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Bremen, Neue Vahr, entstanden 1957 - 1962

Architektur

Wohnungsbau: Gemeinnützigkeit und Gigantomanie – Bankrott der „Neuen Heimat“ wirkt bis heute nach

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Die „Neue Heimat“ hat bundesdeutsche Geschichte geschrieben. Das Deutsche Architekturmuseum erinnert in einer Ausstellung – auch an den Bankrott.

Da war doch mal was, Anfang der Achtziger, richtig, ein Mann, der Helmut Kohl hieß, wurde Kanzler. Alte weiße Männer werden sich noch entsinnen, Frauen, die die 50 überschritten haben, natürlich auch. Erinnerung an „Die Wende“, an ein geistig pompöses Wort, an ein politisch niederschmetterndes Schlagwort. Aber es kam tatsächlich so, die Republik richtete sich ein in einem veränderten gesellschaftspolitischen Klima. Ein bräsig-selbstgerechter Regierungschef in Bonn, damals Hauptstadt, war so.

Wie man sich womöglich auch daran erinnert, dass die Bundesrepublik, 1982, von einem ihrer größten Wirtschaftsskandale erschüttert wurde, dem Fiasko der „Neuen Heimat“. Es war nicht nur ein ökonomischer, für den größten nicht-staatlichen Wohnungsbaukonzern Europas war es auch ein programmatischer Bankrott. Denn vertrat er nicht die Gemeinnützigkeit?

Auf dass sich nicht nur eine ältere Generation erinnere, bereitet jetzt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt die Geschichte der 30-jährigen Existenz dieses Unternehmens noch einmal auf, seine immense Erfolgsgeschichte als Wohnungsbauunternehmen, seine Geschichte als gewerkschaftseigener Konzern, seine Geschichte der Gemeinnützigkeit, seine Geschichte als nicht mehr durchschaubarer und kontrollierbarer Trust, gemanagt schließlich durch kriminelle Machenschaften, jedenfalls wurden die Hände und Taschen ganz bewusst aufgehalten.

Ausstellung erinnert an die „Neue Heimat“

Dumm, dass ausgerechnet dieses Image in Erinnerung geblieben ist – umso entschiedener rufen Hilde Strobl und Jonas Malzahn, beraten und unterstützt durch den Architekturhistoriker Ullrich Schwarz, die sozialpolitische Leistung der „Neuen Heimat“ ins Gedächtnis. Die Tatsache, dass im Deutschland der Nachkriegszeit über sechs Millionen Wohnungen fehlten, dass 1,8 Millionen Sozialwohnungen in einem Zeitraum von nur sechs Jahren entstanden, spricht für eine ungeheure Anstrengung.

Fotos an den Wänden des DAM zeigen die Anfänge des Wiederaufbaus am Gründungsstandort der Neuen Heimat, in Hamburg, im Hafenarbeiterquartier Veddel, in Barmbeck. Auferstanden aus Ruinen, Auszug aus Notquartieren, Baracken, den berüchtigten Nissenhütten. All ihr Fridays-for-Future-Veteranen, befragt vielleicht einfach mal eure damals 20-jährigen Ururururgroßeltern.

Der Untertitel der Ausstellung im DAM lautet „Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ – und gegen diese Bezeichnung soll sich unter Sozialdemokraten in Frankfurt ein merkwürdig mächtiger Unmut geregt haben; warum auch immer, politisches Übereinkommen und personelles Zusammenkommen von Gewerkschaftsunternehmen und Sozialdemokratie zu leugnen, liefe auf Geschichtsklitterung hinaus.

Und die Utopie? Tatsächlich wussten die Stadtplaner und Architekten der ersten Stunde an die großen Visionen der klassischen Moderne anzuknüpfen, darunter an die Tradition der Gartenstadtbewegung und der „Organischen Stadtbaukunst“, wie sie ein Bernhard Reichow formuliert hatte – und wie sie im DAM anhand schöner, suggestiver Pläne noch einmal illustriert werden. Die aufgelockerte Stadt an der Peripherie, terrassierte Gebäude, in der Höhe abgestuft, noch nicht schwindelerregend, aber doch schon ziemlich hoch. Zudem auf Abstand gebaut, des Lichts und der Luft wegen. Und das Gebaute zwischen großzügigen Grünflächen, durch die sich unter vereinzelten Bäumen Wege verästelten.

