"Leider sind die türkischen Journalisten extrem polarisiert und ideologisiert", erklärt Yavuz Baydar.
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"Leider sind die türkischen Journalisten extrem polarisiert und ideologisiert", erklärt Yavuz Baydar.

Ahvalnews

"Wir wollen exakt und ehrlich berichten"

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Die dreisprachige Internetplattform "Ahvalnews.com" will unabhängig und kritisch aus der Türkei berichten. Ein Gespräch mit Chefredakteur Yavuz Baydar.

Für alle, die an glaubwürdigen Nachrichten aus der Türkei interessiert sind, gibt es seit Anfang November eine dreisprachige neue Internetplattform, die nach eigenem Bekunden unabhängigen, kritischen Journalismus betreibt, wie er im Land wegen der Repression nach dem Putschversuch vom Juli 2016 nicht mehr möglich ist. Ahvalnews.com heißt sie.

Herr Baydar, warum haben Sie Ahval gegründet?
Es gibt international enormen Bedarf an einer englischsprachigen, glaubwürdigen, unabhängigen Webseite, um zu verfolgen, was in der Türkei vor sich geht. Auch in der arabischen Welt ist das Interesse groß. In der Türkei selbst ist die Unterdrückung freier Medien so massiv, dass die meisten Journalisten nicht in der Lage sind, kritische Inhalte zu veröffentlichen.

Außer zwei, drei kleinen oppositionellen Webseiten und Zeitungen gibt es keine unabhängigen Medien mehr. Die Türkei ist aber ein aufregendes, dramatisches Land voller interessanter Geschichten. Deshalb haben wir uns als türkische Journalisten im Exil zusammengetan, um den Bedarf zu decken.

Wie lange dauerten die Vorbereitungen für den Start von Ahval?
Wir brauchten vier Monate, um die Bedingungen mit dem Verleger zu diskutieren. Die Initiative ging sowohl von mir wie auch vom Verlag aus. Alles, was wir wollen, ist ehrlich und exakt zu berichten, ohne irgendeiner Aktivisten- oder Interessengruppe anzugehören.

Der federführende Verlag Al Arab Publishing ist ein arabisches Publikationshaus in London. Steht eine Regierung dahinter?
Nein. Es ist ein journalistischer Verlag aus Großbritannien, der auch die Webseiten Al-Arab und Arab Weekly betreibt. Die Eigentümer sind mit keinem Staat verbunden, völlig transparent und ausschließlich im Mediengeschäft tätig. Das war mir wichtig. Sonst hätte ich mich nicht auf das Projekt eingelassen. Wir haben ein ausreichendes Budget, um neun feste Redakteure und dazu auch noch freie Mitarbeiter zu bezahlen. Das ist genug, um unsere redaktionelle Unabhängigkeit zu garantieren. Die Redakteure leben außerhalb der Türkei, aber wir haben Kollegen in der Türkei, die uns zuarbeiten.

Ein privater Verlag muss Gewinne erzielen. Wie kann Ahvalnews profitabel sein?
Meine Pflicht als Journalist ist es, mit Genauigkeit, Fairness und Ausgewogenheit Nachrichten zu verbreiten und zu kommentieren. Finanzen und Marketing sind Sache des Verlegers. So ist es im seriösen Journalismus immer gewesen. Richten Sie Ihre Frage an den Verlag.

Es gibt schon einige exil-türkische Nachrichtenwebseiten wie Özgürüz („Wir sind frei“) von Can Dündar, Arti Gercek („Mehr als die Wahrheit“) aus Köln, die kurdische Plattform Firat („Euphrat“) und Online-Angebote der Gülenisten wie Turkish Minute. Wie unterscheiden Sie sich von denen?
Ahval ist ein zusätzliches Angebot. Pluralismus ist auch im Journalismus wichtig, auch in der Diaspora. Was uns von den anderen unterscheidet, ist unser Interesse an tiefgehenden, genau recherchierten Geschichten.

Ist investigativer Journalismus aus der Ferne überhaupt möglich?
Mit Zuarbeit aus der Türkei geht das. Es gibt dort einen Kern sehr dynamischer, mutiger, engagierter Journalisten, die für uns unter Pseudonym schreiben. Ein Schwerpunkt werden auch Berichte aus den Kurdengebieten Südostanatoliens sein, aus denen derzeit fast keine Nachrichten nach außen dringen.

