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Max Beckmann: Selbstbildnis in Florenz.
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Max Beckmann: Selbstbildnis in Florenz.

Ausstellung „Dix/Beckmann. Mythos Welt“

Zweimal die Welt im 20. Jahrhundert

Sie wachsen zu selben Zeit auf, sind beide Portraitmaler und erleben den für sie inspirierenden Schrecken des ersten Weltkrieges: Die frisch restaurierte Kunsthalle Mannheim stellt Werke von Max Beckmann und Otto Dix zusammen und gegenüber.

Die Unterschiedlichkeit der Temperamente des Getreidekaufmannssohnes Max Beckmann (1884-1950) aus Leipzig und des Arbeitersohnes Otto Dix (1891-1969) aus der Nähe von Gera liegt nicht nur auf der Hand. Man kann sie sich auch nach allen Regeln der Kunst anschauen. 1907 malt sich der 23-jährige Beckmann auf seinem „Selbstbildnis in Florenz“ als blasierter Jüngling, frontal, aber mäßig interessiert den Betrachter anschauend, elegant bürgerlich gekleidet, die Zigarette lässig in der Hand. Ist sie überhaupt angezündet? 1913 malt sich der 22-jährige Dix auf seinem „Selbstbildnis als Raucher“ im Halbprofil, mutmaßlich grobes Hemd (grob gemalt auf jeden Fall), Stiernacken, das leicht zusammengekniffene Auge zum Betrachter gedreht, das andere im Rauch versunken, der aus Mund und Nase quillt. Raucht er womöglich vor Wut, während die allerdings sehr glühende Zigarette nur Beiwerk ist?

Eine konsequente Gegenüberstellung

Immer wieder auf den Selbstporträts fällt ins Auge, wie unterschiedlich diese beiden Künstler auf die Welt (uns) blicken: skeptisch und lauernd von der Seite Dix, der unter Umständen, so 1923 („Selbstbildnis mit Staffelei“), ironisch geschniegelt mit Jackett und Fliege an der Leinwand steht; auch von der Seite noch allemal geradeaus, unverlegen und mit dem Abstand, den ein Gentleman benötigt, Beckmann, gerne, so 1938/39 („Selbstbildnis auf Grün mit grünem Hemd“), in legerer Hauskleidung – sofern er nicht gerade im Begriff ist, sich in Gesellschaft zu begeben – und erneut rauchend.

Immer wieder – natürlich verdankt sich das auch dem Geschick der Kuratorinnen Ulrike Lorenz (der Dix-Briefe-Herausgeberin) und Beatrice von Bormann – sind in der Ausstellung „Dix/Beckmann. Mythos Welt“ Pendants zu sehen. Eine konsequente Gegenüberstellung am konkreten Fall in der Mannheimer Kunsthalle, deren Jugendstilgebäude sich bei dieser Gelegenheit frisch restauriert in glänzender Form zeigt (während der Achtziger-Jahre-Anbau vor dem Abriss steht, ein Neubau ist bereits geplant).

Beide Künstler malen also den Großschauspieler Heinrich George. Bei Otto Dix wird er 1932 zum Stier mit apoplektischer Gesichtsfarbe. Bei Beckmann steht er 1935 im Familienkreis, allerdings überragend und sehr breitbeinig, und auf den ersten Blick ist es nicht schwierig, die weiße Hose mit einer Metzgerschürze zu verwechseln.

Beide, Dix und Beckmann, sind legendäre Porträtmaler, wobei der Porträtierte ein hohes Risiko eingeht, und ein noch etwas höheres bei Dix, der im Bedarfsfall zum Karikaturisten wird, als bei Beckmann. Beckmann mag Gentlemen, so wie er auch auf dem Foto im Atelier als solcher posiert. Standbein, Spielbein, Zigarette, die andere Hand in der Hosentasche. Auf dem Foto daneben macht sich Dix im dreckigen und uncool geschnittenen Kittel an der Leinwand zu schaffen.