München, Neuperlach, 1967 - 1992

Aus der Erkenntnis, dass man mit einem Dach über dem Kopf einen Menschen auch erschlagen könne, dass Wohnungspolitik, um das zu verhindern, eine sozialpolitische Mission zu erfüllen habe, dass Städtebau und Stadtentwicklung „Dienst am Fortschritt“ zu leisten hätten, engagierte die „Neue Heimat“ Architektenprominenz, Ernst May, Alvar Aalto oder Walter Schwagenscheidt, nicht zuletzt Intellektuelle wie Alexander Mitscherlich, der die „Unwirtlichkeit der Städte“ radikal analysiert hatte. Dumm, dass den Nachdenklichen immer wieder die selbstgerechten Sozialingenieure dazwischenfunkten.

Der Parcours durch das DAM gerät auch zu einer Promenade durch 30 Jahre westdeutscher Geschichte, bundesdeutscher, so zu sehen auf einem Bildschirm, auf dem man sich, nach Bundesländern geordnet, einschließlich West-Berlin, die Hotspots der „Neuen Heimat“ vor Augen führen kann. Auf groben Brettern angeordnet historische Fotos, immer noch fotogene Modelle, Bücher und Broschüren – denn in dem Unternehmen war klar, dass man, nach dem Vorbild des „Neuen Frankfurt“ in den 1920er Jahren, für seine Sache Propaganda machen müsse.

Objekte der „Neuen Heimat“ wurden zum Sinnbild des gebauten Schreckens

Nicht weniges, nein Massen von Dokumenten, so berichtet Ullrich Schwarz, der ein über 800 Seiten umfassendes Standardwerk (Dölling und Galitz Verlag) herausgegeben hat, seien auf einen Wink hin in einer Hamburger Tiefgarage aus einem Container herausgefischt und gerettet worden. Deshalb jetzt zu sehen nicht etwa verstaubte Archivalien, sondern lebendige Belege einer Sozialgeschichte der Bundesrepublik.

Die Frage, wie man in solchen Großsiedlungen heute wohnt, wird kaum eindeutig zu entscheiden sein. Denn sie unterliegt mindestens zwei Perspektiven, einer Innen- und einer Außenperspektive. Die Kuratoren beharren darauf, dass die Bauwerke im Urteil ihrer Bewohner durchaus besser abschneiden als vom Standpunkt Außenstehender – womit sich ein Dilemma jeder Architekturausstellung abzeichnet, die sich dem Massenwohnungsbau widmet. Wie beurteilen, architektonisch, sozialgeschichtlich, kulturhistorisch? Anthropologisch gar? Wie darstellen ohne die Überzeugungskraft empirischer Feldforschung, die die Ausdruckskraft von Grundrissen, Lageplänen, nicht zuletzt von Fassaden ergänzt.

Andererseits soll mit der Ausstellung, die bereits in Hamburg und München zu sehen war, alles andere als eine Fassadendiskussion geführt werden – und sie führt gleichwohl berühmte Beispiele vor Augen, berüchtigte, Wohntürme, Siedlungssilos, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik als strahlendes Sinnbild des Wirtschaftswunders herhielten. Also auch die Schlafstädte, die Beton-Alpträume und Sozialghettos, so dass gerade an diesen Orten der Wirtschaftswundermythos bröckelte. Objekte der „Neuen Heimat“, die zum Sinnbild des gebauten Schreckens wurden. Aus den Schwarzweißansichten wurden Farbfotos. Hier ein Kinderwagen mit Mutter inmitten sauberer Verhältnisse. Dort Sandkasten und Schaukel in einer wie von Meister Proper durchgestylten Welt.

Die „Neue Heimat“ ging bewusst an die Peripherie, um dort „Städtebau zu betreiben“ (tollkühnes Wort). Wobei sich aus der grünen Gartenstadtidee bald schon die graue Trabantenstadtwirklichkeit entwickelte, von Hamburg bis München, von Kiel über Bremen, Frankfurt, Darmstadt bis Stuttgart. Es ließe sich von einer Projekteliste sprechen, tatsächlich werden im DAM berühmte oder bloß berüchtigte Orte wie Hohnerkamp oder Neue Vahr versammelt, Kranichstein oder Fasanenhof, Nordwestzentrum oder Mettenhof oder Neuperlach – und jetzt sind Sie dran: Ordnen Sie die Stadtteile den Städten zu.

Was die „Neue Heimat“ anfasste, geriet ihr immer gigantomanischer

Neuperlach, München zugehörig, ganz richtig. Gerade hier stellte sich die Bodenfrage auf den Brachen und Äckern der umliegenden Gemeinden. Um an Bauland zu kommen, entwickelten Manager der „Neuen Heimat“ bereits in den 60er Jahren beträchtliche zwielichtige Vorgehensweisen (und im Zwielicht wurden die eigenen Taschen immer voller). So gibt also die Ausstellung unverhohlen einen Einblick in ein häufig unterschlagenes Kapitel des bundesdeutschen Städtebaus, der Katalog vor allem in die verschwiegene Geschichte einer Entwicklung, die die Ausstellung zu erhellen weiß.

