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Der Fußabdruck von Neil A. Armstrong oder Edwin E. Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond.

Mondlandung

Die Zukunft war planbar

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1969 begann eine neue Epoche der Menschheit. Zeitgenossen übersehen das Wichtigste. Sie sind zu nahe dran. Was wirklich passierte, wissen erst die Nachgeborenen.

Die glamouröseren Aufnahmen von der Mondlandung vor fünfzig Jahren sind die, die die Astronauten in ihren Raumanzügen zeigen, wie sie auf der Oberfläche des Mondes jene kleinen Schritte machen, die ein Riesensprung für die Menschheit waren. Oder jenes atemraubende Foto, das die blaue Kugel der Erde zeigt, wie sie über dem staubgrauen Boden des Mondes im rußigen Schwarz des Weltalls aufgeht. Ein millionenfach verbreitetes Poster, das leider niemals an einer meiner Wände hing. Nicht weil ich die Bilder von der Mondlandung für Fake News hielt, sondern sie waren mir zu ikonisch, zu sehr aufgepumpt mit Bedeutung. Jede dieser Aufnahmen triumphierte: Soweit haben wir’s gebracht!

Das war 1969 aber nicht meine Stimmung. Es war der Vietnamkrieg, und weltweit arbeitete eine revoltierende Jugend daran, sich der amerikanischen Intervention in den Weg zu stellen. Solange dort weiter Napalm abgeworfen und ganze Dörfer ausradiert wurden, hatten wir nicht das Gefühl, es weit gebracht zu haben. Die Mondlandung war ein riesiger Erfolg der Nasa, der zentralen Einrichtung des militärisch-industriellen Komplexes der Supermacht USA. Das sprach nicht für sie. Der Mond war auch nicht die Richtung, in die meiner Ansicht nach die Menschheit gehen sollte.

Die Perspektive änderte sich 

Aber natürlich waren wir sehr beeindruckt von der technischen Leistung, von dem Wunderwerk aus Vermessenheit und Präzision und dann doch auch von genau jenem Bild der aufgehenden Erde. Das teilte uns zwar mit, wie großartig es war, dass man solche Bilder machen konnte. Es zeigte uns aber auch, dass die Erde nur ein Planet war. Wir hatten das gewusst oder doch unseren Physiklehrern abgenommen, aber nun sahen wir es.

Warum also hier die Fußspur von Neil Armstrong oder Edwin Aldrin? Ich bin sicher, es gibt Kenner, die wissen genau, wessen Abdruck es ist. Es scheint wohl der von Neil Armstrong zu sein. Jedenfalls ist das mein Eindruck, nachdem ich mich ein wenig im Netz umgesehen habe.

Erinnerung an die Fußabdrücke von Buddha 

Ich mag diesen Fußabdruck. Schon als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich an Buddhas Fußabdrücke. Sie sind in ganz Asien zu sehen. Über 1000 sollen es allein in Sri Lanka sein. Sie werden nicht aufgefasst als Spuren, die der historische Buddha auf seinen Wanderungen hinterlassen hat. Sie wurden in Felsen geschlagen oder als kleine Kunstwerke geschaffen, um daran zu erinnern, dass der Buddha immer da ist.

Buddhas Fußabdruck ist geschmückt und nie einfach der Abdruck nackter Füße, wie wir sie kennen, wenn wir am Strand spazieren gehen. Die Plastizität des Abdrucks von Armstrongs Raumanzug erinnert auch darum sehr an Buddhas Spuren. Armstrong ist für den Mond ein „Erwachter“ (Buddha), der den Sprung aus der einen in die andere Existenz geschafft hat. Das ist Blödsinn, denn es gibt keinen Mann im Mond, keine Frau Luna, die aus Armstrongs Spuren eine Religion basteln könnte. Aber erheiternd ist diese Vorstellung doch, und so enthält der Abdruck auch ein parodistisches Element, eine Idee, was man mit ihm alles anstellen könnte, wenn man wollte und könnte.

Zu 1969 gehörte meiner Erinnerung nach weniger das Gefühl, dass wir es weit gebracht hatten. Viel verbreiteter, viel packender war die Vorstellung, was wir alles noch schaffen könnten. Es war nicht nur die Jugend, die damals das Gefühl hatte, bei einem Anfang dabei zu sein. Alles erschien machbar. Die Mondlandung war eine realisierte Utopie. Sie war der Beleg dafür, dass das „Nit mööööööglich“ des Schweizer Musikclowns Grock, der zehn Jahre zuvor gestorben war, endgültig der Vergangenheit angehörte. Dass der Mensch seine Geschichte bewusst machen konnte, war nicht allein die Vorstellung linker Utopisten. Die schwedische Reichsbank vergab im Oktober 1969 das erste Mal einen Preis für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel. Man war überzeugt davon, auch den Kapitalismus rational durchorganisieren zu können. 

Die Zukunft war planbar. Die Welt schien dabei, immer übersichtlicher zu werden. Es fehlte damals auch in der sozialistischen Welt nicht an Überlegungen, dass die neuen von den Computern bereitgestellten Rechnerkapazitäten direkt in den Sozialismus führen würden, weil sie es erst erlaubten, realistische gesellschaftliche Gesamtrechnungen aufzustellen. „Kommunismus“, so hatte Lenin erklärt, „das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Die neue Parole war „Computer und Sozialismus“. Allerdings waren das in der Sowjetunion, in Polen, in der DDR Positionen einer Minderheit, die sich zu keinem Zeitpunkt gegen die Parteihierarchien durchsetzen konnten.

