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Wolfgang Niedecken zum Ukraine-Krieg: „Das Friedenstäubchen kommt mir abhanden“

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„Mach dir einen Wein auf und hör dir das Ding in aller Ruhe an“: Wolfgang Niedecken im September 2021 auf einer Freilichtbühne in Stuttgart.
„Mach dir einen Wein auf und hör dir das Ding in aller Ruhe an“: Wolfgang Niedecken im September 2021 auf einer Freilichtbühne in Stuttgart. © Oliver Willikonsky/Imago

Wolfgang Niedecken legt ein neues Album über Bob Dylan vor. Und kann doch nicht anders, als zuerst über den Krieg in der Ukraine zu sprechen.

Mit dem Werk Bob Dylans befasst sich der BAP-Chef und Ur-Kölner schon sein gesamtes Erwachsenenleben lang. Nun hat Wolfgang Niedecken seine Kenntnisse vertieft und auf „Dylanreise“ gebündelt: Das Doppelalbum besteht je zur Hälfte aus launigen Niedecken-Anekdoten mit Dylan-Bezug und aus älteren und jüngeren, teils liebevoll eingekölschten Songs. Aber wir können dieser Tage nicht mit dem politisch und gesellschaftlich engagierten Musiker und Autor sprechen, ohne zunächst auf ganz andere Themen einzugehen.

Ukraine-Krieg: Wolfgang Niedecken kommt der Glaube an friedliche Lösungen abhanden

Herr Niedecken, die Frage sei gestattet, wie geht es Ihnen?

Den Umständen entsprechend gut. Der Krieg, den Putin in der Ukraine vom Zaun gebrochen hat, schlägt mir schon sehr aufs Gemüt. Aber wem nicht? Das ist eine Katastrophe.

Sehen Sie in der Situation irgendeinen Hoffnungsschimmer?

Putin hat es geschafft, dass der ganze Westen, ja praktisch die ganze Welt, zusammengerückt ist. Da hat er sich natürlich verrechnet. Er hat geglaubt, er könne die europäische Gemeinschaft sprengen, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen ist immens, gerade in Polen. Ich hoffe natürlich, dass das anhält. Die Menschen, die Regierungen, alle wissen: Hier geht es um die Wurst. Niemand kann sich irgendwie wegducken, alle sind zur Solidarität verdammt. Etwas halbwegs Vergleichbares hatten wir in Deutschland, als Corona losging und plötzlich alle demokratischen Parteien an einem Strang zogen. Daran habe ich gemerkt, wie ernst die Lage ist.

Wie kann es jetzt weitergehen?

Keine Ahnung. Das ist eine ganz neue Situation. Selbst der Kalte Krieg war irgendwo noch kalkulierbar. Aber dass ein Irrer die Verfügungsgewalt über den roten Atomknopf hat, das ist noch nie in der Form dagewesen.

Ukraine-Krieg: Warum Wolfgang Niedecken das Lachen im Hals steckengeblieben ist

Hätten Sie Putin das so zugetraut?

Nein. Bis vor ein paar Wochen wusste auch ich nicht, dass der Mann einen an der Waffel hat. Ich habe den Pomp, mit dem er Hof hält, diesen lustigen riesigen Tisch, dieses seltsam Entrückte eher belächelt. Putin wirkte auf mich wie der verrückte nackte König aus dem Märchen. Wie vermutlich vielen, so ist auch mir das Lachen im Halse steckengeblieben.

In Russland gibt es Kritik, selbst die Oligarchen wenden sich mit Grausen. Wird Putin damit durchkommen?

Ich sehe mittelfristig seine Felle davonschwimmen. Diese Unterdrückung wird nicht auf alle Zeiten Erfolg haben. Dass wir jetzt schon auf die Oligarchen setzen, also im Prinzip auf kriminelle Kleptokraten, die sich zu Jelzins Zeiten die Taschen vollgemacht und alles unter den Nagel gerissen haben, zeigt, wie weit wir gekommen sind.

