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Käthe Kollwitz in einem Selbstbildnis von 1924 im Käthe-Kollwitz-Museum.

Exilmuseum Berlin

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Käthe Kollwitz soll in Berlin doch nicht dem Exilmuseum weichen, es soll ein anderer Standort dafür gefunden werden.

Soll ein gesellschaftspolitisch als besonders wichtig erachtetes Projekt eine andere gute Sache verdrängen und diese sozusagen ins Exil schicken?

Was nach einem Paradoxon klingt, war tatsächlich Gegenstand eines erst jetzt und nach großer Aufregung beigelegten Museumsstreits – eine Wettkampf-Disziplin, in der sich Berlin ja schon mehrmals nicht eben rühmlich hervorgetan hat. Erinnert sei nur an die unsägliche Exilsituation der Berlinischen Galerie von 1997 bis 2004, an Debatten ums Kulturforum, an gewisse Rochaden, die Gemäldegalerie betreffend, und den Diskurs um die „Galerie der Moderne“. Nun war die Situation der drei Letztgenannten nie wirklich einfach, immer war auch der Bund als politischer Entscheider mit im Spiel.

Auch diesmal ging und geht es um eine national bedeutsame Institution, die noch gänzlich auf dem Papier steht: um die Errichtung eines Exilmuseums. Eine Initiativgruppe, der unter anderem die aus dem rumänischen Banat stammende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller angehört und für die der einstige Kulturstaatssekretär André Schmitz sich im Fernsehen stark machte, hat jetzt konkrete Pläne auf den Tisch gelegt. Eine Stiftung wird gegründet, die müsse, so Schmitz, 15 Millionen Euro aufbringen, um 2020 das private Museum eröffnen zu können.

„Schockiert, überrascht, traurig, ratlos“

Ein solches Exilmuseum in Berlin ist zweifellos längst nötig, weil es in unseren allzu schnelllebigen und vergesslichen Zeiten das Andenken an all jene erhält, die nach 1933 aus Nazi-Deutschland vertrieben wurden, die die Shoa und Diaspora erleben mussten und die dann an ihren Exilorten in aller Welt Bedeutendes leisteten. Und es gedenkt all derer, die seit 1945 aus ihren diktatorischen Heimatländern fliehen mussten, wie viele Dissidenten aus dem ehemaligen Ostblock. Herta Müller ist eine von ihnen. Die privaten Initiatoren aus Berlin, München und Frankfurt haben Kulturstaatsministerin Monika Grütters um Unterstützung gebeten für ein Museum, das angesichts der erzwungenen Migrationsdynamik in nahezu allen Regionen der Welt aktueller und dringlicher nicht sein könnte. Umso besser, dass auch ein verdienter Mann der Kunst, der Villa-Grisebach-Gründer Bernd Schultz zu den Unterstützern der Idee eines Exilmuseums gehört.

Schultz, seines Zeichens der Eigentümer des dem Auktionshaus benachbarten Gebäudes, in dem das Käthe-Kollwitz-Museum seit 30 Jahren Mieter ist, wollte nun jedoch ausgerechnet dort das künftige Exilmuseum unterbringen. Damit aber hätte das Käthe-Kollwitz-Museum Anfang 2019 seinen angestammten Standort verlassen müssen. Es könnte, lautete das Angebot des Eigentümers und Vermieters, aus Charlottenburg in die Neuköllner Karl-Marx-Straße umziehen. Die dortige, ebenfalls zuvor Schultz gehörende Immobilie, die er an den Chorverband Berlin verkaufte und die gerade saniert wird, wäre umstandslos zu mieten.

Im privat betriebenen, von einem fördernden Freundesverein getragenen Kollwitz-Museum herrschte daraufhin große Irritation. Das Team um Direktorin Iris Berndt zeigte sich „schockiert, überrascht, traurig, ratlos“. Aber man könne dem ungeheuerlichen Ansinnen vor lauter Schreck gar nichts entgegensetzen, hieß es, außer: Wie könne das möglich sein, dass man zwei Museen des Gedenkens, der Besinnung, der Lehren aus Krieg und Diktatur derart gegeneinander aufwiege, gar ausspiele? Und: Wie werde die Öffentlichkeit reagieren?

Die Konstellation klingt in der Tat absurd. Gerade beging das Käthe-Kollwitz-Museum, wo seit drei Jahrzehnten das Erbe der großen, in Berlin tätigen deutschen Künstlerin, Antifaschistin und Mahnerin des 20. Jahrhunderts weiterwirkt – gerade auch bei jungen Besuchern aus den Schulen – seinen 30. Geburtstag. Zuvor hatte es noch das lang ersehnte Depot für seine Grafik-Sammlung in Betrieb genommen.

Entsprechend heftig fiel der Protest des Käthe-Kollwitz-Freundeskreises aus, dem auch Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) angehört, sogar als Vorstandsvorsitzender des Trägervereins, der seinerseits Kulturstaatsministerin Monika Grütters um „Klärung und Entscheidung“ anrief. Diepgen forderte „eine Diskussion über das Konzept eines Exilmuseums, bevor über dessen Standort entschieden“ werde. Bei alledem freilich steckte der Mann in die Zwickmühle, denn er er gehört zugleich auch dem „Verein gegen das Vergessen – Für Demokratie“ an – er kann sich kaum einer Lösung zugunsten des Exilmuseums entziehen.

Zwiespältige Gemengelage

Äußerst zwiespältig muss die Gemengelage auch für Hauseigentümer Bernd Schultz gewesen sein. Denn gewissermaßen vertritt er, neben seiner Aktivistenrolle für das Exilmuseum zugleich das Vermächtnis des Gründers des Käthe-Kollwitz-Museums, Hans Pels-Leusden (1908–1993): West-Berliner Maler, Sammler, Antiquar, Galerist – und 1986 Gründervater des Auktionshauses Villa Grisebach, Fasanenstraße 25.

Pels-Leusden hatte 1986 seine gesamte Kollwitz-Kollektion mit Zeichnungen, Grafiken, Plastiken, zudem auch sein Vermögen für ein Museum mit dem Namen der vor 150 Jahren in Königsberg geborenen Kollwitz gegeben. Möglich wurden 50 Ausstellungen – über Käthe Kollwitz, deren Weggefährten und heutige wahlverwandte Künstler. „Ich will wirken in meiner Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, das war das Credo der Künstlerin, die ein Werk von Weltrang hinterließ, Frau eines Armenarztes aus Prenzlauer Berg, Mutter und Großmutter von zwei Männern namens Peter, von denen der eine im Ersten, der andere im Zweiten Weltkrieg fiel.

Nach dem Furor aber die Entwarnung: André Schmitz konnte am Mittwochnachmittag den verkorksten Zwist entschärfen und auf den Ausgangspunkt zurückdrehen. Er bezeichnete das Ansinnen, das Kollwitz-Museum zugunsten des Exilmuseums nach Neukölln umzusiedeln, als „spontane Überschwangsidee – übers Ziel hinausgeschossen und unglücklich in die Medien getragen. Das Kollwitz-Museum soll natürlich bleiben, wo es ist!“ Man suche nach einem neuen Standort.

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