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Die zwei Körper des Erdogan

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Von: Christian Thomas

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Präsident Erdogan (rechts) beim Empfang seines Generalstabschefs Hulusi Akar in Ankara am 24. Juli.
Präsident Erdogan (rechts) beim Empfang seines Generalstabschefs Hulusi Akar in Ankara am 24. Juli. © dpa

Der einsame Alleinherrscher stilisiert sich nicht von ungefähr zum erschöpften Alltagsmenschen. Recep Tayyip Erdogan auf einem Foto vom 24. Juli 2016.

Recep Tayyip Erdogan beschäftigt die Welt mit einer Bildbotschaft. Kein Detail wurde dem Zufall überlassen. Blaugrau das Hemd, hellblau das Sakko, dunkelblau die Hose. Die Hände wie Flossen über der Stuhllehne. Alles an dem türkischen Präsidenten scheint unpräsidial, aber alles ist repräsentativ. Die Schultern hängen, der Blick ist nicht gerichtet, der Mann scheint erschöpft.

Nicht von ungefähr begrüßt Erdogan seinen Generalstabschef in Ankara nicht nur in ziviler Kleidung, es geschieht ohne Schlips, alles andere als staatsmännisch. Erdogan ist einmal mehr in die Rolle des Anwalts des kleinen Mannes geschlüpft.

Wobei der Anwalt ein Allerweltsanwalt ist, wie er nicht nur dem Klischee in Ankara oder Istanbul entspricht. Klischees basieren auf geliehenen Bildern. Erdogans Allerweltsanleihe legt den Gedanken an den Autoverkäufer in Neukölln oder den Patriarchen aus Frankfurts Linie 11 oder 12 nahe.

Moderne Gesellschaften besitzen keinen Ort, der ihre Gesamtintegration repräsentiert. Das Bundeskanzleramt ist nicht der Bundestag, der Berliner Bundestag nicht ein Gerichtsgebäude, das Gericht kein Polizeipräsidium. Erdogans Autokratiekurs ist darauf aus, in Ankara einen wieder vormodernen Ort einzurichten. Man fühlt sich erinnert an die Theorie von den zwei Körpern des Königs.

Die Zwei-Körper-Theorie besagt, das sich in ihr Staatslehre und Religion vereinigten. Sie nahm Gestalt an in der Glaubensformel vom (christlichen) Gottesgnadentum. Sie war den Herrschern ein Segen.

Mittelalterliches Gottesgnadentum

Es scheint ganz so, als ließe sich die Formel für das mittelalterliche Gottesgnadentum auf die islamgestützte Politik des türkischen Herrschers übertragen. Die Zwei-Körper-Theorie beschäftigt sich mit der Unterscheidung zwischen der öffentlichen Funktion und der konkreten, der „natürlichen“ Person.

So wie Erdogan den Betrachter anschaut, wirkt er sehr „konkret“, wirkt er erschöpft, beinahe einsam. Sollte der konkrete Erdogan für den Körper des Herrschers Mitleid erheischen wollen, so tut er es in den Tagen, in denen Menschenrechtsorganisationen Hinweise haben, dass der Herrscher die Leiber seiner Gegner foltern lässt.

Erdogan mag der Anzug, den er trägt, auf lächerliche Weise nicht auf den Leib geschnitten sein. Er ist nicht nur das Sinnbild des Alleinherrschers, der Alleinherrscher stilisiert sich zur Allegorie des banalen Alltagsmenschen. Erdogan hat als Allegorie des banalen Allerweltsdespoten, auf einem anachronistischen Sessel Platz genommen, alles andere als einem osmanischen Thron oder Sultansessel. EU-Bürger erkennen EU-Inventar, absolut ein Ludwig-XIV.-Möbel. Auf einem Sonnenkönigssessel hat sich der Autokrat in der Vormoderne eingerichtet.

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