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Ein Stück Integration? "Außen Kirche, innen Moschee", Kapernaum-Kirche wird zu Al Nour Moschee, heißt es in Hamburg. Im September soll Eröffnung sein.

Alltagsrassismus

"Wir laden das Kopftuch ideologisch zu sehr auf"

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Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur spricht im Interview mit der FR über deutsche Ressentiments, alltäglichen Rassismus und die Ignoranz gegenüber dem Reform-Islam, der den kulturellen Dialog sucht.

Frau Professor Amirpur, nach sieben Jahren Lehre in Hamburg sind Sie seit dem Sommersemester in Köln. Gut angekommen in der Heimat?
Ja, und das nicht nur, weil meine Familie hier lebt. Ich bin froh, dass ich mich endlich wieder anderen Fragen widmen kann als dem „Islam in Deutschland“. Darum ging es in meiner Hamburger Zeit ständig.

Warum sind Sie das Thema leid?
Wegen der öffentlichen Rolle, in die ich dadurch gedrängt wurde, und auch wegen der unendlich vielen „Dialogveranstaltungen“, zu denen ich als Angehörige der Akademie der Weltreligionen sehr oft eingeladen wurde. Eine zunehmend frustrierende Erfahrung.

Inwiefern?
Weil ich mich am Ende immer regelmäßig in der gleichen misslichen Position wiederfand. Sie müssen sich vorstellen, ich halte einen Vortrag von – sagen wir – 45 Minuten oder einer Stunde. Ich spreche über den Reform-Islam, mit dem ich mich überwiegend beschäftige, über Islam und Feminismus zum Beispiel, über Neuinterpretationen des Korans, pluralistische Textauslegung, Denker und Denkströmungen, die sich um die Vereinbarkeit von Islam und Moderne bemühen. Immer mit dem Tenor: Islam geht auch anders. Und die Reaktion der Zuhörer, meist durchaus gebildete Leute, ist: „Ja, aber in Sure 2 steht doch, tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet“. Oder: „In Sure 4 heißt es doch, die Männer stehen über den Frauen. Was sagen Sie dazu?“ Da habe ich mich dann gefragt: Wofür habe ich denn jetzt über historisch-kritische Koranlektüre geredet, über islamischen Feminismus und über Theologinnen, die solche Stellen anders deuten? Auf die Dauer kam mir das alles komplett sinnlos vor. Ich hatte permanent das Gefühl: „Du bist hier falsch! Ständig wollen dir die Leute deine Religion ausreden!“

Und das wollen Sie nicht zulassen? Sie könnten sagen: Religion ist Privatsache!
Nein, das geht nicht. Es ist für mich als Islamwissenschaftlerin, die nun mal zufällig auch Muslimin ist, unmöglich, das durchzuziehen und öffentlich gar nicht mehr über meine Religion zu reden. Ich kann und will mich ja meiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht entziehen. Aber das führt in solchen Debatten dazu, dass ich fast automatisch in eine Verteidigungshaltung falle. Je aggressiver und – Entschuldigung – dümmer ich attackiert worden bin, desto mehr dachte ich: „Du musst jetzt wenigstens mal sagen, so schlimm, wie ihr den Islam darstellt, ist er nicht, und wisst ihr was, bei euch Christen ist auch nicht alles toll.“ Dabei will ich genau das eigentlich nicht. Ich will den Islam gar nicht verteidigen. Ich weiß schließlich selber, was im Islam alles schlimm ist. 

Das klingt, als hielten Sie das Bemühen um Dialog für gescheitert.
Nein. Ich weigere mich nur, mich weiterhin mit einer Generation auseinanderzusetzen, die so in ihren vorgestanzten Schablonen denkt und lebt, dass wirklich jedes Bemühen vergeblich ist. Ich setze auf die Jugend und hoffe, dass wir endlich aus diesem unendlich langweiligen „Islam-Diskurs“ herauskommen, in dem wir seit 20 Jahren um dieselben Fragen kreisen – ohne irgendeinen Fortschritt. Im Gegenteil: In letzter Zeit fallen wir zurück hinter die Standards, die wir glaubten, erreicht zu haben. 

