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Irina Scherbakowa in Weimar.

Irina Scherbakowa

In Zeiten der Wende in Russland

Irina Scherbakowas Dankesrede in Weimar zur Verleihung der Goethe-Medaille.

Von Irina Scherbakowa

Es ist für mich eine sehr große Ehre, hier zu stehen und ich betrachte diese Auszeichnung in erster Linie als eine Anerkennung der Arbeit, die wir zusammen mit vielen anderen russischen Freunden und Kollegen in der Internationalen Memorial Gesellschaft seit mehreren Jahren tun. Für diese Anerkennung bedanke ich mich vom ganzen Herzen!

Als ich die Nachricht über die Goethe-Medaille erhielt, und das sie am 28. August verliehen wird, musste ich daran denken, welche merkwürdigen Zusammenfälle es doch gibt. Denn genau an diesem Tag vor 74 Jahren hat mein 19-jähriger Vater am wenigsten an Goethe gedacht, als er an der Süd-Front in der Ostukraine schwer verletzt wurde. Seine Kompanie war sehr nahe bei den deutschen Schützengräben und fast alle Soldaten sind in diesem Gefecht gefallen. Mein Vater hatte Glück, er wurde zum Kriegsinvaliden, aber er überlebte. Und so kam ich sechs Jahre später auf die Welt. Man kann sich vorstellen, welche Gefühle er damals gegenüber den Deutschen hatte. Aber als ich sieben Jahre alt war, haben meine Eltern, beide Philologen, für mich Deutsch als Fremdsprache gewählt, denn trotz des grausamen Krieges blieb für sie die deutsche Literatur, vor allem die deutsche Klassik, die bedeutendste in der europäischen Kulturtradition. „Faust“ in der Übersetzung vom berühmten russischen Dichter Boris Pasternak wurde zur wichtigen Lektüre ihrer Generation.

Kaum jemand von meinen Freunden fand aber in jenen Jahren die deutsche Sprache wohlklingend. In den 1950er und 60er Jahren war Deutsch für viele noch die Sprache des Feindes. Die Erinnerung an den brutalen Krieg übertrug sich auf die Sprache, man nahm sie als grob und bellend wahr – ganz so, wie die Kommandos und Befehle, die man aus den Kriegsfilmen kannte. Aber nach einiger Zeit begann die Epoche, in der jeder, der sich für intellektuell hielt, unbedingt die Werke von Thomas Mann, Hermann Hesse und Franz Kafka las. Mein Deutsch begann, sobald ich lesen lernte, mit den Gedichten von Goethe und Heine. In den wunderbaren Übersetzungen der großen russischen Dichter wurde „Der Erlkönig“ und „Wanderers Nachtlied“ zu den Juwelen der russischen Lyrik. Und meinen deutschen Sprachkenntnissen verdankte ich die Möglichkeiten, diese Zeilen in beiden Sprachen lesen zu können.

Eine ganz wichtige Tradition knüpfte da an, die Tradition der Aufklärung. Denn worauf hoffte man in Russland in den 1970er Jahren, nachdem die „Tauwetterzeit“ zu Ende war, und die bleiernen Breschnew-Zeiten begannen? Dass wir eine Veränderung erleben würden, war nicht in Sicht. Aber es half die Überzeugung, dass man sich an die für die russische Intelligenzija seit dem 19. Jahrhundert so wichtige Idee der Aufklärung und der Bildung halten soll. Und das Entscheidende dabei war, das Mögliche dafür zu tun, um die Wahrheit über die Vergangenheit, über den stalinistischen Terror, über die Schicksal der Opfer zu erforschen und zu sammeln, wenn das auch nur auf den geheimen Wegen passieren konnte. Aber doch in der Hoffnung, dass einmal die Zeit kommen werde, wo man das publik machen kann.

Als die Perestroika kam, und diese Aufarbeitungsgeschichte plötzlich an der Tagesordnung stand, wurde für viele, vor allem für diejenigen, die die Gesellschaft Memorial gegründet hatten, nicht nur das Beispiel Deutschlands für die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch für ganz konkrete Hilfe, Zusammenarbeit, gemeinsame Forschung und Unterstützung von großer Bedeutung. Und in all den vergangenen Jahren wäre unsere Tätigkeit ohne diese Unterstützung viel schwieriger gewesen. Wenn ich jetzt alle Institutionen, Stiftungen, Historiker, Journalisten, Politiker, Akteure der Zivilgesellschaft aus Deutschland hier nennen würde, mit denen wir diese Jahre zusammengearbeitet haben, so würde diese Aufzählung sehr lange dauern.

In den letzten Jahren mit der deutlichen Wende in Russland zum Nationalismus, zur Isolierung von westlichen Ländern, zur Atomisierung der Gesellschaft, mit der Gewöhnung an die Unfreiheit und vor allem, der ständigen Suche nach Feinden ist diese Unterstützung und Zusammenarbeit noch viel wichtiger geworden. Denn nur die Solidarität können wir diesen sehr gefährlichen Tendenzen entgegenstellen. Und als Zeichen dieser Solidarität sehe ich diese Medaille, und für diese Solidarität sind wir ungemein dankbar, denn wir brauchen sie heute, wie niemals davor.

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