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Youtuber erreichen in Deutschland längst mehr junge Menschen als die TV-Sender.

Videoplattform Youtube

Zehn Jahre Youtube

Mehr junge Menschen schauen Youtube als Fernsehen. Und doch sind die Stars der Szene der Mehrheit der Gesellschaft unbekannt. Ein milliardenschwerer Parallel-Kosmos feiert Jubiläum.

Noch nie hat eine Gesellschaft so wenig von ihren neuen Popstars mitbekommen. Dabei erreichen Youtuber auch in Deutschland längst mehr junge Menschen als die TV-Sender. Eine Milliardenindustrie ist entstanden – und die Gangart wird härter.

Florian Mundt, 27 Jahre, bleiches Gesicht, schwarze Baseballkappe, sieht immer etwas übermüdet aus. Das liegt an dem Paralleluniversum, in dem er ein Mega-Star ist – der Online-Videoplattform Youtube. Florian Mundt nennt sich dort LeFloid, er ist einer der erfolgreichsten Youtuber in Deutschland; einer von denen die inzwischen hauptberuflich für die Plattform drehen. 3,2 Millionen Menschen haben seinen Kanal abonniert. Wenn er in einem Elektronikmarkt einkaufen geht, ist er in Sekundenschnelle von Fans umringt. Auf Szene-Veranstaltungen warten sie stundenlang, um ein Foto mit ihm zu ergattern.

„Action News, aber hart“ ist der Slogan seines Videoformats LeNews , in dem Mundt mit lebensgroßem weißen Sturmtruppen-Kostüm und kleinen Actionfiguren im Hintergrund das Tagesgeschehen kommentiert – immer hochemotional und radikal subjektiv. Eine knappe Million sieht ihm dann zu, wenn er erklärt, wieso das Freihandelsabkommen TTIP das Gesundheitssystem bedroht oder die Terrormiliz IS den Koran missbraucht.

Es sind besonders 16- bis 24-Jährige, die bei LeFloid einschalten– und zwar so viele, dass er mit dem Format regelmäßig doppelt so viele Zuschauer unter 29 Jahren erreicht wie die ARD-Tagesschau – immerhin der mit durchschnittlich 400 000 Zusehern in dieser Altersgruppe meistgesehene Fernseh-Nachrichtensendung.

Youtube-Stars übertrumpfen Schauspieler

Bei Personen über 30 ist die Wahrscheinlichkeit hingegen hoch, dass sie von LeFloid, YTitty oder wie die anderen Stars der Szene heißen noch nie gehört haben. „Wenn ich sage: ich mache Videos im Internet, dann wird das entweder nicht verstanden oder die Leute haben Angst, du drehst Pornos,“ sagt Mundt.

Noch nie hat die Mehrheit der Gesellschaft so wenig von den Popstars der Teenager mitbekommen. Dabei übertrumpfen diese längst Schauspieler und Musiker. Das US-Magazin Variety sorgte für Aufruhr, als es Mitte vorigen Jahres eine Umfrage der beliebtesten Popstars US-amerikanischer Teenager veröffentlichte. Jennifer Lawrence, Katy Perry oder Leonardo Di Caprio schafften es zwar noch auf die Liste. Aber angeführt wurde sie ausschließlich von Youtube-Stars: Smosh, The Fine Broth, PewDiePie, KSI und Ryan Higa. „Es ist altersmäßig schon eine Parallelgesellschaft“, sagt Mundt.

Allerdings ist es eine Parallelgesellschaft, die nicht mehr lange eine bleiben wird. Denn die Teenager, die mit Youtube aufgewachsen sind, hören nicht auf damit, wenn sie 18 sind. „Die Leute werden mit uns älter“, sagt Mundt. „Youtube hat in den letzten Jahren rapide an Relevanz gewonnen.“ In den USA erreicht Youtube bereits nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Nielsen mehr Erwachsene im Alter von 18 bis 34 Jahren als jedes Kabel-TV-Netzwerk.

Zwar zieht Youtube bislang nur einen Bruchteil der Werbemilliarden an, die TV-Sendern immer noch zufließen. Doch sehr viele sind überzeugt, dass dieser Anteil rasant steigen wird. Innerhalb von zehn Jahren ist eine Milliardenindustrie um die Plattform entstanden.

Interaktion mit der Community - ständig

Mehr als eine Million Videokünstler verdienen weltweit mit Youtube Geld, tausende von Kanälen dabei jährlich sechsstellige Beträge. Bei den erfolgreichsten sind es mehrere Millionen Euro im Jahr. Auch in Deutschland, sagt Youtube-Manager Andreas Briese, verdienten inzwischen mehrere Tausend Menschen im Umfeld der Videoplattform hauptberuflich ihren Lebensunterhalt. Um die erfolgreichsten Videokünstler buhlen sogenannte Multichannel-Netzwerke, die wie Platten-Firmen, die Youtuber vermarkten – und dafür einen Teil der Werbeeinnahmen einstreichen, die Youtube an die Kanäle auszahlt. Die Management-Firmen verkaufen Produktplatzierungen in den Videos und versprechen den Videoproduzenten ihre Reichweite zu erhöhen, indem sich die Kanäle eines Netzwerks gegenseitig bewerben.

Risikokapitalfirmen setzen darauf, dass aus diesen Netzwerken die Medienkonzerne der Zukunft entstehen. Maker Studios, ein Netzwerk aus den USA, wurde für bis zu 950 Millionen US-Dollar von Disney übernommen.

Die RTL-Gruppe sicherte sich im November für 107 Millionen Euro die Mehrheit im Netzwerk Stylehaul, das größte Netzwerk für Mode- und Beauty-Kanäle. Mit den Millioneninvestitionen steigt zugleich der Druck, das Kanalwachstum so stark wie irgend möglich zu beschleunigen.

Immer mehr Youtuber kritisierten in den vergangenen Monaten, dass ihre Kanäle nur noch auf Profit und Wachstum getrimmt werden sollen. Anwälte klagen über Knebelverträge. Einigen reicht es inzwischen. Florian Mundt gehört zu einer knappen Handvoll bekannter Youtuber die dem größten deutschen Youtube-Netzwerk Mediakraft inzwischen den Rücken gekehrt haben – und es nun vorerst als Independent-Kanäle versuchen.

Trotz der zunehmenden Professionalisierung bleibt die Plattform für viele Video-Macher ein 24-Stunden-Job. Um neun ins Büro kommen, um fünf wieder gehen – „unmöglich“, sagt Mundt. Was viele nicht verstehen: Youtube ist kein Online-Fernsehen, es ist ein soziales Netzwerk mit Videos. Es wird erwartet, dass Youtuber mit der Community interagieren – und zwar ständig. „Egal ob Du deine Eltern besuchst, Wochenende hast oder im Urlaub bist: Du hast immer Smartphone, Tablet und Laptop dabei und checkst deine Kommentare, nicht nur auf Youtube, sondern auch auf Instagram, Twitter und Facebook,“ sagt Mundt.

Auszeiten gilt es möglichst komplett zu vermeiden. „Drei Wochen Urlaub heißt sechs Videos vorzuproduzieren.“

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