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Festival-Souvenirs an Woodstocks Tinker Street.

Bethel

Woodstock fand in Bethel statt

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Woodstock war klar. Es fehlte nur der Ort. Ein Besuch an legendärer Stätte.

Die Geschichte von Woodstock beginnt mit einem großen Missverständnis und einem kleinen Haus am Wald in den Hügeln der Catskill Mountains, zwei Autostunden nördlich von New York City. In der Idylle der einstigen niederländischen Kolonie Nieuw Nederland, noch viel früher Siedlungsgebiet der Delaware, hatten seit der Wende zum 20. Jahrhundert Schriftsteller, Kunsthandwerker, Komponisten, Maler und Künstler aller Art Inspiration und Ruhe gesucht. Es ist ein schöner Ort, wie gemacht zum Schöpferischsein und zum Nichtstun. Eine Oase der Kleinbürgerlichkeit in bäuerlicher Umgebung.

Um dorthin zu gelangen, verlässt man den schnurgeraden Highway 87 von Manhattan durch das Tal des Hudson River in Richtung der Catskills und schlängelt sich sodann eine schmale Straße über gurgelnde Bäche und durch saftige Laubwälder in eine andere Welt voller Felder und Wiesen und gepflegter Einfamilienhäuser im für die Gegend typischen pastellfarbenen Anstrich. Etwas außerhalb der Ortschaft Woodstock hatte der Musiker Rick Danko Anfang 1967 ein Haus gemietet, 170 Quadratmeter, zwei Etagen und ein Keller, der für die Popgeschichte sehr bedeutsam werden sollte. Danko war Bassist in der Begleitband von Bob Dylan und hatte jetzt viel Zeit und Muße, da weitere Tourneepläne erst mal auf Eis lagen.

Dylan war schon vor ihm aus dem New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village nach Woodstock gezogen. Er hatte die Nase voll von Fans, die seinen Müll nach Erinnerungsstücken durchsuchten. Erst wohnte er in einem Zimmer über einem Café mitten im Ort, später suchte er sich und seiner rasch wachsenden Familie was Größeres. Sein Leben nahm eine dramatische Wendung, als er im Sommer 1966 nahe Woodstock mit dem Motorrad verunglückte. Dylan zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und widmete sich dem bukolischen Leben.

Der Mythos Woodstock bekam eine andere Adresse

Aber ganz ohne Musik ging es nun auch wieder nicht und so traf er sich zwischen Juni und Oktober 1967 immer mal wieder mit Danko und den anderen aus seiner Band – Levon Helm, Garth Hudson, Robbie Robertson und Richard Manuel – in dem Häuschen auf dem Land, wo sie im Keller gemeinsam jammten. Eine Bandmaschine lief mit, aber die „Basement Tapes“, die Kellerbänder, waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt und kamen auch erst 1975 heraus. Ein Dutzend anderer Songs, die ebenfalls in dem Keller mitgeschnitten wurden, wurden jedoch 1968 zum Debütalbum von The Band. Und für den Titel blieb man im auch Häuslichen: Der rosafarbene Anstrich von Dankos Domizil gab dann „Music From Big Pink“.

Damit hatte der Mythos von Woodstock eine Adresse. Daraus müsste sich doch was machen lassen, dachten sich die Geschäftsleute Michael Lang und Artie Kornfeld, beide Mitte zwanzig. Lang hatte in Miami einen Laden für Cannabis-Zubehör betrieben, Kornfeld war Vize-Präsident von Capitol Records. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Projekt kamen sie auf die Idee, in Woodstock ein richtiges Plattenstudio zu eröffnen, schließlich waren im Gefolge von Bob Dylan und The Band auch Stars wie Joan Baez und Joni Mitchell in das Örtchen gekommen und andere würden folgen.

Mit John Roberts, Erbe einer Pharma-Firma, und Joel Rosenman, einem New Yorker Businessman, fand Lang zwei junge Finanziers, die laut einer Anzeige im Wall Street Journal eine Investitionsmöglichkeit für ihr „unbegrenztes Kapital“ suchten. Bevor der Plan mit dem Plattenstudio auch nur halbwegs konkret wurde, hatten sie schon das Eröffnungsfest im Kopf. Die Folksänger Tim Hardin und John Sebastian sollten auftreten. Und als Topact natürlich Bob Dylan.

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Den hatten sie allerdings nicht gefragt, die anderen knapp 6000 Einwohner von Woodstock auch nicht. Und die hatten keine Lust auf Massen von Fremden. Aus dem Plattenstudio wurde nichts und auch nichts aus dem Konzert. Aber der Name war in der Welt: „Woodstock Music & Art Fair“. Fehlte nur noch der Ort. Als das benachbarte Saugerties ebenfalls abwinkte, suchten die Veranstalter 70 Meilen weiter südlich und fanden in Walkhill ein ödes Stück Land, das als Gewerbegebiet ausgeschrieben war. Das konnten sie zu einem guten Preis mieten. Der Aufbau hatte schon begonnen, Musiker waren gebucht und jede Menge Tickets verkauft, als die Gemeindevertretung ihr Veto einlegte.

Einen Monat vor Festivalbeginn war immer noch nicht klar, wo es stattfinden könnte. Zum Retter von Woodstock avancierte schließlich Milchbauer Max Yasgur, ein wertkonservativer Republikaner, der sein Grundstück in der Nähe der Ortschaft Bethel, 70 Kilometer südwestlich von Woodstock, zur Verfügung stellte. Seine Weide liegt in einem natürlichen Kessel, der wie in einem Amphitheater auch von weit hinten einen guten Blick auf die Bühne bieten würde. Proteste der Bevölkerung gab es auch hier, aber schließlich bewilligte der Stadtrat eine Veranstaltung für maximal 50 000 Besucher.

Etwa 400 000 sollten schließlich kommen und obwohl das wirkliche Woodstock meilenweit vom Festivalort entfernt liegt, war nach diesen drei Tagen im August nichts mehr wie zuvor. „Woodstock“ war nun eine Marke. Bob Dylan, dem der ganze Trubel irgendwie zu verdanken war, schreibt in seiner Autobiografie: „Früher einmal war der Ort ein Refugium gewesen, jetzt nicht mehr. In allen 50 Bundesstaaten hatte man wohl Karten gedruckt, damit die Gangs von Dropouts und Drogensüchtigen unsere Farm finden konnten. Pilger aus dem fernen Kalifornien hingen herum. Zu allen Tag- und Nachtstunden brachen Idioten bei uns ein. Zuerst nur die Nomaden und Obdachlosen, sie schienen relativ harmlos, aber dann kamen die Außenseiter und Radikalen auf der Suche nach dem Protest-Prinzen.“ Er selbst war mit seiner Familie noch vor Festivalbeginn nach New York City geflohen.

Längst ist in Woodstock wieder Ruhe eingekehrt. Neben den Nostalgikern auf der Suche nach dem Spirit von einst besuchen vor allem Sommerfrischler aus New York den gepflegten Ferienort. Seit kurzem kann man auch das kleine Haus am Waldrand mieten, ganz bequem über das Online-Portal Fewo direkt. „Drei Schlafzimmer, zwei Bäder (Keller nicht inbegriffen).“ 533 Euro pro Nacht. Das Jubiläumswochenende ist allerdings schon ausgebucht.

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