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Der Regisseur und Autor Klaus Gietinger.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

"Es wurde offen zum Mord aufgerufen"

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Interview mit dem Sozialwissenschaftler und Autor Klaus Gietinger über die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919.

Wir kennen uns seit den 90er Jahren. Da war Klaus Gietinger einer der Aktivisten, die gegen das Mega-Projekt „Frankfurt 21“ kämpften, einen unterirdischen Hauptbahnhof samt Bahn-Tunnel unter der Stadt. Seine Vision ist die einer attraktiven Bahn, die das Auto überflüssig macht. Der Sozialwissenschaftler, Autor und Regisseur fährt konsequent nur Bahn. Wir treffen uns, wie schon mehrfach, in der DB-Lounge des Hauptbahnhofs. Obwohl sein Zug eine Stunde Verspätung hatte, ist Gietinger gut gelaunt. 

Herr Gietinger, vor bald 100 Jahren, in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919, wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Führungspersönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung, ermordet. Seit drei Jahrzehnten beschäftigen Sie sich als Wissenschaftler und Autor mit diesen politischen Morden. Was fasziniert sie an diesem Thema?
Vor dreißig Jahren sah ich die Wiederholung eines zweiteiligen Fernsehspiels aus dem Jahr 1968, in dem es um die Taten ging, von Dieter Ertel im Süddeutschen Rundfunk. Er hatte sehr genau recherchiert. Ich sah das und dachte: Da ist ja noch vieles unaufgeklärt. Ich wollte eigentlich einen Film darüber drehen, doch den bekam ich nicht finanziert. Das Thema hat damals niemanden interessiert. 

In den 60er Jahren galt ja die These: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seien Opfer einer standrechtlichen Erschießung geworden, das sollte zumindest noch den Anschein einer gewissen Ordnung erwecken. Sie haben herausgefunden, dass es ganz anders war. 
Ja. Waldemar Pabst, der erste Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), die die Morde beging, kannte 1962 den Pressesprecher der damaligen Bundesregierung, Felix von Eckart. Also war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg leicht, eine Legende aufzubauen. Die GKSD war Anfang 1919 ein rechtes Freikorps, das aber von der Reichsregierung herangezogen wurde, um den linken Aufstand damals in Deutschland niederzuschlagen. 

Wir tauchen ein in das dramatische Geschehen im Januar 1919 in Berlin. Es gibt einen Aufstand von Linken, von Spartakisten, gegen die SPD-geführte Reichsregierung. 
Karl Liebknecht war als einer der Anführer der Kommunisten mit dabei. Aber es war ein Massenaufstand, der spontan entstanden ist, nachdem der Polizeipräsident von Berlin, Eichhorn, entlassen werden sollte. Er gehörte der USPD an, darin hatten sich linke Männer und Frauen versammelt, die sich gegen den Ersten Weltkrieg und gegen die Kriegskredite gewandt hatten und aus der SPD geworfen worden waren. Es gab aber auch eher gemäßigte Politiker bei der USPD, wie etwa Eduard Bernstein und Karl Kautsky. Ab November 1918, mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, kam eine Revolutionsregierung aus SPD und USPD mit dem späteren Reichspräsidenten Friedrich Ebert an der Spitze an die Macht. Diese Regierung der Volksbeauftragten, wie man sie nannte – und insbesondere Ebert –, kooperierte mit den alten Mächten des Kaiserreichs, mit den Militärs. Also zog sich die USPD, weil sie damit nicht einverstanden war, sehr rasch wieder aus der Regierung zurück. Der letzte Machtposten der USPD war der Polizeipräsident von Berlin, Emil Eichhorn. Der wurde von der Reichsregierung abgesetzt. Er wehrte sich aber dagegen und so kam es zum Aufstand von Links. 
 
Es gab einen sozialdemokratischen Minister in der Reichsregierung, das war Gustav Noske.....
.....der war damals für das Militär zuständig und faktisch der Oberbefehlshaber der Regierungstruppen. Und die bestanden im wesentlichen aus Freikorps. 

Das heißt also, ein sozialdemokratischer Minister bedient sich dieser rechtsradikalen Einheiten, um den linken Aufstand niederzuschlagen. 
Genau. 

