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Zeitsprünge

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Von: Sylvia Staude

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Mahnmal guter Vorsätze.
Mahnmal guter Vorsätze. © Julian Stratenschulte/dpa

Gute Vorsätze und böse Beschleunigungen. Aber am Dienstag spätestens fängt man mit dem ziemich neuen Leben an.

Kaum hat man es ausgesprochen, da schämt man sich bereits (na ja, ein bisschen) über den leicht schadenfrohen Unterton: Schon die ganze Zeit kam mir der so bekannt vor, das ist doch der P. – der ist aber ganz schön alt geworden (will sagen: eben gerade nicht schön, sondern eher weniger schön alt geworden). Sicher, P. kann einen nicht hören, er ist gerade damit beschäftigt, in einer etwas seltsamen amerikanischen Komödie einen Schauspieler zu spielen, in einem Film, den man just mit Freunden guckt. Aber was würde P. wohl denken, wäre er mit einem bekannt und träfe einen nach längerer Pause? Mit großer Wahrscheinlichkeit doch: Die ist ganz schön alt geworden.

Die Zeit ist ein verflixtes Ding. Ein hinterlistiges Ding. Wiegt einen in Sicherheit, springt dann vorwärts, dass man gar nicht mehr mitkommt (besonders, wenn man ab einem gewissen Alter nicht mehr so gut springen kann wie einst).

Gefühlt war es erst vorgestern, dass man zum Jahreswechsel absichtlich nur einen guten Vorsatz gefasst hat – Motto: Ein einziger wird doch hoffentlich, nein sicherlich klappen, das kann doch nicht so schwer sein. Dann war es schon Mitte Januar aus mit dem guten Vorsatz, denn schließlich muss man am Wochenende auch mal Fünfe gerade sein lassen können. Und eigentlich genügt es, am Dienstag wieder einzusteigen mit der Gymnastik/dem täglichen Spaziergang/ dem Zuckerverzicht (setzen Sie hier den Vorsatz ein, mit dem sie am liebsten gescheitert sind). Oder ist nicht eher die Wochenmitte ein guter Zeitpunkt, um wieder einzusteigen?

Am Mittwoch ist man abends müde. Am Donnerstag irgendwie gestresst. Am Freitag kommt doch eh gleich das Wochenende, an dem man ruhen soll. Am Wochenende nimmt man sich fest vor, am Montag aber ganz bestimmt wieder weiterzumachen mit dem ziemlich neuen Leben. Dann ist es plötzlich Sommer und zu heiß, um sich jetzt noch mit Vorsätzen zu belasten, welcher Art auch immer. Dann ist es plötzlich Winter und wenn es stimmt, dass wir uns bloß mit dem Waschlappen waschen und in der Wohnung Wollpulli plus Skimütze tragen werden – dann wird doch wohl niemand von uns erwarten, dass wir auch noch Gymnastik machen/spazierengehen/auf Zucker verzichten.

Ein Tool zur „digitalen Unterstützung von effektiverer Kommunikation und Kollaboration“ – wir wollen keine Marke nennen – überrascht uns jeden Tag morgens mit der sicher effektiv gemeinten Aufforderung: „Jetzt ist die Zeit zu versuchen.“ Gern, rufen wir ihm zu. Aber jeden Tag wieder verweigert es uns eine Auskunft darüber, was denn heute zu versuchen wäre. Ehe wir aber das Falsche versuchen, versuchen wir lieber nichts.

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