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Zwölf "Meister" unter dem Planetenhimmel, Losbuch (mittelhochdeutsch), um 1370.
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Zwölf "Meister" unter dem Planetenhimmel, Losbuch (mittelhochdeutsch), um 1370.

Religion

Nur zusammen ging es voran

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Eine Berliner Schau zeigt jüdische, christliche und muslimische Wissenschaft, ohne das thematisch zu vertiefen.

Abu Ali al-Husain ibn Abd Allah ibn Sina (980-1037), in Europa Avicenna genannt, thront als deren König über disputierenden griechischen, jüdischen, christlichen und arabischen Ärzten. Die Abbildung entstammt einer venezianischen Handschrift des späten 15. Jahrhunderts, einer „Anleitung zu einem gesunden Leben“, einem Vorsorgehandbuch also. Das Genre selbst ist antik, wurde aber damals wohl nach arabischen Vorbildern im Westen eingeführt.

Und ganz ähnliche Szene (links zu sehen): Dort debattieren Astronomen unter einem Sternenhimmel über dessen Deutung. Es handelt sich um ein mittelhochdeutsches „Losbuch“, wahrscheinlich aus Limburg, entstanden um 1370. Auf diesem Bild versuchen sich Salomon, David, Joseph und andere Figuren des Alten Testaments an der Deutung des gestirnten Himmels über uns. In der Handschrift findet sich daneben ein Bild, auf dem antike und arabische Autoritäten nicht nur diskutieren und in Büchern nachschlagen, sondern auch mit Hilfe eines Quadranten den Himmel in Augenschein nehmen. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit wird hier anerkannt, dass Medizin und Astronomie, die freilich eins war mit der Astrologie, nicht als jüdische, christliche oder muslimische Wissenschaften funktionieren, sondern nur im Verbund zu brauchbaren Ergebnissen führen werden.

Von 740 bis 815 lebte im heute irakischen Basra der jüdisch-persische Astronom Mashalla ibn Atari, nach dem der Mondkrater Messala benannt ist. Die Firma Atari hat den Begriff aus dem japanischen Go-Spiel genommen. Noch 1549 wurden Auszüge aus Schriften ibn Ataris, „des ältesten und berühmtesten unter den arabischen Astrologen“, in Nürnberg gedruckt. Damals wie heute erfreuten sich die Astrologen einer höheren Aufmerksamkeit beim Publikum als die Astronomen. Die Astrologie war viel praktischer. Sie konnte einem sagen, ob zum Beispiel ein Schwerkranker genesen oder sterben würde. Lag der „Wissenschaftler“ falsch, so stellte sich nicht heraus, dass seine Wissenschaft keine war, sondern nur, dass er sie nicht richtig verstanden hatte.

Atari sammelte, was er in persischen, indischen und griechischen Quellen hatte finden können. Das macht ihn bis heute zu einem wichtigen Autor. Der Besucher, der nie von ihm gehört hatte, blickt auf das kleine Nürnberger Buch und denkt: An diesem jüdischen Astrologen zeigt sich, wie viel näher Basra dem, was damals Weltkultur war, lag als das hier in Europa immer wieder gerne beschworene Aachen Karls des Großen.

Die Ausstellung im Gropius-Bau basiert auf einer Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek. Sie zeigt also vor allem deren Bestände. Das sind Bücher, Handschriften, Schriftrollen. Wer alt ist und einen krummen Rücken hat, dem kommt das sehr gelegen. Er geht mit immer krummer werdendem Rücken von Vitrine zu Vitrine und schaut auf die Texte – hebräisch, griechisch, lateinisch, arabisch -, die er nicht lesen kann, lässt sich die Schriften erklären, die Einbände, erfährt, dass man auch da fleißig voneinander abkupferte.

Aber irgendwann erhebt sich der Betrachter und denkt: Das ist doch nicht die Ausstellung „Juden, Christen, Muslime im Dialog der Wissenschaften 500 – 1500“! Das ist eine Schau höchst sehenswerter Objekte aus Medizingeschichte und Astronomie, nirgends aber ist auch nur eine einzige Überlegung sichtbar z. B. über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion in den Kulturen und Epochen. Die Ausstellung beginnt mit einem Zitat des arabisch-irakischen Wissenschaftlers und Philosophen al-Kindi (800-873): „Wir sollten keine Scham empfinden, die Wahrheit anzuerkennen und sie zu verarbeiten, von welcher Quelle sie kommt, selbst wenn sie uns von früheren Gesellschaften und Völkern gebracht wird.“

Dieser Thematik wird aber nicht nachgegangen. Gereon Sievernich, seit 2001 Direktor des Gropius-Baus, extemporierte bei der PK, wie weit das Thema gefasst werden müsste: Von Spanien bis Usbekistan, und Nordafrika müsste dazugehören, Nordindien. Wir vermissen Philosophie und Religion, Rechtswissenschaft, Literatur, Musik, bildende Kunst und Gartenbau, Wasser- und Wehrwirtschaft. Juden, Christen und Muslime, das ist eine Langzeitbeziehung. Mal gab es Freiheit der Wissenschaft bei den einen und bei den anderen nicht. Selten gab es sie überall zugleich. Was das Abendland unter Liebe versteht, hätte es ohne das Morgenland nie gelernt.

Die Ausstellung, die ein winziges Vorspiel nur ist zu dem, worum es gerade heute gehen müsste, war die letzte Tat des Direktors Sievernich. Wir werden ihm nachtrauern. Er hat Berlin weltoffener gemacht. Danke.   Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 4. März.                  

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