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Weiterhin äußerst ansehnlich: Frankfurts Siedlung Römerstadt, um 1928.

Deutsches Architekturmuseum

Von Zickzackhausen und der Römerstadt

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„Neuer Mensch, neue Wohnung“ heißt es im Deutschen Architekturmuseum. Erinnert wird an das sozialpolitisch motivierte Bauen in Frankfurt.

Frankfurt war während der 1920er Jahre ein ganz besonderes Pflaster. Auch Joseph Roth, einer der findigsten Flaneure und fabelhaftesten Feuilletonautoren, trieb sich in der Stadt herum. Das geschah mal streunend, mal systematisch, auf jeden Fall konnte er mit Fug und Recht festhalten: „Frankfurt a. Main besteht aus einer Stadt und einem Traum.“ Womöglich war das keine Neuigkeit – aber man kann den Satz nicht oft genug wiederholen. Denn tatsächlich, Frankfurt erfand sich in dieser Zeit neu, es war so etwas wie eine neue Gründerzeit, eine Zeit der Visionen, die zweite nach der bürgerlichen nach 1870.

An diesen stark sozialdemokratisch geprägten Aufbruch erinnert jetzt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) mit seiner Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung“. Kurator Wolfgang Voigt nimmt die Herausforderung architekturhistorisch an, aber auch anthropologisch, denn Frankfurt war ein sehr unruhiges Pflaster. Die Tradition stand in Frage, das war auch sehr strapaziös. „Hauruck“ (Voigt) sollte alles Alte abgeschafft werden, das war nicht nur unbequem, das war eine Überforderung.

Schon in Frankfurts Museum Angewandte Kunst (MAK) wurde im Januar zum selben Thema eine Ausstellung eröffnet, der Zeitraum weiter gefasst, von 1919 bis 1933, während das DAM sich mit der Entwicklung von 1925 an befasst. Da hatte sich die Stadt wieder einigermaßen konsolidiert. Dennoch ging es um nichts weniger als die Neugründung einer Großstadt, unter wirtschaftlich weiterhin misslichen Bedingungen, unter sozial prekären, kulturell labilen. Doch wo ein unbedingter Wille war, war auch ein Weg. Überhaupt wurde das Wollen groß geschrieben, der soziale Gestaltungswille an erster Stelle. Gestaltungswille, Formwille: Die Dinge auch ästhetisch anzufassen, lag einfach auf der Hand.

Die Römerstadt, die Hellerhofsiedlung oder Zickzackhausen wurden im Siedlungsbau des 20. Jahrhunderts zu einem festen Begriff. Ausgestattet mit Elektrizität, Zentralheizung, warmem Wasser, festem Radioanschluss und manchem Komfort mehr, dem berüchtigten Klappbett oder der berühmten Frankfurter Küche, bot das Neue Frankfurt nicht nur ein neues, ein Flachdach über dem Kopf. Es bot Wohnraum für tausende, nachdem im Oktober 1925 ein solcher Plan gefasst und in die Tat umgesetzt wurde.

Nicht von ungefähr ruft die Ausstellung zwei entscheidende „Bausteine“ in Erinnerung. Das gewaltige Wohnungsbauprogramm hätte nicht ohne Typisierung und Vorfabrikation von Bauelementen gestemmt werden können. Allerdings erinnert die Ausstellung auch daran, dass der Optimismus in die Plattenbau-Produktion zu groß war und bald schon nachließ, nachdem sich nicht einmal zehn Prozent der Bauten so hatten verwirklichen lassen, kostengünstiger schon gar nicht. Auch das ein Trugschluss.

Baurat Frankfurt an der Spitze erstklassiger Kräfte

Das Neue Frankfurt hatte seine Protagonisten, angefangen mit Ludwig Landmann als Bürgermeister. Ein weiterer, von dem Liberalen nach Frankfurt berufen, war Ernst May. Man erzählt wahrscheinlich 99 von hundert Frankfurtern nichts Neues, wenn man sagt, dass May eine charismatische Persönlichkeit war, die zusammen mit Martin Elsaesser, vom Scheitel bis zur Sohle ein ganz anderer Charakter, einem Amt in der Stadt vorstand, das mit Talenten besetzt wurde, Ferdinand Kramer oder Margarete Schütte-Lihotzky, Adolf Meyer, Mart Stam, Max Cetto, Walter Schwagenscheidt, Werner Hebebrand – eine erste „Reihe moderner Kräfte“ (so der Kollege Bruno Taut). Das Hochbauamt wurde zu so etwas wie einer Kommandozentrale für das Neue Frankfurt, wobei dieses vor allem an der Peripherie hochgezogen wurde. An der Ausstellungswand ein Blatt mit drei geschlossenen Kreisen, in der Mitte ein schwarzer Kern. Das Alternativmodell zeigt einen schwarzen Kern mit sechs an Stegen abstehenden Kreisen. Anstelle der bisherigen, konzentrischen Stadterweiterung setzte Frankfurt auf die dezentrale Stadterweiterung durch Trabanten, die auf der grünen Wiese entstanden, für ein Leben unter naturnahen Umständen.

