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Charlie Hebdo, gelesen in Lille.

Charlie Hebdo

Zweite Ausgabe nach dem Anschlag

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Mit der zweiten Ausgabe nach dem Terroranschlag versucht das französische Satireblatt Charlie Hebdo vergeblich, an alte Zeiten anzuknüpfen.

So soll es ein. Vorneweg der kleine kläffende Köter Charlie Hebdo. Dahinter die Meute, die ihm einen Maulkorb umhängen, wenn nicht Schlimmeres antun will: der Papst, die Rechtspopulistin Marine Le Pen, der hemdsärmelige Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, ein Banker, ein Islamist. Wie früher soll es sein, signalisiert die Zeichnung auf dem Titelblatt der am Mittwoch erschienenen neuen Ausgabe des französischen Satireblattes Charlie Hebdo. Wie zu Zeiten, da die Redaktion mit manchmal unerträglicher Leichtigkeit an die lästerliche Arbeit ging, unbekümmert Gott und die Welt gegen sich aufbrachte.

Das islamistische Attentat vom 7. Januar, der Tod von acht Redaktionsmitgliedern, die Woge der Solidarität mit den Überlebenden könnten nicht auf Dauer das Blatt füllen, hatte Laurent Saurisseau alias Riss klargestellt, der mit zerschossener Schulter an die Spitze des Blattes gerückte Journalist. Es gelte den Blick wieder zu weiten. Und als wäre die Zeichnung auf dem Titelblatt nicht schon richtungsweisend genug, prangt die Devise dort auch noch in Schriftform: „Und weiter geht’s!“

Allein, dies ist ein frommer Wunsch. Was eine Woche nach dem Anschlag im seelischen Ausnahmezustand gelungen war, ist sechs Wochen später nicht mehr zu leisten. Die Leichtigkeit ist dahin. Der Leser, der beim Blättern in der Ausgabe vom 14. Januar staunend den Humor gewürdigt hatte, mit dem eine traumatisierte Redaktion den Terroristen die Stirn bot, hat diesmal wenig zu lachen. Ernstes, Tiefgründiges überwiegt.

Einer Analyse des Zusammenhangs zwischen Religion und Politik folgen ein Beitrag über die Apartheid in Frankreichs seelenlosen Vorstädten, ein Interview mit dem griechischen Finanzminister Gianis Varoufakis zur Sparpolitik und eines mit Psychoanalytikern zum Seelengefüge der Muslime im Allgemeinen und der Islamisten im Besonderen. Und auch der Prozess gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn fehlt nicht, der sich wegen schwerer Zuhälterei zu verantworten hatte. Charlie nimmt sich des Themas sachlicher und nüchterner an als so manches satirefreie gutbürgerliche Blatt.

Nicht nur die nach einem Schock gewöhnlich mit Verzögerung einsetzende Trauerarbeit drückt die Stimmung. Hinzu kommt die Angst. Das Attentat von Kopenhagen, das dem Zeichner Lars Vilks galt, hat sie von Neuem entfacht. Die Redakteure stehen rund um die Uhr unter Polizeischutz. Ein paar von ihnen haben darum gebeten, zu Hause arbeiten zu dürfen.

Und dann ist da auch noch die Last der Verantwortung. Eine Jahrzehnte lang ein Nischendasein führende Redaktion hat sich der Herausforderung zu stellen, ausgestattet mit millionenschwerem Kapital ein Millionenpublikum zu bedienen. Die kurz nach dem Anschlag mit einer Auflage von sieben Millionen erschienene Ausgabe hat zehn Millionen Euro in die zuvor chronisch leere Charlie-Hebdo-Kasse gespült. Die Folgenummer vom Mittwoch geht mit einer Auflage von noch immer 2,5 Millionen an den Start.

Aber vielleicht sinkt die Nachfrage ja schon bald wieder. Am Mittwoch schien sich das anzudeuten. Der Andrang vor den Kiosken war gering, die Zeitungsständer bogen sich unter der Last nicht verkaufter Satireblätter. Offenbar sind längst nicht mehr alle Franzosen Charlie – was letztlich kein Nachteil sein muss. Eine Satirezeitung lebt von gesellschaftlicher Reibung, zu viel Liebe kann kontraproduktiv sein.

Nach dem Motto „Und weiter geht’s!“ soll am nächsten Mittwoch die nächste Ausgabe folgen. Und dann? Wie lange es weitergeht, ist offen. Riss macht sich keine Illusionen. „Wer hat auf Dauer Lust, die Religiösen herauszufordern, wenn er dafür am Ende rund um die Uhr Polizeischutz braucht?“ fragt der in einer Fatwa zur Ermordung freigegebene neue Charlie-Hebdo-Chef im Leitartikel und gibt die Antwort selbst: „Niemand.“ Die Welt, glaubt er, habe Charlie applaudiert wie man einem blutenden Stier in der Arena applaudiere, in dem Wissen nämlich, dass er seinen Verletzungen erliegen und sterben werde.

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