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KI

"Wir brechen in eine neue Ära auf"

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Accenture-Cheftechnologe Paul Daugherty spricht im Interview mit der FR über die Chancen künstlicher Intelligenz und das, was Menschen besser als Maschinen können.

Künstliche Intelligenz verunsichert viele Menschen. Übernehmen die Maschinen die Welt, stehlen sie uns die Arbeit?, fragen sie sich. Unsinn, sagt Paul Daugherty. Er ist Vorstandsmitglied und Cheftechnologe von Accenture. Die größte Technologie- und Unternehmensberatung der Welt hilft Unternehmen bei der digitalen Transformation. Im Interview spricht Daugherty über die größten Missverständnisse rund um künstliche Intelligenz und warum die Beschäftigten künftig bei der Arbeit sogar glücklicher sein könnten.

Mr. Daugherty, Sie sagen, dass es rund um die künstliche Intelligenz viele Missverständnisse gebe. Was sind die gängigsten?
Unsere Botschaft ist, dass wir glauben, dass die Menschheit in eine Ära gesteigerter menschlicher Fähigkeiten aufbricht. Eine Ära, in der sich Mensch und Maschine gegenseitig beflügeln. Und in der wir mehr Menschlichkeit in der Wirtschaft sehen werden. Für uns ist deshalb das größte Missverständnis über künstliche Intelligenz, dass das Gegenteil passieren wird. Dass künstliche Intelligenz schlecht für die Menschen sein wird, dass sie uns in allen Belangen überlegen sein wird, dass sie uns die Jobs wegnimmt, dass sie die Welt erobert. Diese Horrorszenarien haben viel unnötige Angst ausgelöst. Doch statt uns zu fürchten, sollten wir die neue Technologie umarmen.

Gab es weitere Missverständnisse?
Wir waren besorgt darüber, dass die künstliche Intelligenz von den Unternehmenslenkern nur als Werkzeug zur Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung verstanden wird. Wir sehen die Technologie hingegen als neue Plattform, um Geschäfte auszuweiten, neue Geschäftsmodelle zu schaffen und das Wachstum ankurbeln zu können.

Die Prognosen darüber, ob die Digitalisierung zu mehr Jobs oder zu weniger Jobs führen werden, gehen weit auseinander. Was ist Ihre Annahme?
Seit Einführung der Dampfmaschine waren mit jeder neuen Technologie Sorgen verbunden, dass die ganze menschliche Arbeit eliminiert würde. Wir versagen stets darin, zu erkennen, welche Fähigkeiten wir durch neue Technologie erwerben, wie das unsere Arbeit verändert und wie neue Produkte entstehen. Das ist der Grund, warum wir glauben, dass künstliche Intelligenz sogar zusätzliche Arbeit erzeugen wird. Wir haben nur noch nicht die Sprache, um die Arbeit der Zukunft zu beschreiben.

Unzweifelhaft werden aber Aufgaben von Maschinen übernommen werden. Welche Aufgaben sind das?
Maschinen sind stark im Abarbeiten von Routineaufgaben, in der Erkennung von Mustern und der Analyse von Daten. Menschliche Stärken sind Kommunikation, Kreativität und Gefühle. Mensch und Maschine sind also sehr unterschiedlich. Und diese Eigenschaften lassen sich kombinieren. In fast jedem heutigen Job gibt es Dinge, die ein Algorithmus besser erledigen kann als ein Mensch. Das sind oft auch die Aufgaben, die Menschen gar nicht so gerne machen. Das verändert die Aufgaben, aber es wird für Menschen weiterhin genug zu tun geben.

Sie haben den Ausdruck die „Fehlende Mitte“ geprägt. Was passiert in der „Fehlenden Mitte“?
Die „Fehlende Mitte“ ist der Bereich, in dem Maschine und Mensch künftig eng zusammenarbeiten werden, sich mit ihren jeweiligen Stärken unterstützen. Das Konzept betont, dass Menschen ein integraler Bestandteil der KI-Zukunft sind. Wir brechen sogar in eine Ära der humanisierten Wirtschaft auf. Das ist von fundamentaler Bedeutung, damit Unternehmenslenker den Menschen in ihre Konzepte integrieren, wenn sie betriebliche Prozesse neu denken. Sie würden sonst ihrem Unternehmen schaden und auch keine Investitionen mehr in Menschen tätigen. 

Wie arbeiten also Menschen und Maschinen in der Zukunft zusammen?
Der Mensch wird in Zukunft der Maschine helfen und sie beaufsichtigen. Er übernimmt ihr Training, damit sie das macht, was sie soll. Er erklärt ihre Ergebnisse und er trägt zu ihrem Erhalt bei. Die Maschine wiederum verstärkt das Wissen und die Intuition des Menschen, indem sie ihm Daten und Analysen zur Verfügung stellt; über neuartige Benutzerschnittstellen interagiert sie mit ihm, und sie verkörpert physische Eigenschaften, die die menschlichen Fähigkeiten erweitern. Ein klassisches Beispiel dafür ist schweres Heben. Die Maschinen verleihen dem Menschen also Superkräfte.

Machen Sie das bitte mal plastisch.
Nehmen Sie das Beispiel von Bankmitarbeitern, die dafür zuständig sind, Geldwäsche zu verhindern. Sie wühlen sich mühsam durch abertausende von Geldtransaktionen. In Zukunft erhalten sie keine ellenlangen Listen mit Überweisungen mehr, die Maschinen werden ihnen direkt verdächtige Muster liefern. Die Mitarbeiter können sich dann um die Aufklärung des Sachverhalts kümmern, was vermutlich auch mehr Spaß macht. Das wird ihre Produktivität massiv verbessern. Ein anderes Beispiel sind Menschen, die Geräte warten. Wenn die künstliche Intelligenz mit Hilfe einer Kamera erkennt, woran sie gerade arbeiten, müssen sie nicht mehr in Handbüchern nachschlagen, sondern bekommen direkt vom Computer Hilfestellungen. Das erleichtert die Arbeit enorm. 

