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Das Wort Heimat sagt sie nicht

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Im Dokumentarfilm „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ erzählt Renata Schmidtkunz vom Sein nach dem Holocaust.

Von Christina Bylow

Im Dokumentarfilm „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ erzählt Renata Schmidtkunz vom Sein nach dem Holocaust.

Schon der erste Satz ist unvergesslich: „Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten, wovon man gern mehr gehört hätte.“ So beginnt die große Erzählung, die Ruth Klüger über ihre Jugend schrieb. Als jüdisches Kind aus Wien in die Konzentrationslager verschleppt, gelang ihr gemeinsam mit ihrer Mutter kurz vor Kriegsende die Flucht während eines Todesmarschs. „weiter leben“ lautet der Titel des Buchs, das 1992 im Wallstein-Verlag in Göttingen erschien und die Autorin, bis dahin eine nur in akademischen Kreisen bekannte Literaturwissenschaftlerin, sehr schnell berühmt machte.

Der Suhrkamp-Verlag hatte das Manuskript abgelehnt. Wie überheblich der damalige Verleger Siegfried Unseld mit Ruth Klüger umgesprungen ist, kann man im zweiten Teil ihrer Lebenserinnerungen „unterwegs verloren“ nachlesen. Keine Häme ist darin, eher ein Erstaunen über die schamlose Freude Unselds daran, jemandem „eins auszuwischen“, wie Klüger schreibt. Es ist eine exemplarische Passage, denn Ruth Klüger ist eine Expertin der Macht und der Ohnmacht. Davon handeln ihre beiden Lebensbücher, aber auch ihre Essays über die deutsche Literatur, die sie so genau liest, wie sie schreibt: unbestechlich, kompromisslos, mit geschärftem Blick für Diskriminierungen und einem analytischen Feminismus, der Interessenlagen erkennt und bloßlegt. Keine einfache Frau, zum Glück.

Die Regisseurin Renata Schmidtkunz versucht in ihrem Film niemals, die Klüger im Sinn einer falsch verstandenen Publikumsfreundlichkeit dazu zu machen. Ihr gelingt etwas Großartiges und Seltenes: ein Porträt, das zugleich intim ist und doch jene Distanz hält, die Platz lässt für das Unergründliche eines Menschen. Es ist Renata Schmidtkunz’ zweiter Film über Ruth Klüger. Der erste, fürs Fernsehen gedreht, trägt ein Klüger-Zitat als Titel: „Ich komm’ nicht von Auschwitz, ich stamm’ aus Wien.“ Niemals hat Ruth Klüger, 1931 geboren, sich auf eine Überlebende reduziert; niemals aber auch hat sie die Zerstörung ihrer Kindheit geleugnet. Ihr Vater und ihr Bruder wurden ermordet. Sie fehlten ihr, ein Leben lang. Das Wort Heimat verwendet sie nicht. Vertrauen und Misstrauen stehen bei ihr in einem beständigen Konflikt miteinander.

Kindheit ist keine Episode

Es gibt eine merkwürdige Szene in dem Film: Da versucht ein deutscher Professor der Kollegin an einem kalifornischen Strand zu erklären, dass die Kindheit ja nur eine Episode im Leben sei. Nein, entgegnet Ruth Klüger, nichts prägt uns mehr, aber sie ist mild im Ton, anders als in ihren Büchern, sie hält ihm keinen Vortrag über Verleugnung. In „weiter leben“ berichtet Ruth Klüger von den Methoden der Verdrängung durch die Nachkommen der Täter: „Heute gibt es Leute, die mich fragen: ,Aber Sie waren doch viel zu jung, um sich an diese schreckliche Zeit erinnern zu können.‘ Oder vielmehr, sie fragen nicht einmal, sie behaupten es mit Bestimmtheit. Ich denke dann, die wollen mir mein Leben nehmen, denn das Leben ist doch nur die verbrachte Zeit, das einzige, was wir haben, das machen sie mir streitig, wenn sie mir das Recht des Erinnerns in Frage stellen.“

Woran man sich im Leben am besten erinnert, sagt Ruth Klüger im Film, das sind Entscheidungen. Sie hat sich nach der versklavten Kindheit und Jugend in ihrem Leben als erwachsene Frau oft entschieden. Gegen die Rolle der nichtssagenden Professoren-Gattin; gegen die Zumutungen derer, die sie mit ihrem „triefenden Philosemitismus“ (Klüger) belästigten; gegen Martin Walser, dem sie sich über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden fühlte, bis er „Tod eines Kritikers“ schrieb, um mit Marcel Reich-Ranicki abzurechnen. „Ein übles Buch“, befand Klüger in einem offenen Brief an Walser. Die darin enthaltenen Bosheiten seien ihr in die Knochen gefahren. „Denn das Judesein ist kein Klub, aus dem man austreten kann.“

Das verzeihende Opfer hat Ruth Klüger niemals jemandem gegeben, auch nicht der Stadt Wien. Dem Sohn gegenüber ist sie stolz darauf, dort nun jemand zu sein. Aber der Weg zum Elternhaus, aus dem sie verjagt wurde, strengt sie an; ihr Unbehagen ist sichtbar. Da ist nichts von jenem stillen Triumph, den andere Emigranten – etwa Eric Kandel in dem filmischen Porträt über ihn – angesichts des elterlichen Hauses in Wien empfinden.

Wien, Kalifornien, Göttingen, Jerusalem, Wien: Der Film erzählt das Leben der Ruth Klüger entlang der Orte, die ihr etwas bedeuten, aber er erzählt nichts nach. Man muss sich die Linie schon selbst zusammensetzen – das machen Regisseure, die ihre Zuschauer nicht für blöd verkaufen. Einmal sieht man, wie Ruth Klüger mit der Regisseurin über ein ödes Rasenfeld geht. Am symbolischen Grab für Anne und Margot Frank bleiben die beiden Frauen stehen. Bergen-Belsen ist jener Ort, der für Ruth Klüger vor allem Sinnlosigkeit repräsentiert, nichts sonst. Es war sinnlos, dass sie als Kind Jahre im KZ vegetierte, statt in Schulen zu gehen.

Orte und Linien

Renata Schmidtkunz sieht Ruth Klüger beim Leben zu, beim Schwimmen, beim Fernsehen, ja selbst beim Schlafen. Ein offizielles Ereignis rahmt den Film ein, ein großer Empfang ihr zu Ehren in Wien, den Klüger mit einem ihrer Söhne und der Enkelin genießt. Sie war eine Mutter, die den Söhnen Limericks dichtete, aber sie selten in den Arm nahm. Die sie nicht teilhaben ließ an ihrer Muttersprache. Der Film spart das nicht aus, er manipuliert nicht an seiner Protagonistin herum. Nah rückt ihr die Kamera zuweilen auf die Haut, und doch bleiben Ruth Klügers Sätze und nicht nur das Bild des schönen, alten Gesichts im Gedächtnis. Weisheit, Leiden und Liebe liegen darin nah neben dem Misstrauen. Der Film ist ein Dokument des Vertrauens.

Das Weiterleben der Ruth Klüger Österr. 2011. Buch & Regie: Renata Schmidtkunz, Schnitt: Gernot Grassl. 83 Minuten, Farbe.

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