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"Wir waren keine typischen Diaspora-Juden", sagt Michael Wolffsohn, "wir versteckten und duckten uns nicht."

Michael Wolffsohn

"Wir Juden sind da mittendrin"

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Der Historiker Michael Wolffsohn feiert heute seinen 70. Geburtstag: Gespräch über ein Leben als deutscher Jude, über unterschiedliche Lernprozesse und über die Entwicklungen in Deutschland.

Herr Wolffsohn, Sie waren der erste Jude, der mir erklärte: Ich bin deutscher Jude. Das war vor 35 Jahren.
Ich war schon in Israel ein deutscher Jude. Meine Eltern waren beide deutsche Juden. Auch meine Großeltern. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen. Hebräisch lernte ich auf der Straße von meinen Spielkameraden. In Tel Aviv lebten die urbanen Juden. Sie galten in den Augen der damals herrschenden zionistischen Ideologie, die den wehrhaften landwirtschaftlichen Pionier propagierte, als Israelis zweiter Klasse. Dann noch die Auswanderung aus Israel – das war schon fast ein Kainsmal.
 
Mit dem kamen Sie nach Deutschland in eine jüdische Gemeinde, die sich ihres Status keineswegs sicher war.
Man muss da unterscheiden. Heinz Galinski, der erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins, mein langjähriger Gegner, vor dem ich heute große Achtung habe, hatte schon 1950 gegen den Widerstand sowohl der israelischen Regierung als auch der Jewish Agency erklärt, „dass wir uns nicht vorschreiben lassen, wo wir zu leben hätten“. Das war revolutionär und unglaublich mutig.
 
 

Was war mit den anderen deutschen Juden?
Es gab keine mehr. Gerade mal etwa 3000 hatten in Deutschland den Holocaust überlebt. Die Juden, die damals in Deutschland lebten, waren aus dem Osten gekommen. „Displaced Persons“ – in der Hochphase waren das kurz nach Kriegsende mehr als eine halbe Million Menschen. Von denen blieben etwa 30. 000 hier. Sie bildeten nach dem Krieg die Mehrheit der Juden in Deutschland. Das waren keine deutschen Juden. Sie wurden erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte heimisch, doch Deutschland nie ihre Heimat. Es ist kein Wunder, dass Sie kaum einen kannten, der erklärte, er sei deutscher Jude.

Sie waren nicht nur in Tel Aviv geboren, sondern Sie waren auch Israeli.
Das zionistische Ideal des stolzen und wehrhaften Juden hatte mich, obwohl ich schon 1954 nach Berlin kam, sehr geprägt. Ich hatte niemals das Gefühl, mich bei irgendjemandem entschuldigen zu müssen. Das war ein Stück nicht nur Wolffsohn’schen, sondern eben auch israelischen Selbstbewusstseins. Wir waren keine typischen Diasporajuden. Jedenfalls nicht so, wie die zionistische Propaganda sie zeichnete und wie ich sie immer wieder antraf. Wir duckten und versteckten uns nicht. In der ersten Nachkriegszeit war das dominante diasporajüdische Verhalten ganz anders. Es hieß: nur nicht auffallen. Jude war man in der jüdischen Gemeinde, in der jüdischen Gemeinschaft. Nicht in der Öffentlichkeit.

In der Entwicklung der Haltung der Deutschen zum Staat Israel und zu den Juden spielt der israelische Sieg im Sechstagekrieg im Juni vor fünfzig Jahren eine wichtige Rolle.
In der Neuen Linken begann man den Zionismus als Variante des Kolonialismus zu sehen. Er wurde nicht mehr wie zuvor als sozialdemokratischer, genossenschaftlicher oder sozialistischer – siehe zum Beispiel die Kibbuzbewegung – Gesellschaftsentwurf betrachtet. Wichtig wurde dieser Perspektivwechsel erst im Zuge des 68er-Marsches durch die Institutionen. Vor allem aber spielte die internationale Entwicklung eine Rolle. Da ist die Resolution der UN-Generalversammlung vom 10. November 1975, die den Zionismus zu einer Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung erklärte. Sie wurde erst 1991 widerrufen. Für die Abkühlung des deutsch-israelischen Verhältnisses spielten die Äußerungen des israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin im Jahre 1981 sicher auch eine Rolle. Begin sprach von der deutschen Kollektivschuld und über Helmut Schmidt erklärte er, der sei ein loyaler Offizier Hitlers gewesen, und er, Begin, wüsste gerne, was Schmidt mit den Juden an der Ostfront getan hatte. Seit damals ist Israel kontinuierlich in der deutschen Öffentlichkeit einer der drei weltweit unbeliebtesten Staaten.
 

