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„Barca Nostra“ (Unser Boot) nennt der Schweizer Künstler Christoph Büchel seine Installation. Das Schiff war 2015 gesunken, Hunderte Menschen starben.

Kunstbiennale

Schiffbruch unter aller Augen

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Der Untergang europäischer Werte im Mittelmeer beschäftigt die Kunstbiennale Venedig.

Es ist ein namenloses Schiff, 20 Meter lang, mit verblasstem blauem Anstrich und einer tragischen Geschichte. Erst fuhren libysche Fischer damit aufs Meer, dann geriet es in die Hände von Schleppern. Die quetschten mehr als 800 Migranten hinein, vorwiegend Afrikaner, fünf pro Quadratmeter. Das Schiff steuerte von Libyen Richtung Italien, kenterte am 18. April 2015 und sank. Nur 28 Menschen überlebten die größte Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auf der Biennale in Venedig wird das Wrack zum Kunstobjekt, zum Mahnmal. Seit wenigen Tagen liegt es im Arsenale, dem alten Industrie- und Werftgelände. „Barca Nostra“ – Unser Schiff – nennt der Schweizer Künstler Christoph Büchel seine Installation, angelehnt an „Mare Nostrum“. So hieß die 2013 von Italien initiierte und nach einem Jahr wieder eingestellte Rettungsmission für Bootsflüchtlinge.

Büchel konnte das Wrack, Eigentum des italienischen Staats, trotz bürokratischer Widrigkeiten von Sizilien bis Venedig schleppen lassen. Er selbst will sich nicht äußern, sondern die Installation sprechen lassen. In einer Mitteilung seiner Galerie heißt es, „Barca Nostra“ sei die Umkehrung eines Trojanischen Pferdes. „Das Schiff derer, die darin als menschliche Fracht gefangen waren, repräsentiert den politischen und kulturellen Schiffbruch, an dem wir alle teilhaben.“

Aus den italienischen Regierungsparteien, der „Fünf-Sterne-Bewegung“ und der rechtsnationalen Lega, kommt Protest. Der Vorsitzende des Regionalparlaments von Venetien, Roberto Ciambetti, forderte laut dpa, das Wrack vom Ort der Biennale zu entfernen. Der Lega-Kandidat für die EU-Parlamentswahlen, Gianantonio Da Re, bezeichnete die Installation als „politischen Blödsinn“. Dem entgegnet Biennale-Präsident Paolo Baratta, die Ausstellung des Wracks diene dazu, die Gewissen wachzurütteln. Dies sei eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst, sagte er epd zufolge.

Schiff war 2015 mit Hunderten Menschen gesunken

Das Flüchtlingsschiff war 2015 mitsamt Hunderter unter Deck eingeschlossener Menschen in fast 400 Meter Tiefe gesunken. Italiens damaliger Premier Matteo Renzi ließ es ein Jahr später bergen, in einer bisher einzigartigen Aktion, die neun Millionen Euro kostete. „Ich will, dass die ganze Welt sieht, was geschehen ist“, sagte er. Jedem der toten Flüchtlinge ein Grab zu geben, heiße, Europa an die Werte zu erinnern, die wirklich zählen. Es waren bemerkenswerte Worte gegen die Gleichgültigkeit.

Das Wrack wurde gehoben und nach Sizilien auf einen Nato-Stützpunkt gebracht. Um die Leichen herauszuziehen, musste ein quadratisches Loch in die Bordwand gesägt werden. Rechtsmediziner untersuchten unter Leitung der Mailänder Forensikerin Cristina Cattaneo Skelette und Gewebereste, nahmen DNA-Proben, sammelten alle Informationen in einer Datenbank, zur späteren Identifizierung der anonymen Toten. Auch das war eine einzigartige Aktion. Bisher seien erst zwei der Flüchtlinge identifiziert, sagte Cattaneo jetzt. Sie und ihre Kollegen arbeiten unentgeltlich. Würden die EU-Staaten Geld dafür bereitstellen, so könnten noch mehr der Tausenden Toten im Mittelmeer ihre Namen und damit ein Stück Menschlichkeit zurückgegeben werden, sagt sie. Allein vergangenes Jahr ertranken 2300 Flüchtlinge.

Renzi wollte das Wrack vor dem Dom von Mailand aufstellen. Andere forderten, es müsse nach Brüssel gebracht werden. Europa hat sich seither noch weiter abgeschottet, in Rom regieren Populisten, das Wrack blieb in Melilli. Büchel führt es der Welt nun wieder vor Augen. Der Schweizer ist bekannt für provozierende Konzeptkunst. Vor vier Jahren wandelte er in Venedig eine leer stehende Kirche in eine Moschee um, die Behörden ließen sie nach Protesten schließen. Zuletzt hatte er Donald Trumps Prototyp der Grenzmauer zu Mexiko zu Land Art erklärt und geführte Touren dorthin angeboten.

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