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Der Club ist ein Kraftwerk.

Musikzeitschriften

The year the Musik-Journalismus died

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Zum Tod der Print-Ausgaben von „Groove“, „Spex“, „NME“ und „Intro“ - und zu den Plänen, im Netz klarzukommen.

Für die Leserinnen und Leser von Musikzeitschriften war das zu Ende gehende Jahr ein herber Schlag. Mit „Groove“, „NME“ und „Spex“ haben sich gleich drei honorige Print-Titel vom Kiosk verabschiedet, dazu ist auch die gedruckte Ausgabe des kostenlosen Magazins „Intro“ aus den Regalen unseres Lieblings-Plattenladens verschwunden. Und der Laden hat auch gleich mit zugemacht.

Die Gründe für das Massensterben der Musik-Print-Titel sind offensichtlich: Schrumpfende Werbeumsätze sowie sinkende Verkaufszahlen am Kiosk und im Abonnement haben das Geschäftsmodell so lange untergraben, bis die Einstellung der gedruckten Medien aufgrund der hohen Druck- und Distributionskosten unausweichlich war.

Der Nachrichtenfluss auf der Internet-Seite der „Spex“ war am 20. November abgerissen. Soeben aber informierte die Redaktion über den Plan, nun doch im Internet weitermachen zu wollen. Vorgesehen ist ein Online-Modell, das am 1. Februar starten soll, Details wurden noch nicht genannt.

Für das Techno-Magazin „Groove“ gibt es bereits ein alternatives Modell: Mit einer Bezahlschranke und Online-Abos will Piranha Media, der hinter der „Groove“ (und „Spex“) stehende Verlag, den Titel am Leben erhalten. Hierzu gibt es aufmunternde Worte von Piranha-Media-Chef Alexander Lacher: „Wir sehen mehr denn je, dass es eine Berechtigung für Berichterstattung über anspruchsvolle elektronische Musik gibt und wollen dem weiter unsere volle Aufmerksamkeit widmen.“ Dieser Glaube scheint genährt von den zuletzt stabilen Verkaufszahlen der „Groove“, wenn auch auf niedrigem Niveau. Im ersten Halbjahr 2018 hatte das Magazin laut IVW im Schnitt fast 12 000 Exemplare am Kiosk abgesetzt. In Spitzenzeiten (2011) lag die verkaufte Auflage bei knapp 20 000 Exemplaren.

Diese Zahl bezieht sich auf den Erfolg des Magazins im Einzelverkauf. Die Geschichte der „Groove“ reicht aber viel weiter zurück. Bereits 1989 hatte der Frankfurter Thomas Koch alias DJ T. das Magazin gegründet, das es anfangs in einer frei verteilten Auflage von bis zu 35 000 Exemplaren in Platten- und Klamottenläden gab. Damals gab es allerdings auch noch kein Internet, wie wir es heute kennen. Erst 2004, nach einigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ging die Herausgeberschaft in die Piranha Media über, die das Magazin in einer mit einer monatlichen CD aufgepeppten Variante von 2005 an auch an den Kiosk brachte. Dieser Schritt an den Kiosk war bereits die erste Reaktion auf die schwindenden Anzeigenmärkte. Werbung allein konnte das Magazin schon damals nicht mehr finanzieren.

Das Verschwinden der Print-Anzeigen aus der „Groove“ und ähnlich gelagerten Titeln hatte zwei Gründe: Da war die Abwanderung der Print-Werbe-Budgets ins Internet, zugleich verloren die elektronische Musik und die Club-Kultur ihre Relevanz. Nicht künstlerisch, sondern als „vermarktbare Zielgruppe“, wie es im Werbersprech heißt.

Dass die „Groove“ schon relativ früh ankündigte, ihren Betrieb nicht gänzlich einzustellen, liegt wohl daran, dass sie im Markt ein Kult-Titel mit einer klar umrissenen, wenn auch kleinen Zielgruppe ist. Und hier vermutet Piranha-Chef Langer noch Potenzial. „Die Ideen, die wir mit der Redaktion entwickelt haben, werden einerseits im Kern die Heftinhalte mit gewohnter Qualität und Leidenschaft fortführen, andererseits aber dem neuen Umgang mit Musik und Clubkultur in Zeiten von Streaming und Social Media gerecht werden“, so Lacher, dessen Verlag mit „Juice“ übrigens auch einen wirtschaftlich erfolgreichen Hiphop-Musiktitel im Programm hat. Die verkaufte „Juice“-Auflage liegt bei derzeit rund 25 000 Exemplaren.

