Musik

Winterreise im Unbewohnbaren

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Oliver Augst und Marcel Daemgen versetzen Schuberts Werk in die Kälte der Gegenwart

Sechs der 24 Gedichte fehlen, und gelegentlich gibt es leichte Veränderungen im Text. Aber das macht nichts. Die Post kommt schließlich heute ohne Horn daher, und man braucht keine Wetterfahne mehr, um zu wissen, woher der Wind weht. Die „Winterreise“, die Oliver Augst und Marcel Daemgen aus Wilhelm Müllers Gedicht- und Franz Schuberts Liedzyklus gemacht haben, erscheint sehr heutig und durchaus komplett.

Franz Schuberts „Winterreise“ ist ein Epoche machendes Werk der europäischen Musikgeschichte. Ian Bostridge, Tenor, der dem Werk vor fünf Jahren ein großartiges Buch widmete, bezeichnete es in britischer Untertreibung als „erstes Konzeptalbum der Musikgeschichte“, aber es ist noch viel mehr. Das beweisen zahllose Interpretationen, Re-Kompositionen und eine ganze Bibliothek voll Sekundärliteratur.

Wer die „Winterreise“ als klavierbegleiteten Tenor-Auftritt gespeichert hat, kann sich hier einen alternativen Eindruck verschaffen. Die Arrangements in der Version von Augst und Daemgen stammen aus der Zeit nach dem Ende der analogen Ära: Strukturiert von synthetischen Beats, elektronisch instrumentiert und sparsam, imitieren sie nichts Vertrautes und kommen weitgehend ohne Zitate aus. Von Schuberts Komposition bleiben der größte Teil der melodischen Gestaltung und der gesangliche Duktus.

Alexandre Bellengers elektrische Gitarre entwirft keine zusammenhängenden Klanglandschaften, sondern arbeitet eher wie eine Eisensäge. Oliver Augsts Bariton erspart dem Hörer die kunstreichen Artikulationen eines konventionellen Liederabends, bleibt jedoch souverän artikulierend in absichtsvoller Nähe zu dem, was man „Originalklang“ nennen könnte, wenn es das in Interpretationen der Gegenwart gäbe. So entsteht keine anheimelnde Wiederbegegnung mit Bekanntem, sondern ein Spannungsverhältnis auf der Basis eines reflektierten historischen Resonanzraumes.

Der Schauplatz dieser „Winterreise“ ist nicht die unwirtliche Kälte der Natur und der Metternich’schen Restauration vor zwei Jahrhunderten. Es ist die zunehmend unbewohnbare Urbanität der westlichen Welt. Natur? Gibt es nicht mehr. Besingbare Lindenbäume stehen nicht mehr am Brunnen vor dem Tore, sondern sind vermutlich zu Pellets geschreddert, und der Schnee kommt aus der Schneekanone.

Er hat keine Chance

Augst und Daemgen machen aus dem Liedzyklus ein angespanntes Hör-Theater, und sie lassen weder Schubert noch Müller unberührt und unbefragt. Ihr unbehauster Wanderer hat, das hat er mit Müllers und Schuberts lyrischem Ich gemein, vom ersten Augenblick an keine Chance. Er streift nicht durch ein winterliches Mittelgebirge, eher durch eine rush hour am Stadtrand. Natürlich sind da Enttäuschung, eine zerbröselte Liebe, die Ignoranz der anderen und eisige Einsamkeit – aber als universell gewordene Zustände. Romantik bekommt einen neuen Horizont. Zwar träumen die Menschen in ihren Betten „sich manches, was sie nicht haben“, wie vor zwei Jahrhunderten, aber das ist kein Befund, der trösten könnte. Genauso wenig wie der Leiermann, der in vielfältiger Gestalt seit 1827 immer noch „barfuß auf dem Eise“ steht.

Oliver Augst, Marcel Daemgen: Winterreise. 

www.textxtnd.de/musik/winterreise

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