Beide interessieren sich für Alte Meister, undogmatisch, aber intensiv. Beide schauen sich nächtlich dunkle Straßen an und lassen uns daran teilhaben. Beide tummeln sich interessiert da, wo die Gesellschaft mit oder ohne Halbweltbegleitung tanzt. Wo leichtbekleidete Frauen ausruhen und/oder auf ihren nächsten Freier warten. Beckmann kühler und intimer, Dix drastischer und indiskreter, auch wenn gerade er später erklärte (eine freche Erklärung, zweifellos, aber auch eine trotzige gegen die wiederkehrenden Vorwürfe, die beide trafen): „Ich war gar nicht so aus auf die Darstellung des Hässlichen. Alles, was ich gesehen habe, ist schön.“ Beide sind wie besessen von Gauklerszenen, im Gemälde und in der Grafik, wo Beckmanns „Jahrmarkt“-Zyklus (1921) Dix’ „Zirkus“-Zyklus (1923) gegenübersteht und nun -hängt. Denn beide starren den bloßen nackten Körper an und bringen ihn in seltsame Zusammenhänge. Dix’ „Stillleben im Atelier“ (1924) findet ein unerwartetes, aber einleuchtendes Gegenstück in Beckmanns „Traum des Bildhauers“ (1946/47): Hier das grell sich in die Brust werfende Modell vor der gefetzten Gliederpuppe (einem Übungsmaterial des akademischen Anfängers und Ziel des Spotts durch den sich immer auch als Autodidakten empfindenden Dix), dort der vom Traum arg oder apart gewalkte nackte Schläfer.

„Mythos Welt“, ein Titel, der glücklich den Sinn beider Künstler für Höheres (weit mehr allerdings für Nietzsche als für Gott) mit ihrem Sinn für Bodenständiges verbindet, betont einerseits theoretisch die Unterschiede: Der ältere Beckmann etwa ist bereits ein Künstlerstar, als der Erste Weltkrieg beginnt. Der jüngere Dix hat nach der Volksschule eine Ausbildung als Dekorationsmaler absolviert und ist von dort auf die Kunstgewerbeschule nach Dresden gekommen. Er will freier Künstler sein, steckt aber noch in der Verpflichtung zur Gebrauchskunst fest. Er ist jünger, aber er ist auch darüber hinaus später dran und dazu weit länger im Krieg – und nicht, wie Beckmann, als Sanitäter, was Dix später durchaus despektierlich meinte.

„Meine Kunst kriegt hier zu fressen“

Praktisch wird andererseits sichtbar, wie ähnlich schockierend, desillusionierend und inspirierend gerade der Krieg auf beide Künstler wirkt. „Eine scheußliche Sache“, schreibt Dix, „und trotzdem etwas Gewaltiges.“ Beckmann registriert ein „wildes, fast böses Lustgefühl, so mitten zwischen Tod und Leben zu stehen“. Und seine berühmte Wendung „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“ gilt für beide in einem auch beide beunruhigenden, gar verstörenden Maße. Bei beiden schlägt sich das in Radierungen und in zyklischer Form nieder. Wie in einem Labyrinth taumelt der Besucher in einem der Ausstellungssäle zwischen den Wänden mit ebenso bösen wie böse überhöhten Zeichnungen.

Nach dem Kriegsdienst finden beide Helfer und Mäzene, zwei außergewöhnliche Erfolgsgeschichten, die ohne Unterstützung bei so rabiaten Künstlern kaum denkbar gewesen wären, enden wiederum (zunächst) abrupt mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Beckmann verliert seine Stelle als Lehrer der Städel-Schule in Frankfurt, Dix seine Professur an der Kunstakademie Dresden. Anders als Beckmann entscheidet er sich nicht fürs Exil, was zur Folge hat, dass er in der inneren Emigration Landschaften malt wie nie zuvor. Überhaupt Landschaften malt, was ihn bis dahin nicht tangiert hat.

Indirekt macht „Mythos Welt“ deutlich, dass Beckmann und Dix sich aus dem Weg gingen. Direkt macht sie deutlich, dass sie sich nichts nehmen, dem Betrachter zusammengenommen aber noch mehr geben.

Kunsthalle Mannheim: bis 23. März. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München: 11. April bis 10. August. Der Katalog (Hirmer) kostet 25 Euro. www.kunsthalle-mannheim.de

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