Später war ich viel in Afrika unterwegs, teilweise in Ländern, in denen Bürgerkrieg herrschte, und da kommst du nicht weit, wenn du deinem Gegenüber, der dir an den Hals will, mit „Give Peace a Chance“ kommst. Sowas wäre weltfremd.

Wolfgang Niedecken

Ukraine-Krieg: Wolfgang Niedecken und der Frieden

Bundeskanzler Olaf Scholz hat 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr reserviert. Was sagt der Kriegsdienstverweigerer und Friedensbewegte Wolfgang Niedecken dazu?

Wir brauchen eine Bundeswehr, die funktionstüchtig ist. Wir haben uns nach dem Fall der Mauer alle in einer trügerischen Sicherheit gewogen. Die Bundeswehr ist nicht die Schweizer Garde, die nur hübsch aussehen soll, aber nichts bringt. Natürlich ist das toll, Kasernen für irgendetwas Nettes zu nutzen und die Wehrpflicht abzuschaffen, was ich seinerzeit sensationell fand. Ich bin auch froh darüber, dass wir es lange Zeit mit Diplomatie versucht haben und uns Mühe gegeben haben, uns in andere Völker, andere Köpfe reinzudenken. Das hat die Menschheit viel weitergebracht als dieses starre Wettrüsten.

Aber?

Als die Mauer gefallen und der Warschauer Pakt aufgelöst war, dachten einige, jetzt seien alle Probleme gelöst. Ich habe das Gerede vom Ende der Geschichte immer schon für Unsinn gehalten. Mein Friedenstäubchen fing an, mir abhanden zu kommen, als wir 1987 in Nicaragua spielten. Später war ich viel in Afrika unterwegs, teilweise in Ländern, in denen Bürgerkrieg herrschte, und da kommst du nicht weit, wenn du deinem Gegenüber, der dir an den Hals will, mit „Give Peace a Chance“ kommst. Sowas wäre weltfremd.

Die ersten sprechen schon von einem Comeback der Wehrpflicht.

Bloß nicht. Wir brauchen kein Kanonenfutter. Sondern eine Armee mit geschulten Spezialisten, die wissen, wie man die modernen ferngesteuerten Waffen ins Ziel bringt. Mensch, was rede ich da überhaupt? Aber so sieht es mittlerweile aus. Ich kann ja nicht vor der Realität die Augen verschließen. Trotzdem hoffe ich dringend, dass die Nato sich militärisch nicht provozieren lässt.

Zur Person

Wolfgang Niedecken, geboren am 30. März 1951 in Köln, ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker der vergangenen Jahrzehnte. 1976 gründete er die Kölschrock-Band BAP. Bis heute ist er ihr Sänger, Texter, Komponist und Frontmann und das einzig verbliebene Gründungsmitglied.

Auch die Malerei gehört zu seinem künstlerischen Schaffen. Er studierte Freie Malerei und Kunstgeschichte und zeigt seine Werke bei zahlreichen Ausstellungen, auch international. Niedecken ist überdies bekannt für sein soziales und politisches Engagement, für das er 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet wird.

Sein neues Album „Dylanreise“ erscheint am 25. März – eine Lesereise voller persönlicher Geschichten und Songs, künstlerisch inspiriert von dem US-Singer-Songwriter, Autor und Nobelpreisträger Bob Dylan.

Wolfgang Niedecken bewundert Tapferkeit der Menschen in der Ukraine

Sind die Sanktionen gegen Russland aus Ihrer Sicht korrekt?

Auf jeden Fall. Irgendwo muss der Hebel angesetzt werden. Auch wenn Sanktionen die armen Säue in Sibirien, die eh schon nichts haben und die von Putin jetzt als ahnungsloses Menschenmaterial in die Ukraine geschickt werden, hart treffen. Doch den wirklich hohen Preis, den zahlen die Menschen in der Ukraine. Ich bewundere ihre Tapferkeit. Ich weiß nicht, ob ich auch so tapfer wäre. Die Leute hocken in den U-Bahn-Tunneln und müssen gucken, wie sie überleben. Ich bewundere ihr Durchhaltevermögen. Ich bewundere auch die Männer, die sich ein Gewehr geben lassen, um gegen eine hochgerüstete Armee zu kämpfen.