Woran denken Sie?
Ich könnte viele Beispiele nennen. Aber ich greife nur mal die Frage der Verschleierung heraus. Da ereifern sich manche Politiker jetzt wieder über die Burka und erklären sie zum Integrationshemmnis schlechthin, was nun völlig lächerlich ist. Keiner kann die Zahl der Burkaträgerinnen in Deutschland genau angeben, aber sicher sind es nicht sehr viele. Schon deshalb ist das ein Scheingefecht. Auch Feministinnen wie Alice Schwarzer kaprizieren sich ständig darauf und dehnen die Debatte gleich auf das Kopftuch aus. Dabei würde ich sagen: Es ist mit Blick auf Frauenrechte und die Stellung der Frau in der islamischen Welt etwas eher Nachrangiges. Wir laden das Kopftuch ideologisch zu sehr auf.

Wieso glauben Sie das?
Wenn morgen im Iran die Kopftuch-Pflicht fiele, würde der Westen vermutlich jubeln und das für ein unglaubliches Signal des Fortschritts halten. Quatsch! Die Iranerinnen würden sagen: „Wir haben echt wichtigere Probleme: das Sorgerecht, das Scheidungsrecht, Reisefreiheit… Ihr habt keine Ahnung, worum es eigentlich geht.“ In Deutschland wiederum werden junge Musliminnen als „Kopftuchmädchen“ vorgeführt und diffamiert. Das zeigt doch: Da geht es gar nicht um Frauenrechte, sondern das ist Teil eines Rassismus-Diskurses.

Rassismus war das Reizwort in der Erklärung, die Mesut Özil zu seinem Rückzug aus der Fußball-Nationalmannschaft gegeben hat. Hatte Özil also Recht?
Özil hat einen empfindlichen Punkt getroffen. Seit wir in Deutschland nicht mehr auf „die Türken“ zeigen können, weil viele Türkischstämmige inzwischen eingebürgert sind und ihren deutschen Pass haben, ist es jetzt eben „der Muslim“, der anders ist. Und der kann nicht eingebürgert werden. Irgendeine Form von „Othering“, wie das auf Englisch heißt, müssen wir in Deutschland offenbar betreiben. Das Gefühl, nicht dazugehören zu dürfen, würden alle, wirklich alle meine Studierenden aus eigener Erfahrung bestätigen. Einzig und allein aufgrund der banalen Tatsache, dass sie eine andere Religion haben. Das gilt selbst für Muslime, die nicht durch ihr Aussehen „muslimisch markiert“ sind, die Kinder deutschstämmiger Konverten zum Beispiel – blond, blauäugig, aber eben Muslime und damit auch als Deutsche draußen. Diese jungen Leuten sagen mir: „Wir begreifen nicht, warum wir angegriffen werden, nur weil wir etwas anderes glauben.“

Vielleicht weil es Vorbehalte gegenüber einer Religion gibt, an deren Vereinbarkeit mit den Werten des Grundgesetzes und den Errungenschaften einer modernen, pluralen und säkularen Gesellschaft berechtigte Zweifel bestehen. 
Das Christentum in seiner Reinform ist auch nicht kompatibel mit Demokratie und Moderne. Deshalb gab es ja die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat, die Entwicklung einer biblischen Hermeneutik. Aber das alles gibt es im Islam eben auch. Nur kauft man das den Muslimen nicht ab. Man traut ihnen nicht zu, dass sie einen modernen Islam leben, und man traut ihren Beteuerungen nicht, dass sie für einen Reform-Islam stehen – und häufig nur, weil sie zum Beispiel ein Kopftuch tragen. Was mit Blick auf meine Studentinnen nachgerade absurd ist. Es sind doch gerade diejenigen, die islamische Theologie studieren und Religionslehrerinnen werden möchten, weil sie etwas verändern wollen. Wer gerade dieser Gruppe die Zugehörigkeit verweigert, schließt sie nicht nur aus dem Diskurs aus, sondern nimmt ihnen den Raum, in dem sie diese Gesellschaft zum Positiven verändern könnten. Das ist also doppelt kurzsichtig und borniert. 

