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Guillermo Mordillo, 1932 in Buenos Aires geboren, ist jetzt 86-jährig auf Mallorca gestorben.

Nachruf

Zum Tod von Zeichner Mordillo

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Von der Kunst, dem Abgrund zu trotzen, und damit auch noch irrwitzigen Erfolg zu haben.

Der Name Mordillo klingt, als sei er der Eigenname einer Kunstsprache – aber einer, die man nicht lernen muss. Mordillo ist nämlich eine Ausdrucksform, die sogleich überall verstanden wird. Das liegt zum einen daran, dass Guillermo Mordillo, der 1932 in Buenos Aires geboren wurde, sehr weit herumgekommen ist auf dem Weg zur beruflichen Erfüllung.

Als Sohn spanischer Einwanderer in Argentinien schloss er 1948 eine Ausbildung als Illustrator an der Journalistenschule von Buenos Aires ab, und seine leicht zugänglichen Cartoonserien, die später weltweit in zahlreichen Magazinen veröffentlicht wurden, verstand er zuallererst als journalistische Form. Von Kunst jedenfalls mochte Mordillo nicht sprechen, es sei denn, seine Werke würden einmal in den großen Museen, dem Prado in Madrid oder dem Louvre in Paris, ausgestellt werden.

Genau das aber hatte Mordillo nicht nötig, denn bald waren seine Figuren überall präsent. Sie zeigen Menschen in Alltagssituationen, die sich gewitzt aus der Affäre ziehen und der Realität ein Schnippchen zu schlagen wissen. Zum Markenzeichen wurde dabei jene Figur, die einsam vor sich hin trottet, als plötzlich der als Linie gezeichnete Weg im Nichts endet. Eine existenzielle Ausnahmesituation, für die nach kurzem Innehalten der Zeichner eine Lösung parat hat. Die Figur zaubert einen Stift hervor und verlängert die unterbrochene Linie kurzerhand selbst. Das Cartoonleben geht weiter.

Diese Art von Leichtigkeit war zugleich die verborgene Philosophie von Mordillos seltsamen Knubbelfiguren, die beim Betrachter stets auch das mobilisierten, was in der Psychologie als Kindchenschema bekannt ist. Für seine in die Welt hinausgeworfenen Wesen gibt es keinen Abgrund, der nicht mit Einfallsreichtum und Unerschrockenheit zu überwinden wäre.

Nachdem Mordillo in den späten 40er Jahren zunächst Kinderbücher illustriert hatte, wechselte er zum Studio des argentinischen Trickfilmpioniers José Burone Bruché und war an mehreren Märchenfilmen als Zeichner beteiligt. Lehrjahre in einer Branche, die längst als Industrie bezeichnet werden konnte, die viele fleißige Hände brauchte, aber nicht unbedingt künstlerische Individualität förderte. Mitte der 50er wechselte Mordillo als Werbegrafiker nach Peru, aber schon bald zog es ihn nach New York, wo er vom Filmstudio Paramount Pictures angestellt und als Zeichner für populäre Serien wie „Popeye“ und „Little Lulu“ eingesetzt wurde.

Ohne Geld und Sprachkenntnisse ging er 1963 nach Paris, wo er sich schließlich als Karikaturist bei der Zeitschrift „Paris Match“ durchsetze und seine Cartoons bald auch vom deutschen Magazin „Stern“ übernommen wurden.

In Deutschland begann zu dieser Zeit gerade die Blütezeit des Witzbildes, und Mordillo war neben Loriot der zweite Zeichner, den man sofort an seinem ganz eigenen, unverschnörkelten Strich wiedererkennen konnte. Das verlief keineswegs widerspruchsfrei, denn während sich in den 70er Jahren vor allem im Milieu der Alternativzeitschriften eine politische Karikatur mit ganz eigenem Strich und gesellschaftspolitisch schärfer werdendem Witz etablierte, musste sich Mordillo, der später auch den Werbespot für die Deutsche Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“ zeichnete, den Vorwurf gefallen lassen, mit seiner Art der bildnerischen Weltsicht eher harmlos zu sein und sich an Nebensächlichkeiten aufzuhalten.

Zwischen Mallorca und Paris

Mordillo war zu dieser Zeit längst nicht mehr nur Zeichner, sondern jenseits von Disney einer der weltweit erfolgreichsten Animationskünstler, der multimedial operierte und Poster, Kalender, Plüschtiere, Postkarten, Spielfiguren und Puzzles sowie CD-ROMs und ein Computerspiel produzierte. Spätestens seit den ausgehenden 70er Jahren konnte er sich ein mondänes Leben zwischen Mallorca, Monaco und Paris leisten, die fehlenden Sprachkenntnisse hatte er beinahe mühelos nachgeholt.

Und obwohl Mordillo hin und wieder als unpolitischer Bildkünstler betrachtet wurde, war er einer der ersten, die nach der Ermordung seiner Kollegen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 15. Januar 2015 in Paris Stellung bezog. Er zeichnete eine traurigen Clown mit einem Bleistift in der Hand und bezeichnete den Terroranschlag als tiefe Zäsur, nach der in der Welt seiner Kunst nichts mehr so sein werde wie zuvor.

Nun werden die Clowns in aller Welt erneut ihre Stifte erheben. Am Samstag ist Guillermo Mordillo im Alter von 86 Jahren in seinem Haus auf Mallorca gestorben.

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