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Die Grabplatte des früheren Reichskanzlers Franz von Papen ist vor der CDU-Bundeszentrale in Berlin aufgetaucht. Dahinter steckt die Künstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“.

Neue Aktion

Grabplatte von Franz von Papen in Berlin aufgetaucht - „Zentrum für Politische Schönheit“ steckt dahinter

Das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ hat die „Säule der Schande“ vor dem Reichstag umgebaut. Unterdessen wird eine neue Aktion bekannt.

    • Das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) hat vor dem Reichstag eine Säule aufgestellt, die die Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält.
  • Nach heftiger Kritik entschuldigte sich das ZPS für sein jüngstes Projekt. Die Asche der Holocaust-Opfer wurde von Rabbinern beigesetzt.
  • Nun hat das ZPS eine weitere Aktion bestätigt: Die verschwundene Grabplatte des früheren Reichskanzlers Franz  von Papen ist vor der CDU-Bundeszentrale in Berlin aufgetaucht.

Update vom 07.12.2019, 15.00 Uhr: Die zum Wochenanfang aus dem saarländischen Wallerfangen verschwundene Grabplatte des früheren Reichskanzlers Franz von Papen (1879-1969) ist am Samstagmorgen vor der CDU-Bundeszentrale in Berlin wieder aufgetaucht. Wie ein Polizeisprecher dem Evangelischen Pressedienst (epd) bestätigte, wurde die Steinplatte mutmaßlich von Aktivisten des umstrittenen Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) vor dem Gebäude abgelegt. Sie sei von der Polizei sichergestellt und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, sagte der Sprecher. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um das Original handelt.

Auf ihrer Webseite bestätigten die Aktionskünstler die Aktion und erklärten, Franz von Papen „möchte mit der Union die Gefahren besprechen, wenn man sich mit Faschisten einlässt und ob Demokratiefeinde durch Macht überhaupt domestiziert, demaskiert oder eingehegt werden können“. Papen, Hauptangeklagter in Nürnberg, sei mit vier Jahren Haft bestraft worden, habe dann in „Saus und Braus auf seinem Schloss“ gelebt und habe im Anschluss ein Ehrengrab in Wallerfangen bekommen: „So geht deutsche Erinnerungskultur“, hieß es.

„Zentrum für Politische Schönheit“ überarbeitet Gedenkstätte vor dem Reichstag

Update vom 07.12.2019, 13:02: Aufgrund einer Aktion des Künstlerkollektivs „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) am Montag in Berlin, gab es massive Kritik. Das ZPS hatte eine Stahlsäule mit der Asche von Opfern des Holocaust als Gedenkstätte errichtet. Das haben viele als geschmacklos empfunden. Nun ist die Gedenkstätte überarbeitet worden, teilt das Künstlerkollektiv am Samstag (07.12.2019) mit. Es handle sich jetzt um eine „Schwurstätte gegen den Verrat an der Demokratie“. Laut ZPS wurde außerdem unter die Säule ein Betonfundament gegossen. 

Auf der Säule prangt jetzt der antike Schwurspruch zum Staatsschutzgesetz von 410/409 vor Christus: „Ich schwöre Tod durch Wort und Tat, Wahl und eigne Hand – wenn ich kann – jedem, der die Demokratie zerstört.“ Die Asche der Opfer des Holocaust wurde wieder entfernt und bereits am Freitag von Rabbinern beigesetzt. 

Erstmeldung vom 05.12.2019, 19:29: Nach heftiger Kritik hat sich das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) für sein jüngstes Projekt entschuldigt. Es verhüllte am Mittwoch das Kernstück einer Stahlsäule, die nach Angaben der Gruppe Asche von Opfern der Massenmorde der Nazis enthält. Das für umstrittene Aktionen bekannte Kollektiv hatte in Sichtweite des Reichstagsgebäudes eine sogenannte Gedenkstätte errichtet – ein Teil davon ist die Säule. Den Angaben zufolge enthält das orangefarbene Glasmodul der Stahlstele von Kunstharz umschlossene Asche und Knochenreste von NS-Opfern.

„Zentrum für Politische Schönheit“: keine religiösen und ethischen Gefühle verletzen

Daran hatte es in den vergangenen Tagen energische Kritik gegeben. Wie ZPS-Sprecher Philipp Ruch vor der Presse sagte, gab es weitere vergleichbare Projekte in mehreren Städten, darunter Halle, Arnstadt und Cottbus. Auch diese wurden laut ZPS umgestaltet und die Stelen ersetzt.

