„Ist es Migration“, so Umberto Eco, „dann hilft kein Ghetto mehr.“ Das Foto entstand in London.
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„Ist es Migration“, so Umberto Eco, „dann hilft kein Ghetto mehr.“ Das Foto entstand in London.

Migration

Wie wird man Europäer?

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen stehen an den Grenzen und fragen: „Wie wird man Europäer?“ Zwei alte Vorträge – von Cees Nooteboom und Umberto Eco – hervorgeholt und wieder gelesen, um unsere Gegenwart besser zu verstehen.

Am 17. November 1991 hielt der niederländische Autor Cees Nooteboom (geboren am 31. Juli 1933) in München, unweit vom Viktualienmarkt, einen damals von mir begeistert aufgenommenen Vortrag: „Wie wird man Europäer?“ Wenn ich jetzt, fast 25 Jahre später, den Vortrag lese – er erschien unter anderem 1993 in einem Edition-Suhrkamp-Bändchen, das denselben Titel trug –, dann gibt es etwas, das mit einem Schlag zeigt, wie sehr sich die Lage verändert hat.

Nootebooms wunderbarer Vortrag handelt von den Schwierigkeiten, wie aus Völkern und Nationen, die einander bekriegt haben, Europäer, also – bei allen Unterschieden – ein Volk werden kann. Jedenfalls eine Bevölkerung, die sich soweit verbunden fühlt, dass sie sich nicht mehr an die Kehlen springt, ja dass es vielleicht sogar möglich wird, dass nicht einer Herr sein muss, sondern dass die Völker Europas sich gleichberechtigt zusammenschließen.

Ich liebte die stürmische Zärtlichkeit, mit der Nooteboom – übersetzt von Helga van Beuningen – die europäischen Literaturen pries, mit denen er aufgewachsen war: „Bevor man selbst ein Wort geschrieben hat, hat man ihre Worte bereits gelesen, was man auch tut, könnte man ohne dieses Erbe nicht tun, das einzige, wozu man imstande sein wird, ist, nach den Worten von Octavio Paz, sich in die Tradition des Neuen einzureihen, Erbe in der endlosen Reihe anderer Erben, einer, der an dem unaufhörlichen Federkratzen und Murmeln teilhat, das nun schon seit fast dreitausend Jahren von diesem Kontinent aufsteigt, der fortwährende Diskurs, das Flüstern einzelner, der Dialog von Schulen, die Gedichte und Zeugnisse, von denen eines das Echo des anderen ist, der polyphone, hinreißende, sich selbst widersprechende Chor von Babylon, unser Chor.“

Schöner ist das nicht zu sagen. Ergreifender nicht und mobilisierender auch nicht. Es kann viel Schönheit in der scheinbaren Monotonie liegen. Philip Glass und Robert Wilson haben das gezeigt, Mark Rothko schaffte es, einzelne Farben zum Vibrieren zu bringen. So sehr mich die alle auch ergriffen, so war ich doch stets ein Liebhaber der Fülle. Die Vielstimmigkeit gehört zur Schönheit hinzu. Es gibt sie nicht ohne die Entfaltung der Gegensätze und Widersprüche. Vollkommen ist nur, das auch dem Unvollkommenen Raum lässt.

Wie eine Einladung

Davon spricht Nooteboom. Er besingt die Unterschiede, er besingt, dass sie zusammenfinden können in jedem einzelnen von uns, in einer ganz eigenen Verbindung, die nicht einfach das Resultat der verschiedenen Ingredienzen ist, die man hineingibt, sondern ganz wesentlich auch das Ergebnis der eigenen Arbeit und des Vergnügens, das die auch sein kann.

Europäer wird man in dieser Auseinandersetzung mit den anderen, in einem langen Verständigungsprozess, an dem nicht nur der Verstand, geschweige denn nur der politische oder ökonomische, beteiligt ist, sondern der ganze Mensch mit allen Sinnen. Mit seinen Vorurteilen und Macken, mit seinem Appetit auf die Welt oder mit seiner Verachtung für sie. Nooteboom erzählt konsequent von sich. Das wirkt wie eine Einladung, während seines Vortrages ihn ein wenig zu vergessen und an sich selbst zu denken. Wo der Dichter Nooteboom von den Dichtern der europäischen Vergangenheit sprach, da fiel mir die Fado-Sängerin Amália Rodrigues ein, von der ich in den fünfziger Jahren lernte, dass es Töne gab, die in keinem deutschen Musikfilm vorkamen. Die Moderne musste nicht cool, stromlinienförmig und abgeklärt sein. Es gab eine sehnsüchtige Moderne. So wird jeder der Zuhörer, animiert von dem großartigen Erzähler Cees Nooteboom, abgedriftet sein in eigene Erinnerungen und Hoffnungen.

