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Früher habe ich gestrickt, um besser zuhören zu können (wir hatten ja nix)
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Früher habe ich gestrickt, um besser zuhören zu können (wir hatten ja nix).

Update

Zuhör-Zubehör

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Ministerpräsident Ramelow spielt während Konferenzen „Candy Crush“, und alle Welt regt sich darüber auf: Falsch!

Ende Januar erzählte der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow in einem öffentlichen Gespräch, dass er während der Ministerpräsidentenkonferenz auf seinem Handy „Candy Crush“ spiele. „Bis zu zehn Level“ schaffe er bei den Treffen mit Angela Merkel. Daraufhin gab es viel Kritik. „Vielleicht wäre es Thüringen besser ergangen, hätte er zugehört“, schrieb Carlo Masala, Professor für Internationale Politik, bei Twitter.

Jetzt kann man Ramelow sicherlich vorwerfen, dass er insgesamt zu wenig zugehört hat, wenn es um die Corona-Pandemie ging. Noch Ende Oktober 2020 wollte er die in der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossenen neuen Einschränkungen in seinem Bundesland nicht mittragen. Dort seien doch sowieso gar nicht viele Leute an Covid-19 gestorben, und überhaupt, wer könne schon wissen, was die eigentlichen Todesursachen gewesen seien. Zu diesem Zeitpunkt stiegen die Neuinfektionszahlen in Thüringen genau wie anderswo bereits steil an. Bis ins neue Jahr hinein lagen die Zahlen in Thüringen weit über denen der anderen Bundesländer, mit Ausnahme von Sachsen, wo es noch schlimmer war.

Nur hat Ramelows Zuhörproblem wahrscheinlich nichts mit Candy Crush zu tun. Ich vermute, dass der Ministerpräsident sogar besser zuhören kann, während er auf seinem Handy Bonbons sortiert. Schon in den Kommentaren zum Tweet von Carlo Masala erklären einige, dass sie Candy Crush als Zuhör-Zubehör nutzen. „Mir hilft das insbesondere bei längeren Sitzungen, die Konzentration zu halten“, schreibt Mark Seibert aus der Berliner Senatsverwaltung. Das scheint mir plausibel, weil es mir ähnlich geht. Ohne solche Tricks kann ich gar nicht zuhören, meine Aufmerksamkeit schweift dann sofort ab. Sobald ich das überschüssige Interesse auf eine Routineaufgabe richte, folge ich dem Gesagten mühelos und konzentriert.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Ramelow hat sich für diesen Teil seiner Äußerungen nicht entschuldigt, sondern darauf hingewiesen, dass in mehrstündigen Konferenzen auch die anderen Anwesenden Sudoku, Schach oder Scrabble auf ihren Handys spielen. Ich finde das aus zwei Gründen gut. Erstens bringt es nichts, so zu tun, als würden Menschen zu unendlich konzentrationsfähigen Maschinen, nur weil sie in der Politik arbeiten. Zweitens wird immer noch zu selten gesagt, dass Beschäftigung mit dem Handy nicht automatisch unaufmerksames Ge-daddel bedeutet – nicht mal dann, wenn jemand wirklich daddelt.

Für diese Kolumne wollte ich eigentlich nur schnell die Forschungsergebnisse zum Thema Zuhörhilfen zusammenfassen. Im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsstörungen sei der Einsatz von konzentrationsfördernden Ablenkungen sicher inzwischen gründlich erforscht, dachte ich. Das scheint aber gar nicht der Fall zu sein. Allgemeine Einigkeit herrscht darüber, dass beim Zuhören eine gewisse Unterauslastung normal ist. Das Gehirn kann zwar zwischen 400 und 800 Wörtern pro Minute verarbeiten, bekommt aber weniger als die Hälfte davon geliefert. Der Wunsch, diese Lücke zu schließen, ist so verbreitet, dass inzwischen die meisten Audio- und Video-Apps die Option bieten, Gesprochenes schneller abzuspielen.

Smartphones sind auf Forschungs-Zeitskalen immer noch relativ neu, es ist also verständlich, dass Studien zum Thema „Besser zuhören dank Candy Crush“ bisher fehlen. Aber der Wunsch, beim Zuhören noch etwas anderes zu tun, ist ja älter als das Smartphone. Früher habe ich gestrickt, um besser zuhören zu können (wir hatten ja nix), dann Tetris auf dem Gameboy gespielt (wir hatten ja immer noch nix). Falls es Forschung zur Wirkung von Stricken, Häkeln oder Sticken auf Konzentration und Hörverstehen gibt, ist aber auch die gut versteckt. Immerhin existiert ein bisschen Kritzelforschung: Einem Experiment an der Universität Plymouth aus dem Jahr 2010 zufolge merkten sich die Versuchspersonen, die beim Anhören einer langweiligen Telefonnachricht kritzeln durften, 29 Prozent mehr vom Inhalt der Nachricht als die Kontrollgruppe. Das Problem ist nach wie vor, dass Beschäftigung mit dem Handy in Zuhörsituationen als unhöflich und unkonzentriert gilt. Das liegt am fehlenden Blickkontakt zur sprechenden Person, aber nicht nur daran. Keine Zeitung hätte darüber berichtet, wenn Ramelow angegeben hätte, er male beim Zuhören auf einem Schreibblock herum. Smartphones sind immer noch besonders suspekte, unseriöse Geräte.

Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil der Arbeit im Homeoffice: Während andere reden, kann man sich der Beschäftigung widmen, die einem das Zuhören erleichtert, ohne Anstoß zu erregen. Vorausgesetzt, man darf das eigene Video abschalten und vielleicht auch das Mikro, falls die individuelle Zuhörhilfe Geräusche erzeugt. So tragen die Pandemiesituation und Bodo Ramelow hoffentlich dazu bei, den Gebrauch von Zuhörgeräten irgendwann auch dann normaler und akzeptierter zu machen, wenn man sich in Sichtweite anderer Menschen befindet.

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