Das gläserne Kernstück der Säule, die vom Künstlerkollektiv ZPS im Regierungsviertel aufgestellt wurde, ist abgeklebt.

Nichts habe ihnen ferner gelegen, als die religiösen und ethischen Gefühle von Überlebenden und Nachkommen der Getöteten zu verletzen, teilten die ZPS-Aktivisten auf ihrer Internetseite mit. „Wir wollen bei Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen aufrichtig um Entschuldigung bitten, die wir in ihren Gefühlen verletzt haben“, heißt es dort unter der Überschrift „Wir haben Fehler gemacht“. „Wir möchten insbesondere auch die jüdischen Institutionen, Verbände oder Einzelpersonen um Entschuldigung bitten, die durch unsere Arbeit die Totenruhe nach jüdischem Religionsrecht gestört oder angetastet sehen.“ Das gläserne Kernstück der Säule wurde mit schwarzem Klebeband blickdicht abgeklebt, um dem Eindruck der „Zurschaustellung“ zu begegnen.

Zentralrat der Juden hatte ZPS-Aktion kritisiert 

Der Zentralrat der Juden hatte die Aktion als unseriös bezeichnet. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, erklärte: „Die jüngste Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ soll provozieren, ist aber tatsächlich nur geschmacklos, taktlos und pietätlos.“ Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem bat das ZPS, „verantwortungsbewusst zu handeln und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust sowie an die Überlebenden zu respektieren, die die Gräuel dieser Ära ertragen haben“.

Als Reaktion auf die Aktion hat die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland Unterstützung bei der Beisetzung angeboten. In einem am Mittwochabend veröffentlichten Schreiben riefen die Rabbiner die Gruppe auf, die Ruhe der Toten wiederherzustellen und die Asche gemäß dem jüdischen Religionsgesetz Halacha beizusetzen. Auch der Vorstand der Rabbinerkonferenz zeigte sich bestürzt über die „sogenannte Kunstaktion“.

Vorwurf an ZPS: Störung der Totenruhe

Die Rabbiner erklärten in ihrem Brief an das Künstlerkollektiv: „Nicht genug, dass Sie die Totenruhe von Opfern der Shoa stören und diese für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, sind wir nun sehr besorgt, dass sie zum Ende ihrer ‚Kunstaktion‘ nicht einmal gemäß der Halacha (jüdischen Gesetzen) ihre Ruhe finden können.“ Jüdische Menschen sollten nach ihrem Tod „schnellstens der Ewigen Ruhe überführt werden“, möglichst noch vor dem Wochenfeiertag Schabbat. Dieser beginne am Freitag um 15.36 Uhr. „Eine würdevolle Beisetzung der Asche muss daher in den frühen Vormittagsstunden stattfinden“, erklärten die Rabbiner Avichai Apel, Mordechai Balla und Yehuda Pushkin für den Vorstand der Rabbinerkonferenz. Dabei sei man gerne behilflich.

Die politische Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) sorgt immer wieder mit provokanten und umstrittenen Aktionen für bundesweite Aufmerksamkeit. Zu den Mitbegründern zählt der deutsch-schweizerische Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch. Laut eigener Aussage engagiert sich die Gruppe für eine „radikale Form des Humanismus“. Ihre Grundüberzeugung sei, „dass die Lehren des Holocaust durch die Wiederholung politischer Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit annulliert werden und dass Deutschland aus der Geschichte nicht nur lernen, sondern auch handeln muss“. Das ZPS finanziert sich eigenen Angaben zufolge ausschließlich über Spenden beziehungsweise Crowdfunding. Für die aktuelle Aktion sind demnach rund 98 000 Euro Spenden eingegangen (Stand 4. 12. 2019 bevor die Aktionswebsite abgeschaltet wurde).

„Zentrum für Politische Schönheit“ sagt weitere Aktionen ab

Die Aufstellung der Gedenksäule war durch das Grünflächenamt des Stadtbezirks Berlin-Mitte bis zum Samstag 7. Dezember 2019 genehmigt worden. Ursprünglich hatte das ZPS geplant, daraus eine dauerhafte Gedenksäule zu machen.

Die für Samstag geplante Aktion, bei der für die temporäre Gedenksäule ein verbleibender Betonsockel gegossen werden sollte, wurde ebenso abgesagt wie ein angekündigter sogenannter großer Zapfenstreich. FR mit epd/dpa

Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit im Interview: „Es ist unmöglich, das Richtige zu tun“.

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