Prägendes Ereignis für eine Epoche  

Die Nasa hatte mit der Mondlandung im Juli 1969 das zentrale Bild der neuen Sicht auf die Welt geliefert. Am 29. Oktober 1969 soll es ein unsere Epoche prägendes Ereignis gegeben haben, von dem kein einziges Foto existiert. Man sieht niemanden den neuen Boden betreten, den Arpanet (Advanced Research Projects Agency Network) schuf. Es ist die Geburtsstunde des Internets. Sie ist natürlich nicht so genau zu bestimmen wie die Mondlandung. Das Computer-Netzwerk entstand in einem jahrelangen Prozess, und es war – darum ging es dabei ja gerade – nicht so schön lokalisierbar. Es war ursprünglich im Auftrag der US-Luftwaffe ab 1968 von einer kleinen Forschergruppe unter der Leitung des Massachusetts Institute of Technology und des US-Verteidigungsministeriums entwickelt worden.

Es war möglich geworden unter anderem durch die Arbeiten des aus Polen stammenden Informatikers Paul Baran, der über „distributed Communication“ gearbeitet und ausgerechnet hatte, dass, wenn man die zu übertragenden Daten in kleinen Paketen bündelte, die Übertragungsgeschwindigkeit zwischen einzelnen Teilstrecken kein Problem mehr ist. Von diesem Paul Baran hörte ich damals nichts. Ich las den aus Russland stammenden, in den USA lehrenden marxistischen Paul A. Baran, der zusammen mit Paul Sweezy eines der wichtigsten ökonomischen Bücher jener Zeit, das „Monopolkapital“, verfasst hatte.

Wir fühlten uns als Avantgarde

Für Netzwerke interessierten wir uns sehr, und Kommunikation war eines unserer Lieblingsthemen, aber ich kann mich an niemanden erinnern, der damals die Entwicklungen bei der Herausbildung von Computernetzwerken beobachtet hätte. Wir fühlten uns als Avantgarde. Aber wir stellten Schlachten vergangener Zeiten nach. Überall in der westlichen Welt entstanden 1969 marxistisch-leninistische Parteien, die zurück zu einer Orthodoxie wollten, die längst widerlegt war. Nicht nur durch Worte und Argumente, sondern auch durch die Millionen von Opfern, die sie gekostet hatte und weiter kostete.

1969, das Jahr, in dem der Mensch den Mond betrat, und das Jahr, in dem die Bodenlosigkeit des Internets begann, unser aller Terrain zu werden. Die Möglichkeit der direkten Kommunikation eines jeden mit jedem anderen war eine Utopie. Die Idee, dass jeder Empfänger auch ein Sender sein könnte und damit zum Beispiel das Radio aus seiner Rolle als „Volksempfänger“ befreit und zu einem universellen Kommunikationsinstrument gemacht werden könnte, hatte schon Bertolt Brecht und Walter Benjamin stimuliert.

Das letzte Aufbäumen vor der Machtübernahme des Digitalen 

Die von der Revolte der 60er- und 70er- Jahre geschaffenen neuen Medien waren die alten: Flugblätter, Plakate, Zeitschriften, Zeitungen, Filme und Radio. Damals blühte noch einmal die alte Welt. Buchläden und Verlage entstanden. Es schien ein gewaltiger Anfang. So kam es den Zeitgenossen vor. Sie wussten nicht, dass es das Ende war, das letzte Aufbäumen einer nichts als analogen Welt vor der Machtübernahme des Digitalen. 

Revolution war wohl das Wort des Jahres 1969. Aber gerade die, die besonders gern davon Gebrauch machten, übersahen völlig die Revolution, die sich gerade zu vollziehen begann. Zeitgenossen sind schlechte Beobachter. Aber es gibt keine anderen. 1969 ist jetzt fünfzig Jahre her. Wir sehen die Konturen der Epoche deutlicher als damals. Die Mondlandung und das Internet gehören zusammen. Dass China uns jetzt auch die erdabgewandte Seite des Mondes zeigt, erinnert uns daran, dass wir einmal dachten, wir würden mit dem Blick auf den Mond uns den auf die Erde verstellen. Wir würden dadurch womöglich taumeln auf die erdabgewandte Seite der Geschichte. Die aber, das haben wir gelernt, gibt es nicht.

Der Blick auf den Erdaufgang über dem Mond hat uns die Augen geöffnet für die Wirklichkeit, in der wir leben. Wir mögen nur auf der Erdoberfläche leben, aber wir hängen ab bis in die innersten Fasern unserer Existenz von unserer Bewegung im Weltall, davon wie wir uns dazu in Relation setzen. Durch das Internet können wir uns miteinander verständigen wie niemals zuvor in der Weltgeschichte. Die Zeitgenossen wussten das nicht. In der Bundesrepublik führte Heintje die Hitparade Anfang 1969 mit diesen Versen an: „Aber Heidschi Bumbeidschi es schlafen,/ am Himmel die Schäflein, die braven./ Sie ziehen dahin, an dem himmlischen Zelt,/ vergessen den Schmerz und den Kummer der Welt./ Aber Heidschi Bumbeidschi bum bum./ Aber Heidschi Bumbeidschi bum bum.“ Das Lied gehörte übrigens zu den Lieblingsliedern, wenn die Legende stimmt, des Frankfurter SDS-Sprechers Hans Jürgen Krahl. In der DDR wurden Chris Doerk und Frank Schöbel 1969 mit „Abends in der Stadt geh’n die Träume mit uns aus“ Sieger des Schlagerwettbewerbs der Deutschen Demokratischen Republik. Auf Platz zwei landete „Häng‘ den Mond in die Bäume, hol mich ab zur rechten Zeit“ von Chris Doerk.

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