Warum?
Es kreuzten sich da zwei Lernprozesse. Die Mehrheit der Deutschen hat eine Lehre gezogen aus der deutschen Geschichte, aus zwei verlorenen Weltkriegen, aus dem Holocaust: nie wieder Täter. Gewalt darf kein legitimes Mittel der Politik sein. Die jüdische Lehre aus dem Holocaust lautet: nie wieder Opfer. Darum geht Israel, geht wohl die Mehrheit der Israelis davon aus, dass sie Gewalt, auch präventive Gewalt, anwenden müssen, um nicht vernichtet zu werden. Beide haben aus ihrer jeweiligen Perspektive die einzig richtige Schlussfolgerung gezogen. Gerade darum kommen sie nicht zueinander. Allerdings sind die diasporajüdischen und die israelischen Vorbehalte gegenüber Deutschland deutlich geringer als die deutschen gegenüber Israel. Um die 20.000 Israelis sollen derzeit in Berlin leben. Sie mögen wohl auch den zivilen Charakter der deutschen Gesellschaft, ihre Liberalität.

Wird Deutschland so bleiben?
Nein. Ich bedaure das, aber man muss den Tatsachen ins Auge schauen. Da sind die AfD, Pegida, der Rechtsextremismus nicht nur in der Bundeswehr. Darüber wurde ja in der Presse erst einmal hinweggegangen. Stattdessen wurde der Verteidigungsministerin vorgeworfen, sie stelle sich nicht vor die Truppe. Die Generäle spielen beleidigte Leberwurst. Grotesk. Daneben gibt es den Fundamentalprozess, in dem sich ganz Westeuropa befindet: die Immigration. Das wird zu einer Radikalisierung beider Seiten führen. Bei uns gewachsener, islamistischer Terror und rechtsradikaler, islamfeindlicher Terror werden einander hochschaukeln. Wir Juden sind da mittendrin.
 
Wir – das sind vor allem Immigranten aus der untergegangenen Sowjetunion. Sitze ich dem letzten deutschen Juden gegenüber?
Das deutsche Judentum, in das ich vor siebzig Jahren in Tel Aviv hineingeboren wurde, das war damals ja in Deutschland und Europa schon vernichtet worden. Ein paar Jahre konnten wir glauben, es würde hier wiedererstehen. Aber bald war deutlich, dass so wie Deutschland – zu unserem Glück – nicht so wiedererstand, wie es einmal gewesen war, so werde auch das alte deutsche Judentum nicht wieder zurückkommen. Seit dem Ende der Sowjetunion entsteht hier in Deutschland wieder ein anderes, neues deutsches Judentum. Die Epoche des deutschen Juden, als der ich mich Ihnen vor 35 Jahren vorstellte, ist zu Ende. Die Wolffsohns, die Schoeps’ und wie sie alle heißen, sind lebende Tote. Als Historiker weiß ich, dass nach einem Untergang etwas Neues kommen wird. Sehen Sie sich nur an, wer alles von diesen aus Russland kommenden, in Deutschland lebenden Juden, heute Bücher schreibt, Musik macht und malt. Sie bereichern die deutsche Kultur jetzt schon und sie werden das weiter tun. Wenn die sie weiter aufnimmt und sich nicht von AfD, Pegida und Islamisten arm und dumm machen lässt.

Interview: Arno Widmann

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