+
Szene aus „Chernobyl“.

TV-Serie „Chernobyl“

TV-Serie „Chernobyl“: Die Zensurbehörde prüft

  • schließen

Russlands Öffentlichkeit empört sich über die TV-Serie „Chernobyl“.

Manche Szenen sind arg pathetisch. Da baut sich ein Minister, flankiert von zwei Soldaten mit gezückten Kalaschnikows, vor 50 kohlschwarzen Kumpeln in der Grubenstadt Tula auf, um sie zum Sondereinsatz an einen unbekannten Ort zu befehlen. Die weigern sich grimmig, der Minister gibt zu, es gehe nach Tschernobyl, wo die Bergarbeiter nach dem GAU verhindern sollen, dass Radioaktivität ins Grundwasser gelangt. Die Männer sind sofort bereit, auf die wartenden Lastwagen zu klettern, klopfen aber vorher mit ihren schmutzigen Pranken den hellblauen Anzug des Apparatschiks schwarz.

Die amerikanisch-britische TV-Serie „Chernobyl“ macht auch in Russland Furore. Anfangs lobte sogar der russische Kulturminister Wladimir Medinski den Film: Er sei mit großem Respekt vor den einfachen Leuten gedreht worden. Aber inzwischen ist die Stimmung gekippt. „Mickey Mouse bringt Krieg nach Russland“, schimpft das nationalistische Portal Regnum. Und die Partei Kommunisten Russlands hat bei der Zensurbehörde Roskomnadsor beantragt, die Serie zu blockieren. Roskomnadsor prüft...

Die Bergmänner, die in Tschernobyl ihr Leben riskierten, sagen, der Bergbauminister sei vorher tatsächlich bei ihnen gewesen. „Aber ohne Soldaten mit Sturmgewehren. Er hat zunächst 150 Freiwillige für Tschernobyl gesucht“, erklärt Wladimir Naumow, Tschernobyl-Veteran aus Tula, unserer Zeitung. „Es haben sich zweimal mehr Leute gemeldet.“ Und niemand habe den himmelblauen Anzug des Ministers mit Kohle verschmiert.

Eine der großen Schwächen der Serie ist die Überzeichnung der späten Sowjetunion zum totalitären Staat. Die Chefs des havarierten Kraftwerks und der Kreisverwaltung tagen anfangs in einem Führerbunker, in der an jeder Ecke stramme Sowjetarmisten in Paradeuniform stehen, auch der Kampf der Liquidatoren gegen die Radioaktivität auf dem Kraftwerksgelände wird – anders als in der Realität – von Kalaschnikow-Schützen überwacht, der KGB ist allgegenwärtig. „Die Sowjetunion ist also eine primitive Militärdiktatur gewesen“, bloggt der Kommunist Dmitri Jewsejew erbost, „ihre Bürger vollbrachten Heldentaten nur mit Gewehrläufen im Rücken.“

Rückkehr der Emotionen

Doch auch wenn die Serie einige Male übertreibt, sie verdreht nicht. Sie zeigt Spitzenfunktionäre des Systems, die aufopferungsvoll in der Strahlungszone bleiben, um den GAU unter Kontrolle zu bringen, etwa der stellvertretende Regierungschef Boris Schtscherbina. „Hervorragend, wie der Film die Menschen von Tschernobyl darstellt“, sagt die Schriftstellerin Lisa Alexandrowa-Sorina, „an manchen Stellen kam er mir fast schon zu patriotisch vor.“ Und der ukrainische Journalist Alexander Demidow, zur Zeit der Katastrophe Discjockey in der Stadt Pripjat, wo die Belegschaft des Kernkraftwerks wohnte, staunt: „Die Emotionen kehren zurück wie in einer Zeitmaschine.“ Für Russlands staatspatriotische Öffentlichkeit gibt es zu wenig sowjetische Hochtechnologie und zu viel Katastrophe. „Das ist ein Film darüber, wie degeneriert die Russen sind“, schimpft der Videoblogger Dmitri Putschkow. „Man kann sie also nicht an so ernsthafte Sachen wie Atomenergie heranlassen.“ Die Serie sei vollgestopft mit kleinen antisowjetischen Gemeinheiten, schimpft Kommunist Jewsejew. „Sie ist ein Musterbeispiel der modernen westlichen Propaganda.“ Und Radio Sputnik beklagt sich über mangelnden Respekt vor dem „kolossalen Heldenmut des gesamten Sowjetvolkes“.

Die Kritik vieler Tschernobyl-Veteranen ist zurückhaltender. Auch wenn die Drehbuchautoren die Bergarbeiter splitternackt einen Schacht unter den Reaktor graben lassen: Nach Aussagen überlebender Tschernobyl-Kumpel sind solche Nacktszenen ebenfalls reine Fantasie. „Es gibt viel Unwahrheit in der Serie“, sagt Naumow. „Aber wir freuen uns trotzdem, dass sie so erfolgreich ist. Sie hat das Interesse an Tschernobyl neu geweckt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare