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Aus dem "Museum des Zufalls" von Dayanita Singh.
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Aus dem "Museum des Zufalls" von Dayanita Singh.

Fotografin Dayanita Singh MMK

Der Zufall und die jungen Frauen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die indische Fotografin Dayanita Singh und ihre Bilder im Frankfurter MMK3: Vom "Museum der Möbel" bis zum "Museum der Männer".

Nach der Schule hat sich das Mädchen aufs Bett geworfen, die Decke übers Gesicht gezogen, als wolle sie niemanden mehr sehen. Es ist ein Moment, den alle Heranwachsenden kennen: genervt, überfordert, unzufrieden mit sich und der Welt. „Go Away Closer“ hat Dayanita Singh ihr Foto eines schmollenden Schulmädchens genannt, ein Titel, der so widersprüchlich ist, wie die Gefühlslage.

„Go Away Closer“ sei auch eine Art, wie man die Liebe beschreiben könnte, sagte die indische Fotografin einmal über ihre Formulierung, die den ambivalenten Wunsch nach Nähe und Alleinsein ausdrückt. Zugleich bringe sie das Wesen der Fotografie auf den Punkt: „Verzweifelt versuchst du, etwas festzuhalten, aber in dem Moment, in dem du das Foto gemacht hast, ist es bereits Vergangenheit.“

„Go Away Closer“ heißt auch die aktuelle Ausstellung der Künstlerin, die derzeit im MMK 3 im Hauptzollamt in Frankfurt zu sehen ist – ein Überblick über Singhs Werk der vergangenen 30 Jahre.

Was wir sehen, sei eine Anzahl verschiedener „Museen“, heißt es in einer Beschreibung, denn Singh, die 1961 in Neu-Delhi geboren wurde, sortiert ihre ausnahmslos schwarzweißen Fotografien nach Themen und präsentiert sie in selbst entworfenen Präsentationsmöbeln: eine Art flexibler Paravents aus Teakholz, in die bis zu 140 Fotografien eingepasst, wo sie aufbewahrt und immer wieder neu angeordnet werden können. Ausstellungsdisplays, die wie Archivstrukturen und gigantische aufgeblätterte Bücher zugleich wirken.

Da gibt es das „Machine Museum“, in dem unterschiedliche Maschinen-Fotos zu sehen sind, die unwillkürlich an die Fotoserien von Bernd und Hilla Becher erinnern, wenngleich die Art der Aufnahmen weniger stringent und monumental anmutet. Es gibt das „Museum of Furniture“, in der Sitzmöbel, Betten und Schränke in der jeweils vorgefundenen Umgebung abgebildet sind (im Büro, Museum, Hotel oder auf der Straße). Es gibt das „Museum of Vitrines“, das irgendwann aus dem Möbel-Museum hervorgegangen ist und einen ausgestopften Löwen, diverse Glaskolben oder Beinprothesen in Vitrinen zeigt.

Der Mann mit den Schlüsseln

Es wirkt, als katalogisiere Singh die sie umgebende Welt – jedoch auf eine Weise, die erstaunlicherweise kein bisschen nüchtern wirkt, sondern von großer Empathie mit den Dingen und der Welt zeugt. Im „Museum of Men – Recent“ hält ein Mann in jeder Hand ein gigantisches Konvolut an Schlüsseln, ein anderer steht in Gummistiefeln vor einem Kessel, so dass man unwillkürlich an August Sanders Porträts von Vertretern verschiedener Berufsstände denken muss.

Manches bleibt auch rätselhaft. Einer der Männer sitzt etwa – nur mit einem um die Hüfte geschlungenen Tuch bekleidet – auf einer Bank vor einer Vitrine mit altmodischen Weckern. Ein anderer – er trägt einen Leinenbeutel – ist Günter Grass.

Zum „Museum of Little Ladies“ gehören das eingangs erwähnte Foto des Schulmädchens auf dem Bett, aber auch Aufnahmen diverser herausgeputzter Mädchen und junger Damen, die sich gerne vor der Kamera zeigen. Im Museum of Photography“ sieht man gerahmte Fotos von Menschen, an die sich jemand erinnern möchte – sei es an Verstorbene auf einem Ahnenaltar, die Liebsten auf dem Nachttisch oder die „leading curators of the past“ in einer Museumsvitrine.

Assoziativer funktioniert das „Museum of Chance“ mit Szenen aus Kinofilmen, einer vom Wind aufgebauschten Gardine, Schränken voller Koffer, angeketteten Männern, die einander mit den Fingerspitzen berühren. Die Farblosigkeit der Bilder, die Ruhe, die sie ausstrahlen, die indischen Motive, die Uneindeutigkeit – all das verströmt eine Poesie, die wie der warme würzige Holzgeruch im Raum zu schweben scheint.

Das Gesicht von Mona

Wer sich umdreht Richtung Ausgang, der schaut in das Gesicht von Mona. Es ist das erste Videowerk von Dayanita Singh und war bereits im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen. Den Film „Mona and Myself“ bezeichnet Singh als ein „moving still“. Tatsächlich sehen wir das Gesicht von Mona, bei dem es sich um einen Eunuchen handelt, der von seinen Leuten verstoßen wurde, nur in einer einzigen Einstellung. Mona liegt auf einem Kissen, die Augen fallen immer wieder zu, es läuft leise Musik, manchmal bewegt Mona die Lippen zum Mitsingen.

„Dieser Film veranschaulicht, worum es in meiner Arbeit wirklich geht: Es ist wie ein Traum, jener kurzer Moment zwischen Schlaf und Erwachen“, so die Künstlerin. „Mona erzählt, wie es ist, wenn man weder hier noch dort dazu gehört, weder männlich ist noch weiblich, weder ein Eunuch noch jemand wie ich“. Singh ist eine Meisterin der Andeutung, die große Geste ist nicht ihre Sache, das abgeschlossene Werk liegt ihr nicht. Ihre Mittel sind sparsam, manches wirkt lapidar.

Singh reicht es, wenn ihre Bilder in Büchern abgebildet ist. Künstlerbücher sind für sie tragbare Museen. Die Schau im MMK3 jedoch entfaltet einen eigenwilligen Zauber, der noch lange im Kopf bleibt.

Museum für Moderne Kunst, MMK3, Frankfurt: bis 4. Januar.

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