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren in diesen dramatischen Tagen so etwas wie Freiwild. Sie wurden von den Freikorps gesucht in Berlin. Was geschah dann? 
Schon im Dezember waren Tausende von Plakaten geklebt worden mit der Aufforderung: Tötet Liebknecht! Es wurde offen zum Mord aufgerufen. Liebknecht und Luxemburg haben sich versteckt. Rosa Luxemburg war hin- und hergerissen bei diesem Aufstand, wollte eigentlich nicht mitmachen. Sie dachte aber dann doch: Das ist die zweite Revolution. Sie hat die Sache in Artikeln befürwortet, hat sich aber dann wieder zurückgezogen. Beide blieben in Berlin und versteckten sich im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf bei Freunden. Dort sind sie von einer Einwohnerwehr verhaftet worden, nachdem sie vorher verraten worden waren. Diese Einwohnerwehr wusste nicht, was sie mit den beiden machen sollte. Sie meldete an ihre obere Behörde und das war die Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Die hatte in einem Luxushotel ihr Quartier aufgeschlagen, dem Eden, und dorthin wurden die beiden gebracht. Der Befehlshaber Pabst beschloss dann, sie umbringen zu lassen. 

Sie sagen in Ihrem Buch, dass sich Pabst vorher bei dem sozialdemokratischen Minister Noske rückversichert hat. Er rief ihn an und teilte ihm mit, er habe Liebknecht und Luxemburg und wolle sie umbringen. Was hat Noske gesagt? 
Im Nachlass von Pabst fand ich die Aufzeichnung über das Gespräch mit Noske. Ich war der erste, der an diesen Nachlass herankam. Noske sagte sinngemäß: Ich kann ihnen den Befehl nicht geben, die beiden umzubringen, denn dann zerbricht die SPD daran. Noske sagte, Pabst solle den Kommandierenden General der Regierungstruppen, Walther Freiherr von Lüttwitz, anrufen. Darauf antworte Pabst: Der wird mir diesen Befehl nie geben. Darauf sagte Noske: Dann müssen sie selbst verantworten, was sie tun. Ich habe dafür noch eine zweite Quelle gefunden, einen Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr, einen konservativen Wissenschaftler, der beim Militärhistorischen Forschungsamt gearbeitet hat. Der hatte persönlich eine Rede von Pabst gehört, in der er öffentlich das Gleiche schilderte. Ich habe diesen Mann gefragt: Was halten Sie von Pabst und seiner Aussage? Da sagte er mir: Wenn er das gesagt hat, dann war es auch so. 

Die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren, wie Sie recherchiert haben, brutal und blutig. Was geschah im Einzelnen?
In der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 sollten die beiden nach Pabsts Plan auf dem Transport ins Gefängnis umgebracht werden. Diese Tat wollte man dann aufgebrachten Volksmassen anhängen. die sie gelyncht hätten. Aber dann lief die Sache aus dem Ruder. Ein Offizier aus Pabsts Stab hat einen Soldaten, der Wache stand, mit 100 Mark bestochen und hat ihm befohlen, er solle die beiden mit dem Gewehrkolben erledigen. Dieser Soldat hat beide mit dem Kolben – coram publico, wie sich Pabst ausdrückte – schwer am Kopf verletzt. Rosa Luxemburg wurde dann in ein Auto geworfen, das Auto fuhr los und dann sprang der Leutnant Hermann Souchon auf, der sie durch einen Kopfschuss tötete. 

Man hat dann versucht, das Geschehen zu verschleiern, indem man die Leiche von Rosa Luxemburg in den Landwehrkanal geworfen hat.
Ja. Der Kommandeur des Transportes, Kurt Vogel, hat befohlen, die Leiche in den Landwehrkanal zu werfen, dort wurde sie erst vier Monate später entdeckt. Es gab Proteste gegen die Morde, auch von der SPD-Basis. Die inzwischen reine SPD-Regierung ließ aber ein Kriegsgericht die Sache untersuchen, nicht etwa einen zivilen Untersuchungsausschuss. Das Kriegsgericht war das der Division, aus der die Mörder stammten. Der Kriegsgerichtsrat hat alles vertuscht und mit Pabst zusammengearbeitet. Dieser Mann ist dann später in der Nazi-Zeit belohnt worden, er wurde an den Volksgerichtshof von Roland Freisler versetzt. Die Mörder wurden freigesprochen. Vogel, der eine geringe Strafe bekam, wegen „Beiseiteschaffung einer Leiche“, ist mit Hilfe von Wilhelm Canaris, der später unter Hitler Chef der deutschen Abwehr war, nach Holland entkommen. 