Die „Neue Heimat“ hat nicht erst mit dem 1982 ruchbar gewordenen Skandal ihrem Ruf einen Riesenschaden zugefügt und dem Modell der Gemeinnützigkeit einen Hieb versetzt, von dem diese sich nicht erholt hat, bis heute nicht. Darüber geriet in Vergessenheit, dass die NH enorme Modernisierungsanstrengungen unternahm, von der Tapete bis zum Küchenschrank, belächelte Sachen, heute, muss wohl so sein. Aber immerhin bot die NH so exquisite Designer wie Arne Jacobson oder Wilhelm Wagenfeld für den Aufbruch auf, aus dem unbequemen Sofa, dem steifen Stuhl, vom hohlen Schein. Nicht dass die NH deswegen zu einem Label geworden wäre, aber zudem investierte sie nicht nur im großen Stil, sondern im großen Maßstab in die für den Massenwohnungsbau typischen Experimente, vorgefertigte Bauelemente, in Typisierung und Rationalisierung.

Was die „Neue Heimat“ anfasste, geriet ihr immer gigantomanischer. Wie sie das begründete, blies sie ihre Wohnungsbauideologie immer monströser auf. Worauf es hinauslaufen sollte, entsprach einer sich permanent fortschreibenden Fortschrittsideologie. Drei fatale Fehleinschätzungen, von heute aus gesehen. Um ihr ungeheuer selbstbewusstes Vorgehen und Wohlergehen zu feiern, ließ man, so zeigt es ein Video, die Sektkorken knallen und die Sektgläser klingen. Anstelle derber Bauarbeiterlieder und schwerer Hände, die in den späten Fünfzigern werbeträchtig Holsten-Bierflaschen köpften (denn „Holsten knallt am dollsten“), engagierte die „Neue Heimat“ in den frühen Siebzigern die Les Humphries Singers, auf dass sie (Mehr Pop wagen!) Botschaften von einer unbeschwerten Zukunft in die Ohren empfänglicher Menschen träufelten, richtig, der Generation 60 plus, heute.

Wende für die gemeinnützige Wohnungsbaupolitik, hervorgerufen durch den Crash der „Neuen Heimat“

Deutsches Architekturmuseum: bis 11. Oktober. Zur Ausstellung ist in der Edition Detail ein Katalog erschienen (236 S., im Museum 29,90 Euro).

Das DAM teilte am Freitag auf seiner Homepage mit, dass es vom heutigen Samstag an bis vorerst zum 10. April geschlossen sein wird. 

dam-online.de

Was aber kam, war die Wende, die Wende, die in Bonn eingeleitet wurde, allerdings auch, seltsame Koinzidenz, die Wende für die bis dahin gemeinnützige Wohnungsbaupolitik, hervorgerufen durch den Crash der „Neuen Heimat“. Tatsächlich, auch das ruft die Ausstellung ins Gedächtnis, machte das Unternehmen nicht nur wegen jahrelanger Korruption in seinen Vorstandsetagen bankrott, seine Misswirtschaft beruhte auf einem fragwürdigen Geschäftsmodell. Einem besinnungslosen Wachstumsfetisch, auch dafür liefert die Schau Anschauungsmaterial. Der Konzern investierte in abenteuerliche Projekte im Ausland, in Europa, in Israel, Afrika, Südamerika. Der Wohnungsbau, der die „Neue Heimat“ zu einem gesellschaftspolitischen Player hatte aufsteigen lassen, und den sie bis in die 70er Jahre im monumentalen Maßstab betrieben hatte, ließ sie mittlerweile am Wohnungsbedarf vorbeiproduzieren.

Daneben konzentrierte sich die NH auf den Bau öffentlicher Einrichtungen, errichtete Schulen, Schwimmbäder, errichtete Einkaufszentren, errichtete Krankenhäuser, errichtete Universitäten, errichtete Verwaltungsbauten. Ein ungeheurer Errichtungsdrang und Expansionsdrang, ein parvenühafter Imponierwille, die NH war erpicht auf Superlative, errichtete das Congress Centrum in Hamburg, das ICC in Berlin, in Frankfurt ein Bankgebäude.

1982, wie bereits erwähnt, der selbstverschuldete Zusammenbruch. Durch den Skandal, vom „Spiegel“ hartnäckig aufgedeckt, geriet der sozial motivierte und gemeinnützig finanzierte Wohnungsbau in Verruf – eine Hypothek bis heute, ausgerechnet in Zeiten des Wohnungsnotstandes in Deutschland.

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