+
„Es gab unstreitig verheiratete Priester“, sagt Wolf. Papst Franziskus bei einer Weihe in Rom.

Kirche

Zölibat: „Unumstößlich erst seit hundert Jahren“

  • schließen

Ein Zölibat für Priester ist weder historisch noch theologisch gerechtfertigt: Der Theologe Hubert Wolf über Machtfragen und das Beharren auf absurden Zuständen.

Hubert Wolf, geb. 1959, ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster. 1985 wurde er zum Priester geweiht. Der für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnete Theologe gehört zum Exzellenz-Cluster „Religion und Politik“ an der Universität Münster. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen diverse Bücher über die römische Inquisition oder das Pontifikat Papst Pius XII. sowie „Die Nonnen von Sant’Ambrogio“ über einen Sex-Skandal aus dem 19. Jahrhundert in einem römischen Frauenkloster und der Band „Krypta“ über verdrängte oder unterdrückte Traditionen in der Geschichte der katholischen Kirche. Wolf ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Herr Professor Wolf, 88 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der deutschen Katholiken sind gegen die Beibehaltung der Zölibatspflicht für Priester. Warum schreiben Sie ein ganzes Buch über eine Frage, in der sich ohnehin fast alle einig sind?
Weil diejenigen, die noch am Zwangszölibat festhalten, immer noch so tun, als handelte es sich um eine Tradition, an der die Kirche unbedingt festhalten müsse. Dabei gibt es weder einen Auftrag Christi noch ein göttliches Gebot noch eine apostolische Anordnung, die den Zölibat für Priester verbindlich vorschreibt. Selbst das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) erachtet den Zölibat lediglich als „angemessen“, aber nicht als wesentlich für den priesterlichen Dienst.

Daraus folgt?
Beibehalten oder abschaffen ist eine Güterabwägung, nichts anderes. Aus zwei Gründen sehe ich mich als Historiker fast genötigt, zu dieser Abwägung beitragen. Der erste Grund ist der Missbrauchsskandal. Klar ist: Der Zölibat an sich ist zwar nicht die Ursache für sexuellen Missbrauch, aber eben doch ein erheblicher Risikofaktor. Daraus leitet sich fast von selbst die Forderung ab, die zwingende Verbindung von Priestertum und Ehelosigkeit aufzugeben.

Aber das ist kein historisches Argument.
Im Grunde doch. Aus den historischen Quellen ergibt sich die furchtbare Macht der kirchlichen Autoritäten: Die Opfer hatten nie eine Chance, sie fanden nicht einmal Gehör. Und die Täter konnten ihre Vergehen gegebenenfalls in die denkbar schlimmste, aber zugleich wirksamste Tarnung hüllen: die Sakralisierung. Sie redeten ihren Opfern ein: „Gott will es!“ Und der Zölibat, der Priester zu scheinbar seraphisch-reinen, asexuellen Wesen macht, stellt potenziellen Tätern genau diesen Tarnumhang bereit. Zudem können Historiker Hinweise auf sexuellen Missbrauch finden, seitdem wir Quellen über Kleriker und deren Verhalten haben. Die Bezeichnungen mögen sich ändern, auch die Zuordnungen zu bestimmten moralischen Kategorien. Aber sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt sind jedenfalls nicht – wie führende Kirchenmänner heute bisweilen behaupten – ein Epiphänomen der sexuellen Revolution und der 68er. Alles andere als das!

Sie erwähnten zwei Gründe für Ihre Beschäftigung mit dem Zölibat. Welches ist der zweite?
Die Anfrage lateinamerikanischer Bischöfe, ob der Papst sich auf dem Boden der Tradition bewegen würde, wenn er verheiratete Priester in der katholischen Kirche zuließe.

