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Reykjavik Pride.

Island

Das Wunder von Island

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Tiefes Dröhnen, verborgene Leute und andere Kulturphänomene. Darunter auch echte Wunder. Soeben hat man sich eine CD in Reykjaviks berühmtem Stadtteil 101 gekauft, da spielt die betreffende Band auch schon in Frankfurt. Das gibt es nicht, das kann nicht passieren. Wie so vieles in Island.

Der Laden 12 Tónar liegt am Skólavörðustígur, der Schrägverbindung Richtung Hafen, mitten in Reykjaviks berühmtem Stadtteil 101. Es ist ein CD- und Plattenladen, auch wenn dort im großen Stil Taschen verkauft werden, T-Shirts, Kaffeemischungen und getrocknete Kabeljauköpfe, wie sie der Isländer gern nagt. Hinterm Tresen sitzt ein blonder junger Mann, aber er ist nicht der Inhaber. Die Chefs sind Feen, Trolle, Gnome und Elfen, natürlich, wie in jedem isländischen Geschäft. Oberbegriff: Hidden People – Leute im Verborgenen.

Im Hinterzimmer, wo man die Platten anhören kann, hängen Porträts von Herren im Anzug und einer Dame. Dies seien die Präsidenten von Island, sagt der Blonde, ohne eine Miene zu verziehen, und ob wir einen Kaffee wollten. Wir lehnen verschüchtert ab. Im Ansichtskartenständer eine Aufnahme von Björk Guðmundsdóttir, wie sie 1988 sehr engagiert ins Mikro singt. Das hier ist Björks zweites Zuhause, für Reiseführer der beste Plattenladen Europas, für Fachmagazine sogar der beste der Welt – wir müssen doch hier was kaufen! Aber was?

Die Hidden People nehmen uns heimlich an der Hand. Kurz darauf schnalzt es aus den Ladenlautsprechern in Stereo, es dröhnt tief, noch tiefer, alles Zaudern hat ein Ende, Low Roar heißt die Band. Low Roar nehmen wir mit aus dem berühmten Plattenladen, nur diese eine CD. Low Roar aus Island. Am nächsten Tag werden wir zurückfliegen nach Frankfurt, am übernächsten Tag werden wir die Zeitung aufschlagen, und wir werden lesen, dass am überübernächsten Tag in Frankfurt eine Band aus Island auftreten wird, Low Roar. Herzlichen Dank auch für die Kaufberatung, liebe Leute im Verborgenen.

Dass in Frankfurt eine isländische Band auftritt, kommt praktisch nie vor. Dass in Frankfurt eine isländische Band auftritt, deren CD du drei Tage zuvor in Reykjavik gekauft hast, zufällig, wie du glaubst, das gibt es nicht. Das kann nicht passieren. Wie so vieles in Island.

Zum Beispiel jagst du seit Jahren ein Album namens „Das Dieter Roth Orchester spielt kleine Wolken, typische Scheiße und nie gehörte Musik“, aber es ist dir immer zu teuer. Dann tuckerst du mit deiner bezaubernden Frau in den äußersten Osten von Island, über eine Passstraße durch die Wolken, vorbei an hochsommerlich zugefrorenen Seen in das 600-Einwohner-Örtchen Seyðisfjörður. An der Wand der Gaststätte, in der du eine Pizza isst, wo Studentinnen lernen und Familien Gesellschaftsspiele spielen, hängt die Bilderserie „2 Times 5 Trophies“ des in Hannover geborenen Schweizerdeutschen Dieter Roth. Wie geht denn das?

Bedienung: „Du kennst ihn?“ – „Kennen wäre jetzt eigentlich zu viel gesagt …“ – „He used to live in this town.“

Town. Nach Roths Tod 1998 wurde in dem Örtchen die Dieter-Roth-Kunstakademie gegründet, im Kulturzentrum namens Skaftfell. Es gibt Ausstellungen, Kurse, eine Bibliothek. Man kann im Parterre Pizza essen und den Kindern zusehen, wie sie draußen mit einer der Autowaschanlagen spielen, die überall in Island kostenlos zur Verfügung stehen und ihre Benutzer unweigerlich nassspritzen, lange Schläuche mit großen Besen am Ende. Seyðisfjörður verliert seit Jahren Einwohner, darunter den einst sehr bärtigen Künstler Asgeir Emilsson, genannt Geiri. Es gibt Führungen durch seine erschütternd kleine Hütte, in der er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete und Kitschiges herstellte, Filigranes und Spleeniges, immer Echtes. Seyðisfjörður, ein Paradies im Kessel der Berge am Ende eines Fjords. Kann man dort jemals freiwillig weggehen?

Islands derzeit wichtigste Designkünstlerin ist Ninna Thorarinsdottir. Ihre Arbeiten sind überall, es handelt sich um kleine grüne Wikinger mit Eiswaffeln in der Hand, Felsen und Eisberge mit Augen, Papageitaucher, Eisbärchen, Weihnachtsmännlein, Geysire. Unmöglich, diese Freunde in Island zurückzulassen. Der Kalender mit ihren Motiven hält glücklicherweise zwei Jahre lang, bis 2017. Die Frauen im Souvenirgeschäft am Skólavörðustígur sagen, Ninna sei gerade erst da gewesen, aber jetzt studiere sie – in Deutschland. „Fast richtig“, ordnet Ninna Thorarinsdottir die Fakten. Sie studierte in Eindhoven, Niederlande, und hat in Göteborg, Schweden, ihren Master in Kinderkulturdesign gemacht. Wer wäre besser geeignet, uns von den Hidden People zu erzählen?