Auch diese Ausstellung ist, wie bereits diejenige über die „Moderne am Main“ im MAK, ein Beitrag zum diesjährigen Bauhausjubiläum – um sich sogleich von der Vorstellung freizumachen, Frankfurt sei so etwas wie ein Trabant oder Satellit des Bauhauses in Dessau. Frankfurt, betont Wolfgang Voigt, war „kein Planet des Bauhauses“, vielmehr ein „eigener Stern mit eigener Energie“. In der Tat, wenn das Bauhaus so etwas wie eine Kunstschule und ein Atelier der Moderne war, dann war Frankfurt deren sozialpolitisches Labor und Großbaustelle.

Siedlung „Zickzackhausen“ in Niederrad.

Dass das Neue Frankfurt alles andere als ein, wie es jetzt im DAM heißt, „reines Architekturprojekt war“, ist bereits im MAK anschaulich gemacht worden. Zusammen mit Dorothea Deschermeier hat Voigt Pläne und zeitgenössische Fotografien zusammengebracht, Skizzen und Zeichnungen an schwarzen Wänden, die auf etwa drei Viertel ihrer Höhe die Themen annoncieren. Die schwarz-weiße Gestaltung ist eine Reminiszenz an das Design der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“, die die umwälzenden Dinge in der Stadt reflektierte und propagierte. Die schlanke Typografie in der Ausstellung ist ebenfalls eine Ehrerweisung, und die äußerst ansehnlichen Holzmodelle, die am Institut für Entwerfen der Leibniz Universität Hannover, unter Leitung von Zvonko Turkali und Jens Broszeit entstanden, geben von solchen Frankfurter Ikonen, die nicht mehr existieren, eine klarere Vorstellung, etwa vom ungemein robusten Vorgängerbau des Instituts für Sozialforschung. Was für eine Zitadelle.

Auch ist es das Modell, das die recht nette fotografische Ansicht von der Siedlung Praunheim gewissermaßen korrigiert, zeigt es doch den Schematismus eines ab 1930 rigiden Funktionalismus, Dachterrassen hin oder her, auf denen sich die Bewohner sonnen und Luft tanken konnten.

Das war, zumal im Massenwohnungsbau, ein eminenter Fortschritt. Witzezeichnungen aus Frankfurter Blättern zeigen, dass das Frankfurter Klappbett belächelt wurde – oder die Moderne gar übel angefeindet wurde. Frankfurt war ein Pflaster weiterhin aggressiver Traditionalisten.

Dass sich auch die gemeine Kleinfamilie mit der Moderne sehr schwertat, hält ein damaliges Foto fest. Einzug in ein Haus des Neuen Frankfurt mit altem Hausrat und wie antiquiert wirkendem Gerümpel. Wer zunächst auf rund 70, später nur noch vielleicht 50 Quadratmetern einigermaßen erleichtert unterkam, tat sich mit neuen Möbeln und durchdesignten Haushaltsgegenständen schon deswegen sehr schwer, weil all die feinen Dinge, die das berühmte „Frankfurter Register“ in der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ auflistete und feilbot, Lampe, Telefon oder Thonet-Möbel, jenseits bürgerlicher Kreise kaum erschwinglich waren.

Der Siedlungsbau der Jahre kann sich heute noch sehen lassen ebenso wie die Solitäre der Zeit, Kindergarten und Schule, Schwimmbad, ein Pavillon, die Kirchen, das Gesellschaftshaus im Palmengarten, die (durch das Büro Coop Himmelb(l)au misshandelte) Großmarkthalle Martin Elsaessers. Von Hans Poelzigs alles überragendem Verwaltungsgebäude der IG Farben gar nicht zu reden. War es nicht so, dass Frankfurt alles unternahm, um die EZB darin unterzubringen? Unvergessen, dass das FR-Feuilleton am 18.01.1995 den Anstoß zur Nutzung durch die Goethe-Universität gab.