Wie starb Karl Liebknecht?
Liebknecht wurde vor Rosa Luxemburg in einem offenen Wagen aus dem Eden-Hotel abtransportiert. Er wurde durch den dunklen Tiergarten gefahren. Der Fahrer täuschte eine Panne vor. Dann wurde der schwer verletzte Liebknecht gefragt, ob er gehen könne. Liebknecht bejahte das. Dann wurde er von hinten erschossen, offiziell hieß es: auf der Flucht erschossen. 

Diese politischen Morde sind systematisch verschleiert worden. Die offizielle Legende hieß von da an: Es gab standrechtliche Erschießungen in dieser Nacht. Warum hat sich diese Legende so lange halten? 
1962 hatte die Bundesregierung offiziell diese Lesart herausgebracht. Der Autor dieses Kommuniques war ein früherer Drehbuchautor von NS-Propagandafilmen, Felix von Eckart, der gute Kontakte zu Pabst hatte, der nach dem Zweiten Weltkrieg Waffenhändler wurde. 

Die Mörder lebten lange. 
Ja. Sie sind fast alle sehr alt geworden. Auch Hermann Souchon lebte bis 1982. Er hat dann in den 60er Jahren noch geklagt gegen den Fernsehfilm des Südwestfunks, in dem er als Mörder dargestellt worden war. Tatsächlich hätte selbst das preußische Standrecht – das übrigens gar nicht ausgerufen worden war – nicht erlaubt, die beiden sofort zu töten. Auch das Standrecht verlangte eine Gerichtsverhandlung mit Verteidiger. Dann hätte noch einmal 24 Stunden gewartet werden müssen, bis ein oberer Befehlshaber das Urteil bestätigt hätte. All das gab es nicht. Es war einfach Mord. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden einfach abgeknallt. Und der Sozialdemokrat Noske hat es abgesegnet. 

Sie wenden sich in Ihrem Buch ganz direkt an die heutige SPD-Führung in Deutschland. Was erwarten Sie von der SPD-Spitze? 
Die SPD muss ihre Leichen im Keller mal aufräumen. Die Partei will sich ja erneuern, das finde ich auch gut. Dazu gehört auch zu sagen: Was damals mit Luxemburg und Liebknecht geschah, war Unrecht. Und die SPD trägt dafür Verantwortung. Danach hat Noske noch andere Morde verantwortet und rechtswidrige Befehle zur Ermordung von Gefangenen.

Wird denn die Rolle Noskes und der SPD heute noch geleugnet? 
Sie wurde lange Zeit geleugnet und verdrängt. Jetzt langsam erkennen einige in der SPD an: Das war ein Verbrechen und wir haben damit zu tun. Die Vorsitzende Andrea Nahles hat in einer Rede zur Novemberrevolution gesagt, dass Noske „wahrscheinlich“ die Finger im Spiel hatte bei der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Das ist schon mal ein Anfang. 

Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen? 
Ich habe zu Beginn der 90er Jahre Dieter Ertel aufgesucht, den Autor des Films von 1968 (Regie führte Theo Mezger, Anm. d. Red.). Der hat mir viele Tipps gegeben. Ich habe die Nachlässe der Mörder studiert. Und ich hatte Kontakt zu den Rechtsanwälten, die in den 60er Jahren die Täter vor Gericht vertreten hatten. Das waren über 80 Jahre alte Männer. Ich traf den Anwalt Otto Kranzbühler. Der hatte als Verteidiger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946 den letzten Chef der Reichsregierung, Karl Dönitz, vor der Hinrichtung bewahrt. Kranzbühler hatte Ende der 60er Jahre den Hermann Souchon vertreten. Verrückterweise als Ankläger gegen den SDR und den Vorwurf, er, Souchon, habe Luxemburg erschossen. Kranzbühler hat mir das Telefonat Pabst-Noske bestätigt. Und dann habe ich natürlich viele Akten studiert. 
 
 

Sie schreiben diesem Mord vor 100 Jahren große Bedeutung zu für das, was dann in der Weimarer Republik geschah. Sie sagen, dieser Mord hat die Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten so vertieft, dass sie nicht zu gemeinsamem Widerstand gegen Hitler fähig waren. 
Diese Morde haben die Spaltung zwischen SPD und KPD vertieft. Die KPD hat sich leider in der Folge stalinisiert. Weder Luxemburg noch Liebknecht hätten das mitgemacht. Die SPD ihrerseits hat ihre Verantwortung für die Morde verdrängt. Die beiden konnten nicht mehr miteinander reden. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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