Und? Wäre das mit der Tradition vereinbar?
Eindeutig ja. In der alten Kirche gab es völlig unstreitig verheiratete Priester. In den mit Rom unierten Ostkirchen gibt es sie völlig selbstverständlich bis heute. Historisch ist zunächst einmal festzustellen: Mit „Zölibat“ waren über die Jahrhunderte hinweg sehr viele verschiedene Dinge gemeint: vom Verbot der Wiederheirat etwa eines verwitweten Priesters über sexuelle Enthaltsamkeit an Sonn- und Feiertagen bis hin eben zur verpflichtenden lebenslangen Ehelosigkeit. Es gab in der katholischen Kirche alles – und nichts, was es nicht gab. Es liegen wunderbare Studien vor über ganze katholische Priesterdynastien aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Münsterland, in denen das Priesteramt über Generationen hinweg vom Vater auf den Sohn überging. Und niemand hatte etwas dagegen, kein Bischof schritt dagegen ein. Das zeigt: Es gab ein Kirchengesetz, das aber weder von unten eingehalten noch von oben durchgesetzt wurde. Zu letzterem setzte die kirchliche Obrigkeit erst im 19. Jahrhundert an.

Warum?
Weil es die Kleriker einerseits in immer höhere Sphären entrückte und sie von außen unangreifbar, für die kirchlichen Autoritäten dafür aber umso verfügbarer machen sollte. Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, leichter zu steuern – und leichter zu erpressen. Nicht zuletzt wegen des bekannt hohen Anteils an Zölibatsverstößen. Nach meiner These ist der gesamte Katholizismus mit seinem Machtapparat, wie wir ihn heute kennen, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Dazu aber gehört elementar die Erfindung des zölibatären Priesters. Jetzt erst wird in katholischen Lexika behauptet, der Zölibat gehöre zum Wesen des Priestertums. Die Theologen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit hätten so etwas niemals behauptet. Solche Neuerfindungen von Traditionen („Invention of Tradition“) sind allerdings typisch für die katholische Kirche. In Krisenzeiten waren sie oft ihre letzte Rettung.

Aber geht die Zölibatspflicht nicht auf das 12. Jahrhundert zurück?
Ich weise nach, dass das so nicht stimmt. Bis 1917 rechnete die kirchliche Gesetzgebung sehr wohl mit der Möglichkeit verheirateter Priester. Sie haben Recht: Der Zölibat als Kirchengesetz wurde 1139 eingeführt. Aber immer mit Ausnahmen. Unumstößlich ist der Zölibat erst seit 100 Jahren. Erst 1917 nämlich wurde die Weihe im kirchlichen Gesetzbuch, dem Codex Iuris Canonici (CIC), zum Ehehindernis und die Ehe zum Weihehindernis erklärt. Solche erstaunlich jungen Entwicklungen mitsamt den vollmundigen Behauptungen, was es in der Kirche wahlweise noch nie gegeben habe oder was immer schon praktiziert worden sei – die machen den Historiker von Berufs wegen misstrauisch. Wenn es für den Zölibat wenigstens eine Begründung gäbe, die – im Neuen Testament grundgelegt – über 2000 Jahre hinweg durchgehalten worden wäre! Aber nicht einmal eine solche existiert. Stattdessen wurden und werden immer wieder neue Argumente zur Verteidigung des Zölibats herangezogen. Manche davon hat die Kirche später eigenhändig wieder verworfen.

Welche zum Beispiel?
Die Vorstellung etwa, dass Geschlechtsverkehr den Priester verunreinigen und ihn deshalb unwürdig für die Feier des Messopfers mache, wurde ausdrücklich für hinfällig erklärt, genau wie die jahrhundertelange Verteufelung der Sexualität überhaupt. Wer aber die Argumente wechselt wie andere ihre Hemden, der hat schlechte Karten.

Wieso? Andere Zeiten, andere Plausibilitäten. Hauptsache wäre doch, dass die heute vorgetragenen Begründungen stimmig sind.
Richtig! Aber dann müsste zumindest die Kirche ihre eigenen Begründungen ernst nehmen.