„Als ich klein war, habe ich dagesessen und in die Berge geschaut“, schreibt Ninna in einer überwältigend liebenswerten E-Mail. Da seien oft die Trolle zu sehen gewesen, wie sie vorbeihuschten. Man konnte sich ausmalen, was sie so machen, wohin sie gehen, bis die Sonne herauskam und die Trolle einfroren. „Auf diese Weise müssen eine Menge Geschichten zustande gekommen sein“, ahnt sie, „oder Island ist tatsächlich voll von Trollen – das weiß niemand sicher.“

Und was führen sie im Schilde? „Nur manche Leute können sie sehen“, verrät Ninna. „In ihren Erzählungen mögen uns die Hidden People nicht so sehr, wie wir sie mögen. Wir gehen ihnen beinahe ein bisschen auf die Nerven, sie wirken grantig. Ich nehme an, es ist, weil sie in der Natur leben und wir der Natur dauernd schlimme Sachen antun, Häuser bauen und Straßen und all das.“

Nachvollziehbare Gründe, grantig zu sein. Und doch sind die Leute in Ninna Thorarinsdottirs illustrierter Welt zumeist freundlich gestimmt. Neuere Entwürfe der Designerin nehmen die Aufgabe ernst, die Vorstellungskraft der Kinder zu stärken, damit sie sich selbst Geschichten ausdenken können. „So wie ich damals mit den Trollen in den Bergen!“ Sieht so aus, als könnte doch noch alles gut werden, solange es Isländerinnen mit Ideen gibt wie Ninna. „All the best“, schreibt sie, „and maybe see you one time in Iceland :)“

Shit, sagt sich Ryan Karazija regelmäßig, „werde ich in der Lage sein, neue Lieder zu schreiben?“ Die Frage, die Schreibende unentwegt quält. „Werde ich es wieder finden?“, löchert er sich, „taucht es wieder auf? Und dann taucht es immer wieder auf.“

Ryan Karazija ist Amerikaner, Musiker, Anfang dreißig. Vor fünf Jahren übersiedelte er nach Island. Plötzlich saß er in Reykjavik, hatte kein Geld, aber einen tragbaren Computer. Oder, wie seine Plattenfirma resümiert: „Ryan moved to Iceland, the winter was dark, and this is what happened!“ Was passierte, ist „Low Roar“, das Album, das genauso heißt wie die seinerzeit noch verborgene Band. Das Cover zeigt einen röhrenden Hirsch, aus seinem Maul fliegen die isländischen Raben. Die Musik schwebt und dräut voller Sehnsucht – der Soundtrack zu stundenlangen Fahrten auf der Ringstraße 1 durch unfassbare Landschaften. Und der Soundtrack zum Traum, endlich wieder stundenlang auf der Ringstraße 1 durch unfassbare Landschaften zu fahren.

Lange Zeit habe er Schuhgröße 43 getragen, sagt Ryan Karazija. Jetzt, ungefähr seit er in Island ist, trage er 42. „Ich habe mehr als 15 Jahre gebraucht, um herauszufinden, dass ich Schuhe anhatte, die mir zu groß waren.“ Die erste Low-Roar-CD handelte vom Übersiedeln und Eingewöhnen. Die zweite CD ist bei 12 Tónar erschienen, dem Label zum Plattenladen, sehr in Stereo.

Vor dem Hotel in Seyðisfjörður setzt sich bei drei Grad am Morgen ein Mann mit Rastalocken und Holzpantinen ohne Socken zu einem anderen Mann und fragt den Fremden: „What’s uuuuuuup?“ Der andere Mann: „Kaffi.“ Das ist isländisch. Apfelkuchen heißt Eplakaka. Darauf der Rastamann: „How are you?“

Die isländischen Pferde haben einen Weg entwickelt, sich gegenseitig am Hals zu kratzen. Sie stellen sich paarweise zueinander, einer verbeißt sich jeweils in die Mähne des anderen und kratzt und kratzt und kratzt. Wir nehmen an, der Trick ist, dass ich den anderen da kratze, wo es mich juckt, also wo ich es gern hätte, und umgekehrt.

Die Sache mit dem Trinkgeld in Restaurants ist unlösbar. Man gibt traditionell kein Trinkgeld, aber so langsam bürgert es sich ein, angeblich. Wie viel, ist unklar. Wenn man jemandem Trinkgeld gibt, ist er peinlich berührt.

Auf der Bühne steht Ryan Karazija seitlich zum Publikum, spielt sacht Gitarre, programmiert Rhythmen, drückt Tasten, lässt seine Stimme durch den Raum wehen, gestattet sich zwischen den Liedern nicht die geringste Pause für Applaus. Seine beiden Begleiter an Synthesizer und Schlagzeug tauchen nur zögerlich aus dem Nebel auf. Es sind ungefähr 17 Zuhörer in den Frankfurter Club Zoom gekommen, um Low Roar zu hören. Aber wie wir wissen, haben die Hidden People Low Roar nur geschickt, um Island-Reisende zu frappieren.

Draußen fällt der erste Frankfurter Regen seit Wochen. Ryan ist ein Persönchen ohne Bart, untypisch für die Szene im Stadtteil 101, höflich und entspannt, was wiederum typisch ist für Isländer. Ja, der Blonde im Plattenladen 12 Tónar, netter Kerl, sagt Ryan nach dem Konzert. Und so ein schöner Ort. Die Band war selbst dort, vorvorgestern. Vielleicht haben wir uns im Laden zufällig getroffen? Yeah, sagt Ryan und lacht, maybe we met!

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