Glauben Sie an eine positive Entwicklungsperspektive?
Ich dachte immer, es sei eine gute Idee, dass der religiöse Analphabetismus aufhört, dem wir in Deutschland leider ausgesetzt sind. Die muslimischen Kids haben überwiegend doch selber keine blasse Ahnung von ihrer Religion, weil schon ihre Eltern die nicht hatten. Deshalb gehen sie ins Internet, werden bei Imam Google fündig, wo Leute wie Pierre Vogel vom „wahren Islam“ schwadronieren. Die Mechanismen, wie junge Muslime fundamentalistisch angefixt werden, liegen so offen zutage und sind leider so nachweisbar, dass es einen gruselt. Die Salafisten fluten das Internet nun einmal ganz anders als Reform-Muslime. Dem sollten wir mit solider religiöser Ausbildung begegnen. Und da hatte ich schon die Hoffnung, dass die Weichen insgesamt in eine gute Richtung gestellt seien. Inzwischen sagt die Integrationsforscherin Naika Foroutan, Deutschland sei in einer präfaschistischen Situation. Holla, die Waldfee! 

Sie stimmen ein in diesen Alarmruf?
Wenn ich die Dinge schonungslos betrachte, muss ich aus eigenem Erleben sagen: Der Alltagsrassismus ist so häufig und scheinbar so normal, dass er mir manchmal nicht einmal mehr auffällt. 

Was müsste Ihnen auffallen?
„Sie sprechen aber gut Deutsch!“ Was meinen Sie, wie oft ich diesen Satz immer noch höre. Mir liegt dann immer ein „Danke, Sie auch!“ auf der Zunge. Als unsere Tochter in der katholischen Grundschule einen Lesewettbewerb gewann, wurde das anmoderiert mit den Worten: „Wir sind besonders stolz darauf, dass ein Kind aus einer Migrantenfamilie Platz eins belegt hat“. Hallo? Ich weiß: Das war ja nett gemeint. Das sollte ein wahnsinnig freundliches Kompliment sein. Aber diese „Migrantenfamilie“ lebt in der dritten Generation in Deutschland. Mein Gott, ja, das Kind hat dunkle Haare und heißt nicht so, wie man in Deutschland normalerweise so heißt. Aber wenn es einen Lesewettbewerb gewinnt, dann ist das für die Schule kein Anlass zum Stolz, sondern sollte etwas Stinknormales sein. Stattdessen werden wir dazu beglückwünscht, dass wir nach 60, 70 Jahren in Deutschland doch tatsächlich in der Lage sind, unfallfrei zu sprechen und gerade Sätze zu schreiben. Wahnsinn! Das macht etwas mit einem. 

Was denn?
Auch dafür ein Beispiel: Als unsere Tochter beim Schüleraustausch in den USA gefragt wurde, wo sie herkommt, hat sie tatsächlich gesagt, „ursprünglich aus Iran“. – „Oh“, hat der Lehrer gesagt, „wann hast du Iran denn verlassen?“ – „Gar nicht, weil ich in Deutschland geboren bin.“ – „Oh, und wann hat deine Mutter Iran verlassen?“ – „Gar nicht, weil sie in Deutschland geboren wurde.“ – „Oh, und dein Vater?“ – „Er ist auch in Deutschland geboren.“ Da hat der Lehrer unsere Tochter angeschaut und völlig verständnislos gefragt: „Und wieso sagst du dann, du seiest aus Iran?“

Gute Frage. Warum hat sie nicht gesagt, ich bin Deutsche?
Weil sie sich den Schuh „Migrationshintergrund“ dermaßen angezogen hat. „Ja, aber der Opa und die Oma, die sind doch aus Iran…“. Das sind alles Zuschreibungen von außen, die zu Ausgrenzungen führen. Von sich aus will ein Kind doch dazugehören. Wenn ich mit unserer Tochter auf dem Schulhof Persisch gesprochen habe, hat sie gesagt, „Mama, lass das! Das ist peinlich. Ich bin Deutsche.“ Wenn man aber immer und immer wieder gesagt bekommt, „du bist anders“, dann sagt man sich irgendwann: „Okay, wenn ihr es so haben wollt, dann bin ich eben anders, und ich bin auch noch stolz darauf. Und jetzt könnt ihr mich alle mal.“ Aus Trotz.

