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„In meinem Leben kommt mir so was nicht mehr ins Haus.“
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„In meinem Leben kommt mir so was nicht mehr ins Haus.“

Update

Zu spät, zu spät

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wer glaubt, alle anderen seien schon an einerneuen Sache dran, lässt sich oft entmutigen. Das kann ein Fehler sein.

Im Jahr 1994, ich war 24 Jahre alt, wurde ich von Michael Rutschky für seinen Dokumentarfilm „Die Lebensalter“ interviewt. Ich vertrat darin „den jungen Menschen“. Worüber wir für den Film geredet haben, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber daran, dass sich das Gespräch nach dem Ende der Aufnahme um meinen Computer drehte. „Für mich ist das zu spät“, sagte Rutschky, „in meinem Leben kommt mir so was nicht mehr ins Haus.“ Das kam mir falsch vor. Herr Rutschky war zwar zweifellos sehr alt (so alt wie ich zum Aufschreibezeitpunkt dieser Kolumne), aber zwanzig Berufsjahre hatte er doch sicher noch vor sich. Wollte er seine Texte für immer von Hand schreiben und Informationen über Filme in „Halliwell’s Film Guide“ nachschlagen statt in der schon damals viel umfangreicheren Internet Movie Database?

1997 kaufte ich mir für einen Urlaub auf Sizilien ein Buch über die Programmiersprache Java. Es hatte 448 Seiten und enthielt viele Übungen sowie eine CD mit Beispielen. Beides nutzte mir im Urlaub wenig, denn mein Computer war nicht transportabel. Ich las das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Die Übungen musste ich mir eben vorstellen. Als ich damit fertig war, kam ich zu dem Schluss, dass es keinen Sinn hatte, jetzt noch nach einem Java-Job zu suchen. Schließlich gab es die Sprache schon seit zwei Jahren. Alle Softwareentwickler:innen in meinem Freundeskreis kannten sich damit viel besser aus als ich. Es war zu spät.

Sascha Lobo beschrieb später in seinem Roman „Strohfeuer“ auf autobiografischer Basis die Suche nach Java-Entwickler:innen auf einem leer gefegten Markt: „Hier. Zehntausend. Das ist die Antrittsprämie, für denjenigen, der am Montag in Sassnitz Java programmiert. Und den Vertrag für sechs Monate unterschreibt, natürlich.“ Die Handlung spielt im Jahr 2000. Es wäre überhaupt nicht zu spät gewesen, 1997 in diesen lukrativen Beruf einzusteigen. Ich hätte sogar noch drei Jahre Zeit gehabt, die Übungen aus dem Buch auch wirklich zu machen.

Natürlich kaufte ich auch keine Aktien irgendwelcher Unternehmen im Netz. Als es noch früh gewesen wäre, hatte ich kein Geld, und als ich dann Geld hatte, war es schon fast 2005 und jetzt aber wirklich zu spät dafür.

Im Frühjahr 2008 spielte ich mit dem Gedanken, mich bei Twitter anzumelden, kam mir aber blöd vor, weil alle anderen schon bei Twitter waren. Es gab den Dienst ja schon über ein Jahr. Jetzt noch damit anzufangen, war sicher peinlicher, als es für immer sein zu lassen. Zum Glück äußerte ich diesen Gedanken laut in Gegenwart von Sascha Lobo, der allgemein eine realistischere Vorstellung als ich davon hat, wann es zu spät ist. Und so kam es, dass ich mich doch noch anmeldete, zu einem Zeitpunkt, der aus heutiger Sicht pionierhaft früh wirkt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Fehler kommen vor, dagegen lässt sich nichts machen. Man sollte sich nur bemühen, nicht öfter als etwa zehnmal genau denselben Fehler zu machen. Deshalb bin ich jetzt etwas klüger. Wenn ich 2020 zu einem Meeting, einer Tagung oder einem Projekt eingeladen werde, und das Ganze schon wieder auf einer neuen Plattform für die Remote-Zusammenarbeit passiert, denke ich zwar immer noch: „Hilfe, bestimmt benutzen alle anderen das Ding schon ewig, und ich bin die letzte, die davon keine Ahnung hat.“ Aber gleich danach denke ich den vernünftigeren Gedanken: „Haha, nein, sicher nicht.“

Es ist nämlich für überhaupt nichts zu spät. „Mit ein paar Ausnahmen“, wollte ich schreiben, „zum Beispiel ist es wahrscheinlich zu spät, sich noch in die Benutzung mechanischer Kurbelrechenmaschinen einzuarbeiten.“ Dann fiel mir wieder ein, dass ich mich 2014 in die Benutzung mechanischer Kurbelrechenmaschinen eingearbeitet habe. Es hat Spaß gemacht, und ich will nicht ausschließen, dass ich eines Tages sogar einmal für einen Vortrag über Kurbelrechenmaschinen bezahlt werde. Auch für eine Beschäftigung mit der 1959 entwickelten Programmiersprache Cobol wäre es keineswegs zu spät. Auf Cobol basieren heute noch so viele Prozesse in den Geschäftsbereichen, die in den 1960er und 70er Jahren digitalisiert wurden – Banken, Verwaltung, Flugbuchungssysteme –, dass die Auftragslage der oben von Sascha Lobo beschriebenen ähnelt. Und falls eine oder einer glauben sollte, es sei jetzt aber wirklich zu spät, ins Thema Onlinehandel zu investieren: Der Onlineshoppinganteil beträgt derzeit ungefähr zehn Prozent vom Einzelhandelsumsatz in Deutschland. Nicht einmal äußerste Verschlafenheit kann uns daran hindern, Early Adopter zu werden.

Herr Rutschky hat sich übrigens doch noch einen Computer zugelegt, irgendwann zwischen 2000 und 2005. Zu Beginn dieses Zeitraums gab es in der Hälfte aller deutschen Haushalte noch keinen PC, am Ende in einem Drittel. Er war also nicht einmal besonders spät dran.

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