Wird der Angestellte der Zukunft glücklicher sein als der heutige Angestellte?
Das hängt sehr stark davon ab, wie wir künstliche Intelligenz anwenden werden. Wir haben als Führungskräfte sehr viele Entscheidungen zu treffen, um das richtig zu machen. Wir können uns zu Sklaven der Technologie machen, wenn wir die Prozesse von der Maschine aus denken, oder wir nutzen das Potenzial der künstlichen Intelligenz für Prozesse, die besser an den Menschen angepasst sind. Das wird die Jobzufriedenheit erhöhen. Wir sehen das zum Beispiel in Callcentern: Statt einem Anrufer einfach Auskunft zu seinem Konto zu geben, geht es in Banken jetzt vermehrt darum, dem Kunden bei echten Problemen zu helfen. Die wahren Fähigkeiten der Menschen kommen mehr zum Tragen. In unseren Untersuchungen bei 1500 Unternehmen weltweit haben zwei Drittel der Beschäftigten die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf ihren Arbeitsalltag positiv eingeschätzt.

In Ihrem Buch erwähnen Sie das Beispiel einer Software, die Designvorschläge gemacht hat für einen Stuhl. Ist das ein Beispiel dafür, dass Maschinen auch Kreativität ersetzen können?
Da muss man erklären, was Kreativität in diesem Fall meint. Der Designer hat der Maschine den kreativen Input gegeben, ihr gesagt, was er gerne haben möchte, die Maschine hat ihm dann Millionen Vorschläge gemacht, wie man das umsetzen könnte. Sie hat Varianten präsentiert, auf die der Designer nie gekommen wäre. Auf der Basis dieser Inspirationen hat der Designer das Produkt verfeinert und perfektioniert. Er hat seine eigene Kreativität und seinen menschlichen Sinn für Design eingebracht. Das Ergebnis war ein preisgekrönter Stuhl.

Man könnte den Designer aber auch einfach nur als jemanden verstehen, der darüber wacht, welches Computerdesign in Zukunft den Weg zum Konsumenten findet. Und ein solcher Torwächter könnte unschwer entfernt werden. Dann sucht sich der Kunde einfach selber aus, welches Stuhldesign er am liebsten mag – zumal neue Produktionsmethoden auch die Herstellung von sehr kleinen Stückzahlen ermöglichen.
Für sehr rudimentäre Design-fragen, zum Beispiel ein Teil, das in eine Maschine passt, ist das vorstellbar. Da geht es mehr um Konstruktion. Ansonsten denke ich, werden wir sogar eine Explosion der Nachfrage nach Designern sehen. Denn digitale Technologie und die Veränderungen, die sie hervorbringt, ermöglichen und verlangen geradezu danach, wirklich neue, großartige Erlebnisse für Menschen zu kreieren. 

Was empfehlen Sie Führungskräften, die künstliche Intelligenz so einsetzen wollen, dass es gut ist für ihr Unternehmen und ihre Beschäftigten?
Erstens: Geisteshaltung. Die Führungskräfte müssen die Art und Weise, wie im Unternehmen gearbeitet wird, ganz neu denken. Wenn sie künstliche Intelligenz nur scheibchenweise einsetzen, steigern sie ihre Ergebnisse kaum. Dann lohnt sich eine Investition fünf Mal weniger, als wenn sie entschlossen vorgehen. Zweitens: Es muss im Unternehmen eine Kultur des Experimentierens etabliert werden. Sie müssen lernen, ausprobieren, feinabstimmen. Drittens: Verantwortungsvoll mit künstlicher Intelligenz umgehen. Jede Organisation sollte einen KI-Zuständigen haben, der sich dafür einsetzt, dass ethische Fragen geklärt und respektiert werden. Viertens: Daten. Nur wenn sie gute Daten haben, haben sie eine gute künstliche Intelligenz. Das ist eine große Herausforderung für viele unserer Kunden. Fünftens: Qualifikation. Künstliche Intelligenz ist in erster Linie eine Investition in Menschen. Sie müssen ihre Mitarbeiter weiterbilden. Bei Accenture investieren wir 60 Prozent der Einsparungen, die wir mit künstlicher Intelligenz erzielen, in die Qualifizierung unserer Mitarbeiter. Damit wir kontinuierliches Lernen sicherstellen.

Wird Deutschland von künstlicher Intelligenz profitieren können – oder werden das Silicon Valley und China den Ton angeben?
Deutschland ist in einer sehr interessanten Position. Das Land hat einige Merkmale, die es in eine sehr starke Ausgangslage für künstliche Intelligenz bringen. Wenn man sich die Ausbildung anschaut, wenn man sich die Forschung ansieht, die Art der industriellen IT-Technologie, dann erkennt man ein großes Potenzial. Wenn es um die Kreation von Algorithmen für künstliche Intelligenz geht, sind Deutschland und einige der Schweizer Universitäten weltweit führend. Es mangelt nicht an Wissen über Algorithmen, es mangelt aber noch am systematischen Einsatz von Daten. Wir glauben, dass die Produktivität mit künstlicher Intelligenz steigen wird. Wenn Deutschland es richtig macht, werden ausgelagerte Wertschöpfungsketten ins Land zurückkehren und zusätzlich neue Jobs in der „Fehlenden Mitte“ entstehen. Deutschland könnte letztlich sogar zu wenig Arbeitskräfte haben.

Interview: Daniel Baumann

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