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In Zeiten der Massentierhaltung ist „Wurst“ eine noch schlimmere Beleidigung als das sonst übliche „linke Sau“.

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Wurst

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Versicherungen, man würde sich die Zeit zwischen zwei Zügen in der Buchhandlung vertreiben, sind natürlich gelogen. Trotzdem scheint es, dass der Verzehr einer Bratwurst beim Aufenthalt auf einem Bahnhof nicht mehr dem Standard entspricht. Aus Gründen.

Stammgast R. zeichnet sich nicht zuletzt durch eine intime Kenntnis zwingender Verhaltensregeln aus. So berichtete er jüngst der versammelten Kaffeehaus-Stammkundschaft von einer Eisenbahn-Reise, die durch einen längeren Aufenthalt in W. unterbrochen worden sei. „Ich habe gemacht, was man halt macht, wenn man Aufenthalt hat“, berichtete Stammgast R., „eine Bratwurst gegessen“.

Leider ergab die daraufhin erfolgende Umfrage in der Redaktion keinen einzigen einschlägigen Treffer. „Ich gehe in die Buchhandlung“, logen die meisten Kolleginnen und Kollegen. Die zweitmeisten gaben vor, den Bahnhof, auch wenn oder gerade weil es sich um einen „Erlebnisbahnhof“ handele, für einen kurzen Blick in die angrenzende Stadt zu verlassen. Bei den wenigen, die von Essen sprachen – nicht etwa vom dortigen Bahnhof, sondern von Speisen –, klang es eindeutig nach Obst.

Sollten die Antworten aus dem Kollegium allesamt ehrlich gewesen sein und wäre die Umfrage gar repräsentativ – schon längst hätte eine nie dagewesene Bratwurstbuden-Pleitewelle unser Land überrollt. Aber immerhin darf gemutmaßt werden, dass der Verzehr einer Bratwurst beim Aufenthalt auf einem Bahnhof nicht mehr ganz so eindeutig dem Standard entspricht, wie Stammgast R. offensichtlich glaubt.

Beziehungsweise: Er glaubt es gar nicht. Seine Bemerkung, das mache man eben so, kann durchaus auch als Akt des verbalen Widerstands gegen den sich ausbreitenden Vegetar- beziehungsweise sogar Veganismus gedeutet werden, der ja dort, wo das Kaffeehaus steht – man spricht heute von den Zentren der urbanen Mittelschichten – hier und da durchaus religiöse Züge annimmt. Man nehme nur die unaufhaltsam steigende Soja-Milchquote.

Es folgte unweigerlich die Diskussion über das leidige Verhältnis zwischen Wurst und Schwein, um nicht zu sagen: Sau. Kollege S. wusste nämlich zu berichten, dass ihn ein erregter Wutleser kürzlich mit den Worten „Was bist du nur für eine linke Wurst“ gewürdigt habe, worauf er, Kollege S., höflich geantwortet habe: 1) Wie kommen Sie dazu, mich zu duzen? 2) Was haben Sie gegen Wurst?

Das löste allerdings heftigen Protest aus bei denjenigen, die es aus Schweineschutzgründen für zwingend halten, jegliche Wurst zu verachten. Gerade deshalb, meinten sie jedoch, sei in Zeiten der Massentierhaltung „Wurst“ eine noch schlimmere Beleidigung als das sonst übliche „linke Sau“.

Stammgast R. erzählte übrigens noch, man habe ihm in W. eine schöne Konditorei unweit des Bahnhofs empfohlen. „Ich habe mir da noch was Süßes gekauft, das macht man halt so.“

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