Auch im DAM wird einmal mehr deutlich, dass alle Planung im Neuen Frankfurt nicht nur auf die vier Wände und ein Dach über dem Kopf gerichtet war, sondern auf den Menschen selbst. Unter verbesserten Wohnbedingungen ein verbesserter Mensch, was ein so ambitioniertes Programm wie beängstigendes Dogma war. Die neue Baukunst sollte nichts weniger sein als ein Erzieher, der alte Adam abgeschafft, ein neuer Mensch kreiert werden. Auch in Frankfurt ging ein Nietzsche-Kult um, erst recht in Frankfurt schauten sich euphorisch die Enthusiasten um. Architekturtourismus, damals schon, angezogen von einer weißen Moderne, versehen mit Licht und Luft. War doch das Neue Frankfurt an seinen Entwürfen zu erkennen, an seiner sozialpolitischen Energie, an seinem ethischen Enthusiasmus ebenso wie an einer bedrängenden Ideologie der „Empor-Menschlichung“. Keine Moderne ohne Ambivalenz, keine Aufklärung ohne, nun ja, Dialektik.

Frankfurt als Filiale des Weltgeists der Moderne

Unbestritten, dass der Fortschritt in Frankfurt ein Betätigungsfeld erhielt. Da ein unbändiger sozialer Wille war, war auch Schritt für Schritt ein Weg. Fortschritt und Frankfurt wurden zu einem Synonym. Frankfurt erlebte einen ansteckenden Enthusiasmus und vibrierenden Elan. In der Frankfurter Küche der Margarete Schütte-Lihotzky, in der Ausstellung ein puppenstubengroßes Modell, ging die Arbeit der Hausfrau sicherlich nicht von selbst von der Hand, aber ergonomisch auf jeden Fall günstiger. Ein Teufelskerl wie der junge Mart Stam schuf Wohnungen für Tausende, ein Gestalter wie Ferdinand Kramer Türdrücker und Beschläge, die heute noch der Hand schmeicheln. Selbst in solchen Dingen zeigte sich – wenn man es pathetisch sagen möchte – der Triumph der Typisierung und die Ratio der Rationalisierung.

Man mache sich aber nichts vor: Ein „prestigeträchtiges Expertentum“, so der Katalog, setzte eine „Lebensreform von oben“ auf die Tagesordnung. Es muss aufregend in der Stadt gewesen sein, anstrengend und aufreibend dürfte es ebenfalls gewesen sein, auch wenn die Menschen in Frankfurt einen ungemein relaxten Eindruck machten. So jedenfalls haben es ein René Schickele oder Harry Graf Kessler berichtet. Sonnenbadende, nackte Haut, bebende Körper. Die Aromen einer ausgelassenen Atmosphäre.

Frankfurt war offenbar überhaupt viel Atmosphäre, wirkte ungemein jugendlich, verbreitete sozusagen Gänsehaut pur, nun ja. Ein Joseph Roth gewann andere Eindrücke, darunter den einer doch spirituellen Obdachlosigkeit. Und wer schon sah genauer hin als ein Joseph Roth? Sein Traum war nicht aus dem Neuen Frankfurt gemacht, nicht aus Licht und Luft. Was Roth aus der Zeit des Neuen Frankfurt zu erzählen hatte, war nicht repräsentativ, blieb randständig, peripher.

Im DAM werden die großen Erzählungen des Neuen Frankfurt noch einmal illustriert, vorbildlich auch für die Gegenwart? Die aktuellen Wohnungsbauprobleme werden ausdrücklich erwähnt. Frankfurt, das in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur einmal schmählich an einer Internationalen Bauausstellung gescheitert ist, erlebte 1928 nichts weniger als einen CIAM-Kongress, eine Versammlung der internationalen Architektenelite, auf dem das Wohnen für das Existenzminimum erörtert wurde. Man ließ keine Zeit verstreichen, es in die Tat umzusetzen. So wurde Frankfurt ein Ort der sozialen Großtaten, obendrein einiger architektonischer Meisterbauten, auch wenn die Bauhaus-Heroen, allen voran der Mythenbildner Walter Gropius, alles unternahmen, über Frankfurt bewusst hinwegzusehen. Ein Ernst May hatte schon bei seinem Wohnhaus eine üppige Glasfront übers Eck geführt – das weltberühmte Bauhaus in Dessau zog nach.

Das Neue Frankfurt war womöglich nicht die Weltmetropole der Moderne, aber doch eine Filiale des Weltgeistes der Architekturmoderne. Heute darf man vielleicht sagen, dass im Neuen Frankfurt der Aufbruch durch Architektur ästhetisch und sozialpolitisch zu sich selbst gekommen ist. Beides wollten Rechtsausleger und Populisten so rasch wie möglich abräumen, ihr Aufstand war einer gegen das Expertenwissen, das soziale Gewissen und den ästhetischen Gestaltungswillen. Was sie niederträchtig anbahnten, beendeten die Nazis durch Gewalt.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis zum 18. August. Ein Katalog ist bei DOM Publishers erschienen (228 S., im Museum 22 Euro). www.dam-online.de

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