Hätten Sie auch mitgekämpft, wenn Sie Ukrainer wären und 40 statt 70 Jahre alt?

Ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich den Mut gehabt hätte. Mittlerweile habe ich vier erwachsene Kinder, zwei Enkel, die ihr Leben noch vor sich haben. Für mich selbst kann ich sagen: „Ich hatte ein tolles Leben“, aber ich habe auch eine Verantwortung für meine Nachkommen.

Sie sind Jahrgang 1951. Ist der Krieg in der Ukraine die bisher schlimmste Auseinandersetzung zu Ihren Lebzeiten?

Ich weiß jedenfalls nicht, ob ich schon mal so die Luft angehalten habe, wie im Moment. Bei der Kubakrise war ich elf und hatte keine Ahnung von Politik. Ich hatte schreckliche Angst, weil die Großen bei mir im Internat vom Dritten Weltkrieg redeten, rief meine Eltern an und ließ mich von ihnen abholen und trösten. Später dann der Irakkrieg, da waren die Amis die Bösen. Sie wollten den Kopf von Saddam Hussein als symbolische Rache für die Anschläge vom 11. September 2001. Ich war froh, dass Deutschland sich daran nicht beteiligt hatte und erinnere mich noch gut, wie ich damals im Wahlkampf für Schröder und Fischer am Brandenburger Tor gespielt habe.

Beim Kölner Rosenmontagszug, der kurzfristig zu einer Friedensdemo umdeklariert wurde, haben Sie den 250.000 Teilnehmenden in einer Rede gesagt, wie stolz Sie auf Ihre Kölner sind.

Ja. Ich war total ergriffen. Eine solche Massenkundgebung wie in Köln oder in Berlin wird auch in der Ukraine bemerkt worden sein. Ich denke, wir können hier den Menschen ein klein wenig Rückhalt geben, indem wir ihnen zeigen, dass wir zu ihnen stehen. Die brauchen solchen Seelenproviant gerade sehr dringend. Das, was diesen Menschen noch bevorsteht, dürfte sehr schlimm werden. Straßenkampf, Aushungern, Putin wird Kiew einkesseln lassen – wozu der Mann fähig ist, hat er in Syrien gezeigt. Der wird alles gnadenlos kaputtbomben.

Wolfgang Niedecken legt neues Album über Bob Dylan vor

Seelenproviant, um auf Bob Dylan zu kommen, bietet natürlich auch die Kunst, die Musik. Sie erzählen auf „Dylanreise“ von einer kanadischen Sängerin, die Sie bei Ihrer Recherchetour durch die USA kennengelernt haben und die sagt, die Songs Dylans seien heilsam. Kann ein Bob Dylan gerade jetzt besonders guttun?

Absolut. Auch meine „Dylanreise“ hat eine wohltuende Wirkung. Setz dich hin, mach dir vielleicht einen guten Wein auf und hör dir das Ding in aller Ruhe an. Du kommst Dylan in diesen zweieinhalb, drei Stunden wirklich näher. Ich wollte bewusst keine Biographie verfassen, denn die sind bereits alle geschrieben. Ich habe bewusst ein sehr subjektives Buch geschrieben.

Tatsächlich ist „Dylanreise“ zugleich beruhigend und anregend. Sie lesen Passagen aus Ihrem 2021 veröffentlichten Buch „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“, und Sie singen, begleitet vom Jazzpianisten Mike Herting und aufgenommen an Silvester 2021 im Kölner Riverside Studio, seine Lieder – teils auf Englisch, teils in Kölschen Versionen. Welche Bedeutung hat Bob Dylan für Sie und Ihr Leben?

Ich denke, dass Bob Dylan der wirkungsmächtigste Poet der letzten 60 Jahre ist. Allein auf wie viele Dinge der mich durch seine Lieder hingewiesen hat. Ich hätte wahrscheinlich nicht einmal Kunst studiert, hätte ich vorher nicht Dylan gehört. Seine Kunst hat mich angeschoben. Ich war ein Junge, der gerne Fußball gespielt hat, bei den Pfadfindern war und davor am liebsten als Winnetou verkleidet im Wald rumlief.