Jetzt haben Sie sich aber in Rage geredet – eigentlich wollten Sie doch sagen, dass in Köln mit der neuen Stelle alles besser wird. 
Na ja, alles… Aber das Design meiner Professur betrachte ich als großen Gewinn: Islamwissenschaft mit dem Schwerpunkt persisch-sprachige Länder. Das ist natürlich in der Hauptsache Iran. Aber es gehören auch Afghanistan und Tadschikistan dazu. Und dann sind auch die schiitisch orientierten Länder der Region, sprich: Libanon, Irak, Bahrain. In meinem Fall könnte man das Ganze schlicht Iranistik nennen. 

Und der Islam muss da – streng genommen – gar nicht vorkommen?
Klassischerweise bezieht sich das Fach Islamwissenschaft, auch wenn es so heißt, nicht nur auf den Islam als Religion. Man könnte ein gesamtes Curriculum ohne den Islam aufstellen. Unser Studiengang heißt denn auch mit Bedacht „Sprachen und Kulturen der islamischen Welt“. 

Damit ist dann ein geografisch-kultureller Raum gemeint?
Ja, und deshalb kann ich zum Beispiel ein Seminar über religiöse Minderheiten in Iran anbieten, in dem dann Zoroastrier, Christen, Juden, Bahais und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften Thema sind. Das soll aber nicht heißen, dass der Islam aus meiner Arbeit in Köln verbannt wäre. Wir haben an der Uni zum Beispiel eine – das kann man sagen – weltweit einzigartige Schia-Bibliothek. Seit den 1960er Jahren wurde hier alles gesammelt, was mit dem Glauben und Leben der Schiiten zu tun hat. Besonders wertvoll ist die Handschriftensammlung. Sie enthält Exemplare, die man sonst nirgends findet, nicht einmal im Iran oder im Irak. Aber auch der Bestand der Sekundärliteratur ist fantastisch. Gerade die deutsche Islamwissenschaft hat den Islam traditionell sehr stark aus sunnitischer Perspektive betrachtet. Das hat mit den engen Kontakten zum früheren Osmanischen Reich zu tun, durch die man vornehmlich an die sunnitischen Quellen kam. Der schiitische Islam war und ist demgegenüber eher ein Blindfleck. Weniger im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Da stand der schiitische Islam seit der iranischen Revolution vielleicht sogar im Vordergrund. Aber was die Quellenforschung anbelangt, wird der schiitische Islam immer noch stiefmütterlich behandelt. Deswegen würde ich den Schatz, den wir mit unserer Bibliothek haben, unseren Studierenden, aber auch der internationalen Forschung gern besser erschließen. Derzeit muss man noch in Karteikästen blättern, um zu wissen, was wir alles im Bestand haben. Das ist natürlich keine Option, wenn man Wissenschaftler aus aller Welt interessieren will. Ein digitaler Katalog ist nun im Entstehen begriffen. 

Ein Langzeitprojekt!
Mit Sicherheit – und ein kostspieliges Unternehmen. Übrigens bin ich erstaunt und erfreut zugleich, wie viel an der Kölner Uni in Richtung Iran läuft und wie groß das Interesse am Austausch ist. Schon bevor ich meine Stelle antrat, schrieb mich der Leiter des „International Office“ der Universität an. Er habe einen „Runden Tisch Iran“ zusammengetrommelt, wo alle versammelt sind, die sich an der Kölner Universität mit dem Land beschäftigen: Geografen, Sprachwissenschaftler, ganz unterschiedliche Fachgebiete. Die Universitäten in Teheran oder Isfahan sind sehr an Kooperationen interessiert, und die Uni Köln lässt sich bisher auch nicht durch die Drohgebärden von Donald Trump abschrecken, die sich im akademischen Sektor bereits richtig krass auswirken. 

Wie denn?
Als die Hochschulrektorenkonferenz jüngst zum Thema Iran tagte, wurde aus verschiedenen Universitäten berichtet, sie bekämen Ärger mit den Amerikanern, die sagten: „Also, wenn ihr weiter mit den Iranern kooperiert, dann arbeiten wir nicht mehr mit euch.“ Aus Köln ist ein Team der Uni im März nach Iran gefahren, um Nachwuchs-Forschern dabei zu helfen, wie man Förderanträge für Deutschland schreibt. Das ist ein vom DAAD unterstütztes Programm, das jedes Jahr einem anderen Land gilt, 2018 ist das eben Iran. Bei einem zweiten Termin im Oktober werde ich dann auch dabei sein, um die Arbeit zu unterstützen. 

Interview Joachim Frank

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