Ist es überhaupt praktikabel, ein journalistisches Projekt ohne Newsroom zu betreiben?
Das geht im modernen Kommunikationszeitalter sehr gut. Wir können unsere Energien sogar weit besser einsetzen, als würden wir alle zusammen in einem Büro sitzen. Ilhan Tanir, der langjährige Washington-Korrespondent der Zeitungen „Cumhuriyet“ und „Vatan“, ist unser Chefredakteur für die englischsprachige Webseite.

Ich leite das Gesamtprojekt und halte mich zurzeit in Italien auf. Ergun Babahan, unser verantwortlicher Redakteur für die türkische Webseite, lebt in Montreal. Andere Redakteure sind in Deutschland. Trotz oder gerade wegen der Zeitunterschiede ist es ein gutes Modell. Einige schlafen, andere sind wach, so sind wir immer auf Sendung.

Und der Chefredakteur?
(Lacht) Der schläft nie.

Wie kommt Ihr Nachrichtenportal online an?
Sehr gut, wir sind jetzt in der zweiten Woche seit dem Start, und die Zahl der Leser übersteigt bereits 30 000 am Tag. Diese hohe Zahl ist keine Überraschung, wenn man den Hunger nach echten Nachrichten – und nicht den üblichen „fake news“ oder „selbstzensierten“ Berichten aus der Türkei – bedenkt. Wir haben ein herausragendes Team, darunter einige ausgesprochene Fachleute für unsere Kolumnen. Wir wollen beispielsweise aufdecken und berichten, wie es wirklich um die Wirtschaft der Türkei bestellt ist. Dafür haben wir ökonomische Experten außer- und innerhalb der Türkei gewonnen. Wir werden starke Inhalte produzieren.

Werden Sie bereits international wahrgenommen?
Es gab einige Berichte über uns, und wir sind schon von internationalen Medien zitiert worden, etwa mit unserem Bericht, dass der in New York angeklagte türkische Goldhändler und Iran-Embargo-Brecher Reza Zarrab von der US-Justiz als „aus dem Gefängnis entlassen“ aufgeführt wird. Ich komme gerade aus Cambridge, wo ich unser Projekt auf dem alljährlichen Kongress der britischen Medien vorgestellt habe – da waren die Chefredakteure von so wichtigen Organen wie „Financial Times“, „Telegraph“ und „Guardian“ versammelt. Sie zeigten sich sehr interessiert.

Werden Sie irgendwann ein festes Büro als Anlaufstelle haben?
Wir befinden uns derzeit im virtuellen Raum, aber wahrscheinlich in ein oder zwei Monaten werden wir auch ein festes Büro in London und ein zweites entweder in Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden beziehen.

Viele türkische Journalisten – auch oppositionelle Journalisten – sind untereinander zerstritten und feinden sich sogar an. Was ist der Grund dafür?
Leider sind die türkischen Journalisten extrem polarisiert und ideologisiert. Viele haben vergessen, was der wichtigste Grund dafür ist, ein Journalist zu sein: guten Journalismus zu machen. Der türkische Journalismus krankt daran, was ich „Nachbarschaftsmentalität“ nenne. Viele Journalisten definieren sich vor allem als Kemalisten, Gülenisten, Erdoganisten, Linke usw., und nicht als Journalisten. Aber ein Journalist sollte nur danach beurteilt werden, was sie oder er produziert. Nur das zählt. Sie werden sehen, dass wir viele interessante Stücke publizieren werden, und es werden rein journalistische Stücke sein, keine Propaganda.

Sie haben bereits am Tag nach dem Putschversuch die Türkei verlassen. Warum?
Wie viele andere Kollegen habe ich damals entschieden, so schnell wie möglich ins Exil zu gehen. Ich dachte am Tag nach dem Putschversuch: Egal, wer die Schlacht gewinnt, es werden am Ende wir Journalisten sein, die den Preis dafür bezahlen. Und genau so ist es gekommen.

Haben Sie derzeit Hoffnung für die Demokratie in der Türkei?
Leider nein. Die Krise wird andauern, weil es eine Systemkrise ist mit sehr vielen Facetten. Die Türkei hatte immer mit sehr vielen Problemen zu kämpfen, und all diese Probleme sind immer noch da, wie zum Beispiel die ungelöste Kurdenfrage.

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