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Spaghetti oder Spitze: Die Fassade am neuen Annex des Pariser Kulturministeriums.
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Spaghetti oder Spitze: Die Fassade am neuen Annex des Pariser Kulturministeriums.

Die Zuckerbäcker

Vom Kulturministerium bis zum Luxushotel: Der Pariser Architekturtrend fordert neue Fassaden für alte Gebäude

Von MARTINA MEISTER

Wer sich auf den neuen Annex des französischen Kulturministeriums zu bewegt, wird schon von weitem ein seltsames Flechtwerk aus dünnem Aluminium erkennen, das sich um den so genannten Block der Bons-Enfants rankt. Hier, im ersten Pariser Arrondissement, nicht weit vom Palais Royal entfernt, wo noch immer der Kulturminister residiert, ist jetzt ein Großteil der Beamten des Ministeriums eingezogen, die zuvor auf 16 verschiedene Standorte verteilt waren.

Der Block besteht aber aus sehr unterschiedlichen Gebäuden, deren Entstehungszeit vom Jahrhundertanfang bis in die Sechziger Jahre reicht, und die nun dank dieser ornamentalen Aluminiumhülle zu einer ästhetischen Einheit zusammenwachsen sollen. Manche haben es euphemistisch als "Spitze" bezeichnet, als "eiserne Spaghetti". Man kann die Sache aber auch gleich bei ihrem Namen nennen: Es handelt sich bei diesem Unternehmen um städtebaulichen Zuckerguss, um ein architektonisches Sahnetörtchen. Nur leider nicht um einen Einzelfall.

Potemkinsches Dorf einmal anders

Denn in Paris zeichnet sich ein neuer Trend ab, bestehende Gebäude mit gläsernen oder metallenen Hüllen zu verzieren. Es ist, wenn man so will, ein neuer Fassadismus, der sich breit macht, auch wenn es sich letztlich um das genaue Gegenteil dessen handelt, was man bislang unter diesem Begriff verstand. Beim Fassadismus, von dem gerade Frankfurt nicht verschont blieb, ging es darum, historische Fassaden zu retten, um dahinter Neubauten zu errichten. Jetzt findet der umgekehrte Vorgang statt: Bestehende Gebäude, zum Teil durchaus historische, werden mit postmodernistischen Hüllen verkleidet. Es ist die neueste Variante des Potemkinschen Dorfes.

Nicht nur um den gerade dieser Tage eingeweihten Annex des Kulturministeriums rankt sich eine Ornamenthülle, die wie eine Neuinterpretation der Anfang des Jahrhunderts von Hector Guimard geschaffenen Metro-Eingänge im Jugendstil wirkt. Auf den Champs-Elyseés ist bereits im vergangenen Jahr das mittlerweile 30 Jahre alte Gebäude des Publicis-Drugstores von Grund auf erneuert, modernisiert und von dem amerikanischen Architekten Michele Saee mit einer tanzenden Glashülle verschalt worden, die wohl an das Formenspiel seines Lehrers Frank Gehry erinnern soll, aber leider eher etwas von zerberstenden Glasflaschen hat und manch einem vorkam wie eine Hommage an das zerstörte World-Trade-Center.

Tapete aus Stein

Nur wenige Hausnummern weiter wird derzeit die Fassade des berühmten Restaurants Fouquet's, dessen Innenräume immerhin unter Denkmalschutz stehen, unter einer aufgesetzten Steinfassade verschwinden, die exakt, aber natürlich in einer Miniaturversion, den Louvre nachahmt.

Dahinter verbirgt sich nicht nur ein ästhetisch-städtebauliches Kalkül, sondern vor allem ein wirtschaftliches: Die Eigentümer des Komplexes, die Luxushotel-Gruppe Lucien Barrière, erweitert dort ein Hotel, das man schlecht auf mehrere, sehr unterschiedliche Gebäude wie einen nicht mehr ganz so neuen Neubau aus den Siebziger Jahren und einem Neo-Haussmann'schen Klassiker verteilen kann.

Klebt man jedoch eine Art steinerne Tapete als einheitliche Fassade davor, ist das Problem gelöst; zugleich suggeriert man dem Kunden, in einem dem Louvre nicht unähnlichen Palais zu residieren. Im nächsten Jahr soll der Mini-Louvre eröffnet werden.

Edouard François, der Architekt, weist alle Vorwürfe eines kosmetischen Fassadismus zurück und beruft sich auf die Kunst des Pasticcios. Interessanterweise bedient er sich aber der Computersprache, um seine Vorgehensweise zu erläutern. Es handele sich um nichts anderes als den Vorgang von "Kopieren & Einfügen".

Mit dem Computer pflegt auch Francis Soler zu arbeiten, der das Kulturministerium verhüllt hat - dessen Innenausbau im Übrigen sehr gelungen ist. Er bedient sich gern alter Motive oder figürlicher Darstellungen, mit Vorliebe Renaissancegemälde wie in diesem Fall, die er digitalisiert und auf dem Computer in Fragmente zerteilt und neu zusammen mixt.

Der Architekt wird so zum DJ der Formen. Aber seine Schöpfungen erschöpfen sich im Zitat.

Serienverbrechen Architektur

Was den Neomanierismus nicht hindert, weiter seine Kreise zu ziehen. Auf der Ile Séguin, im Westen von Paris in der Seine gelegen, ist ebenfalls eine Hülle in Planung. Während der japanische Architekt Tadao Ando an der Inselspitze ein Museum für zeitgenössische Kunst für die Fondation Pinault baut, sollen die unterschiedlichen Projekte der Breitseite der Insel unter einer Hülle zur Einheit zusammengefasst werden, welche gleichzeitig die abgerissenen Renault-Fabrikhallen zitieren soll, die von der anderen Seite der Seine immer als Hochseedampfer wahrgenommen wurden.

So feiert der Neomanierismus an der Seine seine fröhlichen Urstände. Eine Erklärung für diesen Trend liegt auf der Hand: Da es Paris aus guten Gründen immer schon an Raum und Mut für die Moderne gemangelt hat, leben sich die Architekten nun im puren Fassadismus aus.

Wenn das Ornament ein Verbrechen ist, wie Adolf Loos einst sagte, dann sind diese Architekten allesamt serial killers, schrieb ein Architekturkritiker. Aber niemand scheint sie aufhalten zu wollen.

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