt das Recht.“

Den Satz von der Gleichgültigkeit der Glaubwürdigkeit lesen wir heute anders als noch vor ein paar Jahren. Wir beginnen zu begreifen, wie recht Hitler damit hatte. Was auch heißt, dass wir unsere Groß- und Urgroßeltern besser zu verstehen beginnen. Nicht nur die Vergangenheit belehrt uns über die Gegenwart, auch die Gegenwart lässt uns die Vergangenheit besser erkennen.

Am 3. September erklärten Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg, anders als noch im März beim Angriff auf die Tschechoslowakei. Allerdings passierte darüber hinaus nicht viel. Am 28. September kapitulierte Warschau, nachdem am 17. September die Sowjetunion in Erfüllung ihres Geheimabkommens mit Nazideutschland in Ostpolen eingefallen war. Danach fiel das Deutsche Reich über Frankreich und das restliche Westeuropa her. Die Sowjetunion hielt dem deutschen Imperialismus den Rücken frei. In der Hoffnung, dass der mit dem französischen und dem britischen fertig werden würde.

Wann wurde aus dem europäischen Krieg wirklich ein Weltkrieg?

Wann wurde aus dem europäischen Krieg, der „Rache für Versailles“, wirklich ein Weltkrieg? Am 22. Juni 1941 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion? Mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941? Mit den darauf folgenden Kriegserklärungen der USA an Japan (8.12.1941) und Deutschland (11.12.1941)?

Es waren die Blitzsiege Hitlers, die seinen Untergang vorbereiteten. Ein Deutschland unterworfenes Europa war jedermanns Alptraum. Winston Churchill war bereit, sich dem mit aller Macht entgegenzustellen. Auch – seinen ausgeprägten Antikommunismus überwindend – mit der Sowjetmacht. Er hatte sehr früh schon die Chance gesehen, die ein Angriff des Dritten Reiches auf die Sowjetunion bieten würde. So hatte er alles bestens vorbereitet und die USA dazu gebracht, die Sowjetunion, nachdem sie von deutschen Truppen überrollt worden war, massiv nicht nur mit Kriegsgerät zu unterstützen. Nach dem deutschen Angriff hatte das Land 58 Prozent seines Fuhrparks verloren. Die neuen Alliierten lieferten 400.000 Fahrzeuge – vor allem Lastwagen – an die Sowjetunion.

Wann also wurde aus dem europäischen ein Weltkrieg? Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Blickt man nämlich über den europäischen Tellerrand hinaus, dann wird man sich daran erinnern, dass der Zweite Sino-Japanische Krieg, ein entscheidender Faktor des Zweiten Weltkriegs, bereits im Juli 1937 begonnen hatte. Er endete nicht wie in Deutschland am 8. Mai, sondern erst am 2. September 1945. Nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, mit der bedingungslosen Kapitulation des japanischen Kaiserreiches, als auch auf dem asiatischen Kriegsschauplatz der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Japen und Deutschland: Keiner von ihnen wollte die Weltherrschaft

Japan spielte im Zweiten Weltkrieg in Asien die Rolle, die Deutschland in Europa spielte. Beide Staaten strebten eine neue globale Ordnung an, in der sie Eurasien untereinander aufteilten. Keiner von ihnen wollte die Weltherrschaft. Die Eroberung der USA, wie sie die amerikanische Fernsehserie „The Man in the High Castle“, einer Romanvorlage von Philip K. Dick aus dem Jahr 1962 folgend, darstellt, war niemals eines der japanischen oder deutschen Kriegsziele.

Man kann natürlich so tun, als habe man es in Wahrheit in Asien und Europa mit zwei getrennten Kriegen zu tun, die erst durch die USA zu einem Weltkrieg verbunden wurden. Das geht freilich nur dann, wenn man zum Beispiel Großbritannien übersieht. Dessen Appeasement-Politik gegenüber dem Dritten Reich erschließt sich erst, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr Großbritannien sich in seinen ostasiatischen Interessengebieten durch das Vordringen des japanischen Imperialismus bedroht sah. Großbritannien hatte – ökonomisch sehr angeschlagen – ein Weltreich zu verteidigen. Vielen Briten erschien da Deutschland als kleinere Bedrohung. Hinzu kam der lange alle anderen Fragen überblendende Antikommunismus. Da schienen die Nationalsozialisten bestens geeignet als Bündnispartner im Kampf gegen die Sowjetunion.

