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Noch ein I zum Euro-E. Und vorne im Bild der goldige Sänger.

Schorsch Kamerun Schauspiel Frankfurt

Wie von der Wolke aus

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Ein "Frankfurter Rendezvous", an dem Parzival, Merlin, seltsame Kreuzzügler und noch ein paar andere teilnehmen? Der Musiker Schorsch Kamerun hat solches für das Schauspiel Frankfurt erdacht.

Der fleißige Theatergänger von heute ist es gewohnt, in allerlei Situationen gebracht zu werden und allerlei Haltungen einnehmen zu sollen. Man erinnert sich etwa an: auf Kissen unter den auf Podesten agierenden Darstellern liegen, auf dem Boden kauern, sich durch enge Kellergänge fädeln, sich durch völlige Dunkelheit tasten, kleine, via Zettel erhaltene Aktionen ausführen, mittanzen, mitschlendern, mitklatschen und -singen (das kommt allerdings dann doch eher in Popkonzerten vor).

Zumindest das Mitschlendern und Rumstehen schien angedroht beim „Frankfurter Rendezvous“ des Schauspiels, untertitelt mit „Musikalische Vollversammlung auf dem Willy-Brandt-Platz“. Aber nein, bei diesem von dem Musiker (Goldene Zitronen) und zunehmend auch als Regisseur tätigen Schorsch Kamerun erdachten Spektakel wird man als Zuschauer in die Lage des bequem sitzenden, leicht beschämten Voyeurs gebracht. Denn man sitzt im Chagallsaal, schaut nach unten auf den Platz, hat außerdem Bildschirme zur Auswahl, auf die live übertragen wird, und Kopfhörer, um zu hören, was die Sterblichen da unten so sprechen. Es ist kaum übertrieben zu sagen: Man sitzt wie auf einer Wolke, während das gemeine, zufällig vorbeikommende Stadtvolk sich zu den unerwarteten Vorkommnissen vor der Theaterdoppelanlage verhalten muss.

Toga und Sandalen

Als da unter anderem sind: Drei Musiker – Les Trucs und ein sprech-singender Schorsch Kamerun – auf einer kleinen Bühne. Ein Krieger-Trupp im Tarndesign, mit Bobby-Tropen-Helm und Silberschild (Statisten). Weitere Statisten in allerlei Aktionen. Franziska Junge als schwarze Flügelfigur (eher aus der Hölle statt dem Himmel) auf Stelzen, die den Prothesen von Oscar Pistorius ähneln. Mario Fuchs als ein in Toga und Sandalen Wandelnder, der auf den Namen Parzival hört. Oliver Kraushaar als Tafelrunden-Ritter Sir O. und „Versucher“. Außerdem die personifizierte Verlockung des Goldes – der Tenor Keith Bernard Stonum in Goldfolie.

Irgendwie geht es beim „Frankfurter Rendezvous“ um die Ritter der Tafelrunde, irgendwie aber auch ums Zusammenkommen auf einer Agora. Und ist ein belebter Ort automatisch ein guter Ort? Es geht um die Notwendigkeit eines offenen demokratischen Diskurses. Und um die Frage, wie die Architektur einer Stadt das Leben in ihr beeinflusst.

Welches Signal gibt zum Beispiel das große Euro-E auf dem Willy-Brandt-Platz? Schorsch Kamerun fügt es in seinem Text mit den umliegenden Banken-Hochhaus-Is zu lauter EIern zusammen – den „größten Eiern im ganzen Land“. Sein mit drolligem Plinkern begleiteter Rap-Gesang hat keine Scheu vor sprachlich gut abgehangenem Kapitalismus-Bashing, vor dem „belämmerten Schaf“ (wir) und den „globalisierten Schaben“ (den Bankern), vor „hippen Helikopter-Eltern“, Selbstoptimierern, Wachstumspredigern. Der locker und assoziativ gefügte Text wirkt ein wenig wie aus gutem alten Agitprop-Theater entliehen.

Original Occupy

Es gibt ein kleines Gespräch mit originalen Occupy-Leuten, der Schilder-Trupp turnt und mampft Bananen, die Statistenschar formt sich zu einem Kreuzritterzug um das schwarze Wesen, das Merlin sein könnte, „der erste Großkünstler“ (so das Programmheft). Gerne schaut man knapp anderthalb Stunden lang aus sicherer Warte auf solche Aktionen, die zum Teil durchaus witzig sind. Tadellos ist die Übertragung des Tons, zwei Kameraleute liefern außerdem Nahaufnahmen. Fantasievoll sind die Kostüme Tabea Brauns und, äh, realitätsnah die Bühnenbauten Katja Eichbaums.

Aber die Prise Schärfe, den das Spektakel namens „Frankfurter Rendezvous“ hat, erhält es kaum durch den Text oder die Theateraktionen (ja, man kann sie harmlos nennen), sondern vor allem durch die Beobachtung der Passanten. Und durch das Gefühl, ihnen gegenüber einen unfairen Vorteil zu haben.

Da sind die arglos Plaudernden, die plötzlich ins Visier der Kamera geraten. Die verwirrt aus der Straßenbahn Blickenden (überhaupt ist der regelmäßige Halt von Straßenbahnen auf dem Willy-Brandt-Platz unerwartet ein ganz famoses, scheinbar choreografiertes Spektakel). Eine Radfahrerin bleibt stehen und ist bald ganz versunken ins Geschehen. Ein Radfahrer rast ungerührt durch die Grüppchen. Grob könnte man unterscheiden zwischen den Leuten, die sich sofort interessieren, dem Geschehen zuwenden. Und denen, die einen stumpfen Was-geht-mich-das-an-Blick bekommen oder die so komplett ignorieren, dass auf diesem belebten Platz etwas Ungewöhnliches vorgeht, dass man meint, sie nehmen es tatsächlich nicht wahr. Allen voran die Während-dem-Gehen-aufs-Smartphone-Gucker, Schlafwandlern nicht unähnlich.

Man erkennt sich wieder, man ist beschämt. Schorsch Kamerun mag an ganz andere Wirkungen seiner Inszenierung gedacht haben, aber diese ist auch schon was.

Schauspiel Frankfurt: 7., 8., 9. Juni. www.schauspielfrankfurt.de

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