Der neue Umgang der Hörer mit Musik ist ein weiterer Sargnagel für den althergebrachten Musikjournalismus. Streamingdienste haben mit ihren Algorithmen das Artist-Album irrelevant gemacht. Hörer entdecken auf diesem Weg jeden Tag großartige neue Musik und interessieren sich gleichzeitig immer weniger für die Musiker dahinter. Das müssen sie auch nicht, da es keine Rolle mehr für das Finden neuer Musik spielt. Das wiederum führt dazu, dass es immer weniger langfristig orientierte Musiker-Karrieren gibt, deren Aufstieg und Fall sich journalistisch begleiten ließe. Die Story hinter der Band wird daher schwerer zu finden, gleichzeitig müssen Journalisten mehr Musiker im Blick behalten. Gute, neue Musik trägt seltener einen großen Namen, mit dem sich Schlagezeilen machen ließen.

Dazu kommt noch die Schnelligkeit von Social Media. Wenn ein Hörer wirklich an neuer Musik eines bestimmten Künstlers interessiert ist, dann reicht ein Klick bei Twitter oder Facebook, um auf dem aktuellsten Stand zu sein. Der Musikjournalist als Gatekeeper hat ausgedient. Das ist in den Nachrufen auf die gestorbenen Musik-Magazine zu lesen.

Das gilt indes nicht für alle Musikmagazine und –journalisten. Zu den hartnäckigen Todesverweigerern gehören der „Musikexpress“, der „Metal Hammer“ und – mit fast 60 000 Exemplaren verkaufter Auflage – der „Rolling Stone“, alle zu finden bei Axel Springer Mediahouse. Dass diese Magazine nicht im üblichen Maße dem digitalen Wandel unterliegen, liegt an der Auswahl der Themen. Hier geht es um die großen Namen, auch wenn sie gerade nichts Neues zu erzählen haben. Im „Rolling Stone“ finden sich Features über das Oeuvre von Prince, David Bowie und Bob Dylan.

Im „Musikexpress“ gibt’s neben viel neuer Musik auch – als geistige Heimat für die Leser – mehrseitige Storys, zum Beispiel über die Geschichte des Punk oder den Wert von Kraftwerk für die elektronische Musik. Und im „Metal Hammer“ gibt’s eben alles, was den Metal-Fan außer Wacken noch so bewegt – ohnehin eine der wohl konservativsten und in sich homogensten Musikhörerschaften der Neuzeit.

Der Vorteil dieser Zielgruppen ist aus verlegerischer Sicht, dass sie mit ihren Magazinen, den Stars und den Storys altern. Sie kaufen noch ganze Alben und sind treue Fans einer Band, die ihre innovativste Zeit in den 80er Jahren hatte. Hier konkurriert der Journalist nicht mit den Twitter-News, stattdessen kuscheln Autor und Leser gemeinsam im Pop-Diskurs. Dieses erzählerische Moment ist ausschlaggebend für die nicht mehr gar so junge Stammleserschaft.

Ein weiteres, aktuelles Beispiel dafür, dass Musikjournalismus in der richtigen Nische auch heute noch eine wirtschaftliche Grundlage haben kann, ist die Kulturzeitschrift „Melodie & Rhythmus“ (M&R), die bereits 1957 in der DDR gegründet wurde. Auch ihr drohte Anfang 2018 das Aus, doch das Engagement von mehr als 50 Künstlern, darunter Liedermacherin Dota Kehr, Regisseur Johann Kresnik, Kabarettist Christoph Sieber und Soziologe Moshe Zuckermann, sowie über 1700 neuen Abonnenten konnte das Magazin gerettet werden.

Eine solche Welle der Solidarität haben „Spex“, „Groove“, „Intro“ und „NME“ bisher nicht empfangen. Im Fall der „Groove“ etwa ist es daher fraglich, wie weit die Bezahlbereitschaft und Solidarität der Leser geht, wenn es das Magazin nur noch online gibt. Natürlich gibt es auch hier vollen Zugriff aufs Archiv und die hochqualitativen Musik-Compilations aus dem „Groove“-Fundus, doch in Zeiten der kostenlosen Verfügbarkeit von Musik ist das kein Erfolgsgarant mehr.

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