Auch die verband von Anfang an die asiatischen und die europäischen Kriegsschauplätze. Japan hatte 1932 in der Mandschurei, die bis 1905 russisch gewesen war, eine Marionettenregierung errichtet. Völkerbund und USA verurteilten das. Mehr aber geschah nicht. Als Anfang der 30er Jahre im Grenzgebiet der Mongolischen Volksrepublik zu Mandschukuo riesige Gold- und Kupfervorkommen entdeckt wurden, kam es zwischen den beiden Satellitenstaaten ab 1932 zu ständigen militärischen Konflikten, die 1939 zum Japanisch-Sowjetischen Grenzkrieg führten. Also zu der Zeit, als Nazideutschland zuerst die Tschechoslowakei und dann Polen zerstörte. Man könnte mit gutem Recht sagen: In Asien begann der Zweite Weltkrieg früher und er endete dort später.

Apropos Weltkrieg: Eine ganze Reihe lateinamerikanischer Staaten erklärten Nazideutschland erst im Februar 1945 den Krieg. Auch die Türkei war neutral geblieben, erklärte aber am 23. Februar 1945 Deutschland den Krieg, um in die am 26. Juni 1945 zu gründenden Vereinten Nationen aufgenommen zu werden.

Kein Krieg der Demokratien gegen die Diktatoren

Der Zweite Weltkrieg war kein Krieg der Demokratien gegen die Diktatoren. Er wurde es, weil er als ein Krieg der Diktatoren gegen die Demokratien begonnen hatte. Die Gründung der Vereinten Nationen, deren Charta, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Ächtung des Völkermordes waren nicht die ursprünglichen Kriegsziele der Alliierten gewesen. Sie waren als Grundlagen einer neuen Ordnung gedacht, die erst nach der Zertrümmerung der Gegner errichtet werden sollte.

Der Zweite Weltkrieg war ein totaler Krieg. Das erklärte nicht nur Goebbels. Der moderne Krieg musste total sein – das war die prägende Erfahrung des Ersten Weltkrieges gewesen. Überall. Totaler Krieg hieß auch totale Vernichtung. Im Chinesisch-Japanischen Krieg wurden riesige Landstriche überflutet. Felder und Bewohner ertranken. Das war eine der Praktiken der ländlichen Kriegsführung.

Und die Judenvernichtung? Welche Bedeutung hatte Auschwitz? Auschwitz war kein Thema. Der polnische Offizier Jan Karski war Augenzeuge der systematischen Vernichtung der Juden gewesen. Es gelang ihm, allerhöchste Politiker der USA, darunter im Juli 1943 den Präsidenten Franklin D. Roosevelt, über die Lage der Juden zu informieren. Niemand glaubte ihm. 1981 erklärte Karski: „Die Menschheit hat einen zweiten Sündenfall begangen. Dieser Sündenfall wird die Menschheit bis ans Ende der Welt verfolgen. Dieser Sündenfall verfolgt mich. Und ich will, dass es so ist.“ Es ist nicht nur der Sündenfall der Täter, sondern auch der der Zuschauer.

P.S.: Wenn der Zweite Weltkrieg begonnen wurde, um Polen zu retten, so ging er verloren. Polnische Soldaten der Exilregierung kämpften zwar auf Seiten der Alliierten an nahezu allen Fronten des Zweiten Weltkrieges. Sie stellten damit noch vor den Franzosen die viertgrößte Armee der Alliierten auf dem europäischen Kontinent. Das hinderte Roosevelt und Churchill aber nicht daran, auf der Konferenz von Teheran Stalin alle seine Wünsche, Polen und das restliche Mittel- und Osteuropa betreffend, zu erfüllen. Vom 22. bis zum 25. Juli 1944 befreiten die Rote Armee und die polnische Heimatarmee gemeinsam Lublin. Die polnische Zivilverwaltung verließ den Untergrund. Am 27. Juli nahm der sowjetische NKWD alle ihre Vertreter gefangen. Sie wurden erschossen oder in den Gulag geschickt. Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand. Die Sowjetunion unterstützte ihn kaum. Die deutschen Besatzungstruppen zerstörten Warschau: 180.000 bis 250.000 Tote. Das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 sprach das östliche Drittel des polnischen Staatsgebiets der Sowjetunion zu. Die dort lebenden Polen wurden nach Westen vertrieben. Die deutschen Gebiete östlich der Oder und Neiße wurden Polen zugeschlagen.

Im Zweiten Weltkrieg war es also Stalin gelungen, 1939 mit Hilfe von Nazideutschland sein Territorium und seinen Einfluss zu vergrößern und 1945 dasselbe noch einmal gigantisch vergrößert zu erreichen mit Hilfe der USA und der Alliierten.

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