Aber wo bleibt der Schlag? Was hat sich verändert? „Wie wird man Europäer?“ fragen sich nicht mehr die Europäer. Sie bilden sich ein, sie wären es, weil sie in einem europäischen Land zur Welt gekommen sind. Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen stehen an den Grenzen und fragen: „Wie wird man Europäer?“ Im 19. Jahrhundert sprach Heinrich Heine von der Taufe als Entrebillet in die europäische Kultur. Hundert Jahre später war klar: Die Taufe mochte für die Juden eine Eintrittskarte gewesen sein. Eine Aufenthaltsgenehmigung war sie nicht.

25 Jahre nach Nootebooms Vortrag geht es nicht mehr darum, dass aus in Europa Geborenen Europäer werden, sondern es geht darum, wie aus denen, die von außerhalb, zum Teil von sehr weit außerhalb, nach Europa kommen, Europäer werden können. Es geht darum, nicht nur, wie sie Europäer werden, sondern es geht auch um die Bedingungen, unter denen die in Europa Geborenen akzeptieren, dass die anderen auch Europäer geworden sind.

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Es ist merkwürdig, dass Nooteboom an keiner Stelle seines Vortrages auf diese Frage eingeht. Er war ja nicht nur Weltreisender, und längst gehörte die japanische Kultur, der Buddhismus, die Traditionen des Islam und Indiens, China und Lateinamerika ebenso zu seinem Assoziationsraum wie Cicero, der Heilige Franz, Dante und Proust. Die Frage stellte sich schon damals überall in Europa. Es gab nicht nur die Arbeitsmigranten. Es gab auch die kolonisierten Völker, deren Studenten, deren Künstler in die Hauptstädte der Kolonialherren zogen und dort sich und die Welt veränderten. „The Empire strikes back“ hatte die britische Literaturkritik angesichts von Naipaul, Rushdie und all der anderen festgestellt. Kein Wort darüber bei Nooteboom. Dafür, das Wissen darüber, dass Europa kein Selbstläufer ist, sondern der Europäer bedarf, um Europa zu werden.
Nehmen wir noch ein paar Seiten eines anderen Vortrags hinzu. Umberto Eco hielt ihn im Januar 1997 in Valencia. Er ist abgedruckt in dem Hanser-Bändchen „Vier moralische Schriften“, das 1998, übersetzt von Burkhart Kroeber, in München erschien.

Der italienische Gelehrte und Romancier rät uns, angesichts der im neuen Jahrtausend auf uns zukommenden Entwicklungen, zu begreifen, dass wir es in Europa nicht mehr mit Immigrationen zu tun haben. Wer emigriert und immigriert, der setzt sich ab von seiner Umgebung und sucht eine neue auf. Sein Überleben hängt von seiner Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit ab.

Es geht um Migration

Im 21. Jahrhundert, schreibt Umberto Eco im Jahre 1997, geht es nicht mehr um Immigration, sondern um Migration. Die Migranten verändern nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaften, in die sie kommen.

So, daran erinnert Umberto Eco, ist das Römische Reich untergegangen und – nach sehr viel Migrationen hin und her – Europa entstanden. „Migrationen sind wie Naturgewalten. Solange man es mit Immigrationen zu tun hat, können die Völker hoffen, die Immigranten in einem Ghetto zu halten, damit sie sich nicht mit den Einheimischen vermischen. Ist es Migration, dann hilft kein Ghetto mehr, und die Vermischung wird unkontrollierbar. Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die Dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will ... Hat es ein römisches Patriziertum gegeben, das nicht ertragen konnte, dass auch die Gallier und die Sarmaten und Juden wie Paulus cives romani werden durften und dass ein Afrikaner auf den Kaiserthron steigen konnte, wie es schließlich geschah? Nun, dieses Patriziertum haben wir vergessen, es ist von der Geschichte besiegt worden. Die römische Zivilisation war eine Mischzivilisation. Rassisten werden sagen, ebendeswegen sei sie zerfallen, aber das hat immerhin fünfhundert Jahre gedauert – ein Zeitraum, der, wie mir scheint, auch uns noch erlaubt, Projekte für die Zukunft zu machen.“

Der Untergang ist der Aufgang von etwas Neuem. Tatsächlich ist etwas Neues ja wirklich nötig. Einfach weiter Abendland spielen wie im vergangenen Jahrtausend, hat aus Europa ja nicht gerade einen Hort des Friedens gemacht. Boko Haram, der „Islamische Staat“ sind schrecklich, aber viele, viele Male schrecklicher waren unsere deutschen Groß- und Urgroßväter, als sie vor fünfundsiebzig Jahren Europa verheerten und die Europäer niedermetzelten.

Die entscheidende Lektion aber, die wir ihnen verdanken, ist, dass auch die schlimmsten Massenmörder der bekannten Weltgeschichte fähig waren, sich zu ändern. Sie waren das krumme Holz, aus dem der demokratischste Staat der deutschen Geschichte geschnitzt wurde – nachdem sie und ihr Herrenmenschenwahn gründlich zerschlagen worden war. Ohne Niederlage, ohne Katastrophe keine Befreiung. Ohne die Zerstörung Deutschlands kein neues. Wenn es möglich war, aus den Trägern des SS-Staates „Europäer“ zu machen, so gibt es keinen Grund, irgendeinen Erdenbürger davon prinzipiell auszuschließen.

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