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So wurde die Flugblatt-Aktion in Istanbul gesteuert

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Von: Arno Widmann

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"Wir sind überall", steht auf dem Plakat von Istanbuler Demonstranten am 31. Mai 2017.
"Wir sind überall", steht auf dem Plakat von Istanbuler Demonstranten am 31. Mai 2017. © rtr

Hinter der Flugblatt-Aktion an Istanbuls Gezi-Park steckt das Berliner Zentrum für Politische Schönheit. Und vor allem ein Drucker namens Churchill I.

Die türkische Polizei sucht zur Zeit nach einem Deutschen, der von einem Hotelzimmer am Gezi-Park aus Flugblätter verteilt haben soll, in denen zum Sturz Erdogans aufgefordert wurde.

Eine Aktion, in der allermodernste Technologie für ein halbes Jahrtausend altes Medium genutzt wird. In einem Hotelzimmer stand ein Drucker an einem Fenster und spuckte in wenigen Minuten eintausend Flugblätter auf die Straße. Ein aufgebrachter Passant – so die türkische Polizei – habe die Behörden über das Flugblatt informiert. Die kamen dann und sackten alles ein, was sie in dem Zimmer vorfanden. Es gibt ein Video, auf dem man das beobachten kann.

Was ist so modern an einem Drucker? Er ist ferngesteuert. Er gehorcht auf den Smartphone-Befehl „Email to print“. Hinter der Aktion steckt wieder einmal das in Berlin ansässige „Zentrum für politische Schönheit“. Das hatte vor ein paar Tagen noch, durchsichtigst getarnt als Bayerische Staatsregierung, Schüler angeworben für Auslandseinsätze. Sie konnten sich melden, um in Diktaturen demokratische Flugblätter zu verteilen. Mit der Aktion vom Wochenende zeigt das Zentrum, das es nicht an Kamikaze-Kommandos dachte, sondern an jedenfalls technologisch intelligente Interventionen.

Churchill I nennt das Zentrum den in Istanbul zum Einsatz gekommenen und dort von der Polizei konfiszierten Drucker. Menschen kamen bei der Aktion nicht zu Schaden. Sie waren nicht einmal in Gefahr. Die Aktion freilich war sehr gefährdet. So avanciert die Druckertechnik auch ist, Churchill I ist nicht batteriebetrieben. Als es am Vorabend zu einem der häufigen Stromausfälle kam, fürchtete das Zentrum schon, es müsste auf den Einsatz des Druckers und damit auf die Aktion selbst verzichten. Aber am Freitag kam wieder Strom aus der Steckdose des Gezi Hotel Bosphorus und so konnte die Aktion starten.

Wer jemals Passanten ein Flugblatt in die Hand gedrückt hat, weiß, dass am Interessantesten und Ärgerlichsten die Gespräche mit den Leuten sind, die einem alternative Welt- und Lebensansichten entgegenhalten. Wem beim Flugblattverteilen schon Prügel angedroht wurden oder gar einst gesagt wurde, „geh doch nach drüben!“, der wird in Churchill I einen Kumpanen sehen, der leider erst heute ins Leben getreten ist.

Versteckte Kameras dokumentieren alles

Im Zimmer im Gezi Hotel Bosphorus war aber nicht nur Churchill I, sondern auch „Hans“ und „Sophie“. Die befinden sich inzwischen ebenfalls im Gewahrsam der Istanbuler Polizei. Das Zentrum für Politische Schönheit hatte zwei Kameras installiert, die bis zu ihrem Abriss die Aktivisten in jeder Sekunde darüber informierten, was im Zimmer los war. Den zwei elektronischen Augen, die die Diktatur beim Eintritt ins Hotelzimmer beobachteten, hatte das Zentrum die Namen „Hans“ und „Sophie“ gegeben. Zur Erinnerung an Hans und Sophie Scholl, die anti-nationalsozialistischen Widerstandskämpfer, die die Verbreitung ihrer Flugblätter im Februar 1943 mit ihren Leben bezahlten.

Die Technik – das wird oft beklagt – macht menschliche Arbeitskraft überflüssig. Bei dieser Aktion zeigt sich, dass sie gerade dadurch menschliches Leben erhält. Ist das Aufstellen eines Druckers „Widerstand“? Wir haben da höhere Ansprüche.

Interessant an der Aktion ist darüber hinaus, dass das alte Papier so viel Reaktion hervorruft. Wir müssen davon ausgehen, dass es Tausende Emails gegen Erdogan gibt. Die rufen öffentlich kaum Reaktionen hervor. Der harmlose Drucker, bei dem man nicht einmal weiß, ob auch nur eines seiner Flugblätter auch nur einen einzigen Menschen erreicht hat, außer demjenigen, der zur Polizei ging, hat es immerhin in die türkischen Zeitungen gebracht.

Das inkriminierte Flugblatt wurde darin freilich nicht abgedruckt. Darin heißt es – übersetzt ins Deutsche: „Erdogan und AKP haben aus der Türkei eine offen totalitäre Diktatur gemacht, die auf dem politischen Islam, gepaart mit türkischem Nationalismus beruht. Denkt daran, wie viele Lehrer und Lehrerinnen ihre Jobs verlieren. Wie voll die Gefängnisse sind. Wie das ganze Land sich in einen Ort des Schreckens verwandelt... Willst Du Dein Land dem Diktator überlassen? Wir fordern den Rücktritt des Diktators Erdogan und die Ausrufung von freien Wahlen. Wir fordern die Freilassung aller zu Unrecht Inhaftierten. Die fordern die Unabhängigkeit von Parlament, Regierung und Justiz! Wir fordern eine freie Presse. Wir fordern das Ende des Krieges gegen die Kurden. Wir fordern Humanismus und Demokratie... gemeinsam sind wir stärker als jedes System. Tod dem Diktator!“

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