Und tut sie das nicht?
Nein. Der Zölibat wird heute primär als ein Charisma gedeutet: als eine Gnadengabe, die den Priester in seinem Dienst für Gott und die Menschen vervollkommnet. Gesetzt den Fall, das wäre so – ja, dann brauchte es dafür doch kein Kirchengesetz! Wenn diese Gnadengabe Gottes tatsächlich so groß und gewaltig wäre, dann müssten wir uns vor zölibatär lebenden Priestern kaum retten können. Das ist offenkundig nicht der Fall. Deshalb wurde bereits auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren über keine andere Frage so hitzig gestritten wie über den Zwangszölibat. Es gab eine starke Bestrebung, ihn schon damals aufzuheben. Man müsse den Zölibat dem Priesteramt opfern und nicht das Priesteramt dem Zölibat, wurde insbesondere von den Bischöfen der katholischen Ostkirchen gesagt, in denen verheiratete Priester – wie gesagt – eine Selbstverständlichkeit sind.

Warum kam es trotzdem nicht zur Aufhebung?
Weil Papst Paul VI. die Debatte mit einem ausdrücklichen Verbot abgewürgt hat. Er hatte Angst vor dem Kollaps eines Systems, das mit einer weiteren Diskussion unweigerlich auf den Prüfstand gekommen wäre. Schon zur Zeit des Konzils war für bestimmte Weltregionen – etwa Afrika oder Lateinamerika – völlig klar: ehelose Priester – das geht dort nicht. Weder soziokulturell noch spirituell: Wo das Leben des Menschen als Geschöpf Gottes im Einklang mit der Schöpfung gesehen und dem geweihten Priester die Aufgabe zugesprochen wird, als Mann Gottes die Einheit mit Natur und Schöpfung herzustellen, dort hat der Ausschluss der Sexualität keinen Platz. Der Priester muss selber im Einklang mit der Natur und nicht wider sie leben, wenn seine Botschaft authentisch sein soll.

Warum hat das Diskussionsverbot des Papstes von damals im Grunde bis heute Bestand?
Das ist aus historischer Warte ganz schwierig zu beantworten. Man müsste eher organisations-soziologisch herangehen: Was braucht es für den Selbsterhalt eines Systems? Der Zölibat schafft quasi von selbst eine Priesterkaste mit klerikalem Korpsgeist und Standesdünkel. Er führt zu Milieu-Verengung und Selbsthermetisierung. Er ist der wichtigste Identitätsmarker des klerikalen Systems. Jenes Systems, das man neuerdings angeblich überwinden will. Das kann aber nur gelingen, wenn man den Zölibat abschafft oder zumindest Alternativen eröffnet. Tut man das nicht, sind alle Kampfansagen an den Klerikalismus bloße Sprüche.

Verteidiger des Status quo unter den Bischöfen sagen, das Problem sei, dass die Priester nicht mehr hinreichend genug von ihrem Glauben durchdrungen seien.
Also, tut mir leid: Es sind doch eben diese Bischöfe, die diese Priester selber erzogen und geweiht haben. Dann haben sie aber doch als Verantwortliche für die Priesterausbildung einiges falsch gemacht!

Wenn Priester für die Aufhebung des Zölibats plädieren, wie unlängst in Köln ein ganzer Jahrgang aus Anlass des Goldenen Priesterjubiläums, dann wird gern gesagt: „Die reden doch bloß so, weil sie selber mit dem Zölibat nicht klarkommen.“ Sie sind auch Priester. Wie ist das bei Ihnen?
Auch diese Sprüche kenne ich. Sie kommen bevorzugt aus dem Mund der Veränderungsverweigerer, sind für mich als Wissenschaftler aber irrelevant. Sollte ich Theorie und Praxis des Zölibats der Geschichte der Kirche nicht untersuchen, nur weil ich selbst betroffen bin? Das ist offenkundig Unsinn. Würde sich für mich selbst die Frage stellen, geriete ich auf ganz schwieriges Terrain. Sie stellt sich aber nicht. Ich bin Priester geworden nicht wegen des Zölibats.

