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Eine historische Parabel: Alexander Solschenizyns Roman „Krebsstation“.

Doppelpremiere

Wovon lebt der Mensch?

Doppelpremiere am Hans-Otto-Theater Potsdam: Solschenizyns „Krebsstation“ und Marivauxs „Das Spiel von Liebe und Zufall“.

Von Christian Rakow

Es gibt letzten Endes nur zwei Fragen: Wovon lebt der Mensch und woran stirbt er?“, sagt der kreidweiße Pessimist Jefrem (Christoph Hohmann). Woran man stirbt, erklärt sich praktisch von selbst auf dieser grauen Krebsstation, die Bühnenbildner Alexander Wolf mit wechselnden Krankenbetten und zwei offenen, bedeutungsvoll ins Nichts laufenden Treppen in das Potsdamer Hans Otto Theater gebaut hat.

Auch die Frage, wovon der Mensch lebe, hat ein paar nahe liegende Antworten: „Von der Liebe“, meint Jefrem pauschal. Die meisten auf dieser Station leben fraglos von der Hoffnung auf Heilung. Einer, der Geologe Wadim (Eddie Irle), lebt vom Wunsch, noch eine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis zu gewinnen, ehe die Geschwüre ihn umbringen.

Unter dem Himmel der Furcht

Aber natürlich zielt Alexander Solschenizyns autobiographischer Roman „Krebsstation“, geschrieben zwischen 1963 und 1967, nicht bloß auf derart unmittelbare Wahrheiten in der Todeszone. Wovon der Mensch wirklich lebt, zeigt sich bei ihm in der Auseinandersetzung mit der historischen Situation. Also sehen wir die usbekische „Krebsstation“ im Jahre 1955 als Abbild des sowjetischen Systems, mit bevormundenden Ärzten, die wie Offiziere ihre Kranken ins Sperrfeuer der Kobaltbestrahlung schicken. Zugleich ist diese Station für Solschenizyn, den Autor des „Achipel Gulag“, aber auch ein Refugium, das ihm „eine kurze Galgenfrist zwischen Lager und Verbannung“ gewährt, wie sein Alter ego, der Held Kostoglotow, formuliert. In der Todesnähe wächst dem Dissidenten der Raum für Selbstbestimmung.

In Potsdam, wo Intendant Tobias Wellemeyer die Romanbearbeitung von John von Düffel zur Uraufführung bringt, muss man lange warten, bis das Geschehen ein klares politisches Profil gewinnt. In einem wunderbaren ideendramatischen Dialog mit Kostoglotow gegen Ende dieses dreieinhalbstündigen Abends leuchtet der schweigsame Schulubin (Roland Kuchenbuch) gnadenlos sein Opportunistendasein aus: Nach Puschkin gebe es nur drei Möglichkeiten, sein Leben zu führen: als „Tyrann, Verräter oder Gefangener“. Er sei Verräter geworden, ein duldender, wortkarger Herdenmensch unter dem „Himmel der Furcht“. In solchen Momenten ist man ganz weit weg von einem unspezifischen Existenzialismus, nahe bei einer echten historischen Parabel über Entscheidungen und ihre Kosten.

Davor aber ist das Stück bloßes zeitloses Krankenszenario. Von Cello-Klängen begleitet meistern die Stationsinsassen ihr Schicksal mit sorgsam dosiertem Galgenhumor. Weil der stalinistische Parteifunktionär Rusanow bei Jon-Kaare Koppe als drolliger, sächselnder Motzki-Verschnitt angelegt ist, fehlt es an Konfliktflächen. Folglich muss Wolfgang Vogler als ruheloser Freidenker und Arzthelferinnenliebling Kostoglotow seine Systemkritik im luftleeren Raum turnen.

Nach dem eher schweren Bordeaux, den Wellemeyer mit „Krebsstation“ im Neuen Theater am Tiefen See kredenzt, folgt anderntags Liebliches. Im malerischen Schlosstheater des Neuen Palais in Sansouci feiert die große DEFA-Schauspielerin und Bühnenlegende (u.a. bei Peter Zadek; siehe das Interview mit ihr in BLZ vom 24./25.3.) Jutta Hoffmann ihr Regiedebüt mit Marivaux’ Verwechselungskomödie „Das Spiel von Liebe und Zufall“. Zwei Adelige stellen darin einander auf die Liebesprobe, indem sie sich verkleidet in der Rolle ihrer Diener begegnen.

Aus dem Geiste des Rokoko

Jutta Hoffmann hat mit vier bemerkenswerten Schauspielschulabsolventen (Patrizia Carlucci und Christian Löber als Adlige; Jasna Fritzi Bauer und Andy Klinger als ihre Diener; sekundiert von HOT-Ensemblemitglied Rita Feldmeier als Vater) einen federleichten, sprachmusikalisch bestechenden Siebzigminüter aus dem Geiste des Rokoko geschaffen. Wie Meißener Porzellanfiguren, eher anmutig keck als vordergründig witzig, behaken sich die Pärchen auf ihrem Weg in den Ehehafen.

Und wovon lebt der Mensch hier? Von aufrichtiger Liebe. Tiefere Einsichten sind an diesem Abend nicht bezweckt.

Krebsstation, 8., 14., 20. April,

Das Spiel von Liebe und Zufall, 29. März, 3., 8., 9. April; beide am Hans-Otto-Theater in Potsdam, Karten: 0331/98 118

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