Ohne Bob Dylan wären Sie also jetzt noch im Wald?

Niedecken (lacht): Kann gut sein. Die Musik der Beatles und die Lyrik von Dylan haben mein Leben auf die richtige Spur gesetzt.

Die akustisch eingespielten Lieder sind schön, aber besonders spannend fand ich Ihre Geschichten. Etwa die, wie Sie sich Ende der 70er beim damals noch jungen Maler Julian Schnabel in New York auf der Couch einquartiert haben.

Ich bin ein Geschichtenerzähler. Das ist mein Beruf, und das ist mein Talent. Ich habe die Gabe von meiner Mutter, die wunderbar erzählen konnte und ihre Schilderungen immer so ausgeschmückt hat, dass du nie gewusst hast, was sie wirklich erlebt und was sie dazugedichtet hat. Das war auch egal. Auf die schöne Geschichte kommt es an.

Was lesen Sie aktuell?

Den Roman „Swing Time“ von der Engländerin Zadie Smith. Ein tolles Buch. Nachts, wenn ich wachwerde, lese ich gerne ein Kapitel, bis ich wieder müde bin und weiterschlafe. Aber bei diesem Buch kann ich kaum aufhören, auch wenn mir schon fast wieder die Augen zufallen.

Bevor Sie die „Dylanreise“ aufgenommen haben, spielten Sie 2021 mit dem Programm 45 Konzerte. Da kann man nicht meckern, oder?

Nein. Ich habe durch Corona keine Zeit verloren. 2020 wurde ich innerhalb von neun Tagen zweimal Großvater, erst kam Quinn, dann kam Noah. Und da meine Tochter Isis nach Köln kam, um das Kind hier zu gebären, und dann mit Mann und Baby vier Monate lang bei uns blieb, hatten wir einen wunderbaren Sommer. Tagsüber habe ich am Buch geschrieben und abends oft mit der Familie im Garten gesessen, gegrillt und Weinchen getrunken. Ich habe wirklich nicht gelitten. Auch mit den Konzerten hat sich alles wunderbar gefügt. Man muss natürlich auch flexibel sein. Zu sagen „Nö, nur halbvolle Halle, das mache ich nicht“, ist für mich keine Option.

Wolfgang Niedecken denkt nicht über die Rente nach

Was glauben Sie: War es das denn jetzt auch bald mit den Corona-Einschränkungen?

Kommt drauf an, ob sich in den nächsten Monaten genug Leute impfen lassen. Sonst sage ich voraus, dass wir ab Mitte Oktober wieder Probleme bekommen. Ich lasse bei diesem Thema auch nicht locker. Ich finde auch, es wird höchste Zeit, dass die Impfpflicht kommt. Es ist asozial, sich nicht impfen zu lassen.

Am 30. März feiern Sie in der Kölnarena endlich mit einem Jahr Verspätung Ihren 70. Geburtstag.

Ja, ich werde einfach nicht älter (lacht). Ich habe sogar das Gefühl, dass ich wieder jünger werde.

Wie das?

Gesundheitlich war mein Schlaganfall 2011 ein ziemlicher Einschnitt, und dann hatte ich 2015 noch einen Bandscheibenvorfall, der richtig schlimm war und höllisch wehgetan hat. Ich habe viel Reha gemacht und konnte eine Operation zum Glück vermeiden. Seitdem mache ich sehr diszipliniert meine Übungen, Gymnastik vor allem.

Denken Sie jemals über so etwas wie die Rente nach?

Die was? Nein (lacht). Ich weiß gar nicht, wo bei mir die Arbeit aufhört und die Freizeit anfängt. Bei mir ist alles ineinander verwoben. Egal, ob ich ein Buch lese, einen Film gucke oder mit dem Hund laufe und Leute treffe – überall lauert Material, das ich für meine Geschichten verwenden kann. Außer ich stelle gerade die Mülltonne vors Haus, sind die Antennen immer auf Empfang, aber selbst da können Stories draus entstehen.

Das Interview führte Steffen Rüth

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