Aber Sie haben den Zölibat bei Ihrer Weihe sehenden Auges ...
... mit eingekauft. Ja, schon klar! Trotzdem: Wenn ich Bischöfe predigen höre, der Zölibat diene der Vervollkommnung des eigenen Lebens, dann sage ich: Wer das so sieht, der soll Mönch werden. Priester zu werden, bedeutet dagegen in erster Linie, für die Menschen da zu sein.

Der Priester, heißt es auch, soll sich mit ganzer Hingabe dem Dienst für Gott und die Menschen widmen – und deshalb auf Ehe und Familie verzichten.
Also, mal ehrlich: Heute als Christ in Ehe und Familie zu leben, Kinder zu erziehen und seinen Glauben zu praktizieren, das verlangt vielleicht mehr Hingabe, als diese seltsame Selbstvervollkommnungsideologie sie vom Priester behauptet. Zumal das Verbot gelebter Sexualität bei vielen Priestern zu allerlei Verbiegungen führt.

Sie meinen die heimlichen Verhältnisse?
Die sind das eine, und weil im Grunde doch alle davon wissen, ist es ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, wenn die Kirche offiziell so tut, als gäbe es all das nicht. Mit Verbiegungen meine ich aber noch etwas anderes. Es scheitern doch nicht nur die am Zölibat, die – wie Sie selbst wissen – das Priesteramt aufgeben oder sich für eine versteckt gelebte Beziehung entscheiden. Viele Priester vereinsamen, entwickeln skurrile Spleens, Verhaltensauffälligkeiten, Depressionen, verfallen dem Alkohol oder flüchten sich in autoritäres Gehabe.

Ein vernichtendes Urteil!
Ich urteile nicht, und ich bestreite auch gar nicht die Möglichkeit eines gelingenden Lebens im Zölibat. Die gibt es zweifellos, und wer so leben möchte, der soll es auch künftig tun können. Für nicht länger tragbar halte ich einzig das Junktim, das sagt: „Wer Priester werden will, muss zölibatär leben.“

So, und wie sähe nun aus Historiker-Sicht eine Lösung aus?
Die Ortsbischöfe könnten unter Verweis auf Jahrhunderte alte Rechte und Gewohnheiten sagen: Wir sind nicht die Obermessdiener Roms, sondern wir beanspruchen eigene Autoritäten und Vollmachten – zum Beispiel zur Befreiung verheirateter Männer von der Zölibatspflicht. Wir haben im Übrigen schon heute überall in Deutschland ganz offiziell verheiratete katholische Priester.

Diejenigen aus den mit Rom verbundenen Ostkirchen, die Sie erwähnten, ja.
Nicht nur sie, sondern auch solche, die vorher evangelische Pfarrer waren. Die erhalten nämlich nach Übertritt zur katholischen Kirche mit anschließender Priesterweihe regelmäßig die Erlaubnis, weiterhin mit Frau und Kindern zu leben. Warum das ein Privileg für Ex-Protestanten sein sollte, ist mir schleierhaft. Anders gefragt: Warum werden – in der Sprache der Inquisition – „bekehrte Häretiker“ besser behandelt als gestandene Katholiken? Das ist einfach absurd, weder historisch noch theologisch nachvollziehbar und könnte jederzeit geändert werden: entweder, indem Rom die Praxis der orthodoxen Kirchen übernimmt, die eine Heirat vor der Weihe vorsieht; oder, indem man den Bischöfen erlaubt, Verheiratete auf Antrag vom Zölibat zu befreien.

Interview: Joachim Frank

Das Buch

Das neue Buch von Hubert Wolf kommt am  Donnerstag im Verlag C. H. Beck heraus: „Zölibat. 16 Thesen“, München 2019, 190 Seiten, 14,95 Euro.  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion