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Stanley Kubrick am Set zu "2001: A Space Odyssey".

Stanley Kubrick im Filmmuseum

Der Wirklichkeit vorausgeträumt

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Im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt schwelgt eine grandiose Einzelausstellung in Erinnerungen an die Zukunft von Stanley Kubricks "2001"

Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ handelt nicht nur von geheimnisvollen Monolithen und ihrer unbekannten Kraft, er ist selbst ein Monolith der Filmgeschichte. Weder will seine Faszination abreißen noch scheint sein imaginatives Potenzial im Mindesten ausgeschöpft.

Wenn das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt diesem Klassiker fünfzig Jahre nach seiner Premiere nun eine Ausstellung widmet, ist das gleich ein mehrfaches Déjà-vu: Einige der prominentesten Exponate wie die berühmte „Starchild“-Figur waren hier schon 2003 bei der großen Kubrick-Schau zu sehen, die seither – als vermutlich langlebigste Schau der deutschen Museumsgeschichte – durch die Welt reist. Zugleich ist es aber auch eine Reise in die Gegenwart, wie sie Kubrick und sein Mitautor Arthur C. Clarke vorhergesehen haben.

Nehmen wir nur den sprachgesteuerten, scheinbar allwissenden Computer HAL, dessen unvergessliches Kameraauge leider im Original nicht erhalten ist und nur als getreuer Nachbau existiert. Ursprünglich nach der griechischen Göttin Athena benannt und mit einer Frauenstimme ausgestattet, lieferte er das Modell für die heute so beliebten digitalen Sprachsteuerungen. Erst vor wenigen Tagen begegnete ich bei Bekannten ihrer Nachfahrin, Amazons Lebens- und Einkaufshilfe Alexa.

„Alexa, wie viele Tage bis Ostern?“, fragte die fünfjährige Tochter des Hauses und bekam sofort die exakte Antwort. Wen kümmert es da, dass Alexa nicht nur ihr Wissen und die wohltemperierte Stimme mit Kubricks HAL gemeinsam hat? Unermüdlich lauscht das leuchtende Objekt allem, was in seiner Umgebung gesprochen wird. Und ebenso wie bei Kubrick kann niemand vorhersehen, was es mit diesem Wissen eigentlich im Schilde führt.

Die von Hans-Peter Reichmann und Tim Heptner kuratierte Ausstellung braucht die buchstäbliche Allgegenwart von „2001“ aber nicht noch einmal mit heutigen Produkten zu belegen. Allein das Design des kreisförmigen Schauraums umhüllt die raren Requisiten und Entwürfe verführerisch wie in einem Apple-Store. Aber wahrscheinlich sehen ja auch diese Elektronik-Boutiquen nur wegen „2001“ so aus, wie sie aussehen. Es ist ein unorthodoxes, aber lustvolles Ausstellungsdesign, das eine ungeheure Materialfülle zugänglich und erlebbar macht.

Ein Jahr vor der Mondlandung, die den Erfolg des Films noch einmal beflügeln sollte, hatte Kubrick ehemalige Nasa-Spezialisten wie Frederick I. Ordway III und Harry Lange (der die Raumschiffe konzipierte) mit Künstlern und namhaften Industrie-Designern umgeben. Einige der Requisiten wie die futuristische Hamilton-Armbanduhr waren beim Kinostart bereits zu kaufen – „2001“ ist auch ein Pionierwerk von Product Placement und Cross-Promotion. Gleichzeitig schöpfte Kubrick aus dem reichen Angebot der Midcentury-Avantgarde seiner Zeit; Arne Jacobsen etwa entwarf sein berühmtes Essbesteck AJ bereits 1957.

In seinem visionären Eklektizismus, der ebenso den Bogen zurück zu viktorianischem Kunsthandwerk und spätromantischer Sinfonik schlug, war Kubrick seiner Zeit wohl am meisten voraus: Er nahm die Postmoderne ebenso vorweg wie den heutigen Retro-Futurismus.

Angesichts der Qualität seiner Filmausstattung ist es ein Jammer, wie wenig Originale erhalten geblieben sind. Für Kubrick aber zählte stets das finale Endprodukt, der hochauflösende, noch immer unübertroffene 70mm-Film. Auch dieses vermeintlich obsolete Filmformat wird derzeit von Hollywood-Regisseuren wie Paul Thomas Anderson, Christopher Nolan und Quentin Tarantino wiederentdeckt – Kubrick-Fans allesamt.

Ein paar in der Ausstellung gezeigte Leuchtknöpfe etwa sind alles, was noch da ist von der gigantischen Zentrifuge, an deren ursprüngliche Größe zugleich eine Video-Rekonstruktion erinnert: Das monumentale Hochformat weist vom Foyer bis hinauf zur Ausstellung im dritten Stock. Geradezu lebendig wirkt das letzte komplette Kostüm der haarigen „Moonwatcher“, der von menschlichen Tänzern gespielten Affen des Filmanfangs. In Sichtweite zeigt ein Monitor jene hochauflösenden Dias der Landschaften Namibias, die bei den Studioaufnahmen vor und hinter die Figuren projiziert worden waren. Auch die Natur war ein Artefakt in Kubricks Gesamtkunstwerk.

Was freilich in verschwenderischer Fülle erhalten geblieben ist, sind Zeichnungen, Storyboards und Konzept-Gemälde. Die fein ausgeführten Weltraum-Impressionen des Malers Roy Carnon erinnern an den semi-wissenschaftlichen Realismus damals populärer Jugendbücher wie „Das neue Universum“. Doch welche Abstraktionsleistung gelang Kubrick und seinem Special-Effects-Künstler Douglas Trumball bei ihrer Übertragung ins Filmische? Der Lichtrausch verfehlte seine Wirkung auf die frühen Hippies nicht: Als „Der ultimative Trip“ bewirbt ihn in der Schau ein von Kubrick signiertes Filmplakat.

Zu den schönsten Entdeckungen zählen frühe, nicht realisierte Entwürfe von Außerirdischen aus der Hand von Christiane Kubrick. Die Witwe des Filmemachers ist eine sträflich unterschätzte Malerin. Man kennt ihre Gemälde aus der Ausstattung von „Eyes Wide Shut“, aber welch eine surreale Phantasie zeigt diese große Koloristin in diesen Aquarellen, die leider nur als Video-Montage in der Ausstellung laufen. Aber so ist es nun einmal mit diesem Film: Jedes Mal, wenn in seinen Hinterlassenschaften gestöbert wird, bekommt man eine Ahnung von dem, was noch zu heben ist.

Auf die vor einigen Jahren wiederentdeckten 16 Filmminuten, die Kubrick noch kurz vor der Premiere herausschnitt, wird man wohl noch lange warten müssen. So wie ja auch die Wirklichkeit Kubricks Vision noch immer hinterherläuft.

Im November 1968, noch vor dem deutschen Kinostart, brachte es der große Filmkritiker Wolfram Schütte auf den Punkt. Seine Rezension aus der Frankfurter Rundschau ist ebenfalls Teil dieser grandiosen Ausstellung: „Es wird Zeit vergehen, bis ein Mensch wirklich sehen kann, was Kubricks Phantasie im Kino der Wirklichkeit voraus geträumt hat.“

Deutsches Filmmuseum Frankfurt: Ausstellung bis 23. September. deutsches-filminstitut.de/filmmuseum/

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